Als die DDR unterging, saß Christa Wolf zwischen allen Stühlen: Sie war weder Staatsdichterin noch Dissidentin. Sie war gewiss keine Anhängerin der SED-Diktatur, bekannte aber in einem Brief an ihren Kollegen Günter Grass, dass sie dieses Land geliebt habe. Die Schriftstellerin, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, hat sich schwer daran getan, Abschied von der DDR zu nehmen.

Umstritten und geschätzt: Christa Wolf

Umstritten und geschätzt: Christa Wolf
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Hamburg. Als die DDR unterging, saß Christa Wolf zwischen allen Stühlen: Sie war weder Staatsdichterin noch Dissidentin. Sie war gewiss keine Anhängerin der SED-Diktatur, bekannte aber in einem Brief an ihren Kollegen Günter Grass, dass sie dieses Land geliebt habe. Die Schriftstellerin, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, hat sich schwer daran getan, Abschied von der DDR zu nehmen.

Am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Mauerfall, als sie bei der großen Künstlerdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz stand und zu Hunderttausenden sprach, fühlte sie sich noch ganz eins mit ihrem Volk, ihren Lesern.

Bald darauf war sie ernüchtert, denn in Wahrheit hatte sie sich schon meilenweit von den Wünschen und Hoffnungen der DDR-Bürger entfernt. Während sie noch von einem besseren, einem wirklichen Sozialismus träumte, hatten ihre ostdeutschen Landsleute längst damit begonnen, den jahrzehntelang verbotenen Text ihrer Nationalhymne wieder laut zu singen. Darin hatte Wolfs Dichter-Kollege Johannes R. Becher Deutschland noch als "einig Vaterland" beschworen. Kaum war das Land wiedervereinigt, sah sich die jahrzehntelang in beiden deutschen Staaten geachtete Autorin auf einmal heftigen Angriffen ausgesetzt: Ausgangspunkt war ein als apologetisch empfundener schwacher Text unter dem Titel "Was bleibt", den sie wohl besser nicht veröffentlicht hätte. Nun entzündete sich daran ein deutsch-deutscher Literaturstreit, bei dem es freilich nicht nur um Christa Wolf ging, sondern grundsätzlich um die Legitimität der DDR-Literatur und die Haltung der Intellektuellen im anderen deutschen Staat. Als dann auch noch bekannt wurde, dass Christa Wolf, die noch kurz zuvor als Kandidatin für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wurde, einige Zeit unter dem Decknamen "Margarethe" für die Stasi gearbeitet hatte, schien ihr Ruf endgültig ruiniert.

Fair war das sicher nicht, und manche Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Als "Staatsdichterin" wurde Christa Wolf von ihren Lesern in der DDR nie wahrgenommen. Mit ihren besten Werken wie "Der geteilte Himmel" (1963), "Nachdenken über Christa T." (1968) spiegelte sie das Lebensgefühl der ostdeutschen Intellektuellen authentisch wider. Mit "Kindheitsmuster" (1983), einem autobiografisch geprägten Roman über die Kindheit in der NS-Zeit, später auch mit "Kassandra" (1983) und dem nach der Katastrophe von Tschernobyl veröffentlichten Text "Störfall" (1987) thematisierte sie Fragen, die offiziell tabu waren, und machte ihren Lesern damit Mut, den scheinbaren Gewissheiten der scheinheiligen DDR zu misstrauen.

Spätestens als Christa Wolf 1976 mit weiteren Künstlerkollegen gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestierte, fühlte sich die SED-Führung in ihrem Misstrauen gegen die Schriftstellerin bestätigt, die nun als moralische Instanz galt. Doch in dieser Rolle fühlte sie sich von Anfang an überfordert. "Was wollt ihr denn alle von mir? Soll ich ein Held sein, bloß weil ich Geschichten schreibe?", mit diesem Zitat aus "Sommergäste" von Gorki wehrte sie sich gegen das Übermaß an Erwartungen, das viele DDR-Bürger mit ihr verbanden.

Im wiedervereinigten Deutschland ist Christa Wolf still geworden. An ihre große Rolle im Literaturbetrieb konnte sie nicht anknüpfen. Was sie nach 1990 veröffentlichte, zum Beispiel der 1996 erschienene Roman "Medea: Stimmen" wurde verhalten aufgenommen. Bei einer Veranstaltung des Suhrkamp-Verlags bekannte Christa Wolf, dass sie manchmal das Gefühl überkomme, "einer überholten, aussterbenden Art anzugehören, deren Erfahrungen nicht mehr gebraucht werden." Verstummt ist die Büchner-Preisträgerin von 1980 jedoch keineswegs, im Herbst soll bei Suhrkamp ihr Amerika-Roman "Stadt der Engel" erscheinen.