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Kultur & Live

Die Schriftstellerin Christa Wolf wird 80

Die DDR war ihr Land

Vor dem Fall der Mauer wurde sie als gesamtdeutsche Autorin gefeiert, doch nach dem Ende der DDR geriet Christa Wolf heftig in die Kritik. Jetzt feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Die Schriftstellerin Christa Wolf, 1929-2011
Foto: DPA

Berlin. Bei ihren Lesungen füllt sie bis heute die Säle wie erst jüngst wieder in Berlin. Aus allen Teilen der Stadt strömten die meist älteren Besucher in die viel zu kleine Weddinger "Lichtburg". Andächtig hörten sie Christa Wolf zu. Als die Autorin allerdings zu sagen wagte, dass sich die beiden deutschen Staaten vor 1989 viel ähnlicher waren als es ihnen selbst bewusst war, ging hörbar ein Riss durch das Publikum.

Für manchen "Westbürger" war dieser Satz eine zu große Zumutung und die immer lange als gesamtdeutsch gefeierte Autorin mutierte in ihren Augen binnen Sekunden wieder zur DDR-Schriftstellerin. Ein Schicksal, das Christa Wolf, die am 18. März 80 Jahre alt wird, seit fast 20 Jahren kennt. Wie bei kaum einem anderen Literaten "von drüben" änderte sich die öffentliche Wahrnehmung 1990 beinahe allein aufgrund der politischen Umstände.

Die damalige Attacke bundesdeutscher Starfeuilletonisten ist nicht nur ihr unvergessen. Der Beitritt der DDR war noch gar nicht vollzogen, da griffen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und "Die Zeit" die Ost-Berliner Schriftstellerin frontal an. Christa Wolf wurde vorgeworfen, ihr zehn Jahre altes, aber gerade erst erschienenes Buch "Was bleibt" über eine von der Stasi bespitzelte Autorin nicht schon längst im Westen veröffentlicht zu haben. Auch wurde ihr ein "autoritärer" Charakter bescheinigt, da sie zum "Terrorisierungssystem der Staatssicherheit" geschwiegen habe. Was Wolf als "Hetzkampagne" empfinden musste, ging später als "deutsch-deutscher Literaturstreit" in die Annalen ein.

Es war schnell klar, dass es hier nicht nur um Christa Wolf, sondern um eine ganze Generation von Autoren ging, die "abgewickelt" werden sollte. "Wer bestimmt, was gewesen ist, der bestimmt, was sein wird", so hieß es dazu ganz offen in der "Zeit".

Menschen wie Christa Wolf, die als "leise" Dissidentin in loyaler Opposition zur DDR stand und für einen "dritten" Weg zwischen Kapitalismus und SED-Sozialismus eintrat, störten da mehr als die wirklichen "Staatsschriftsteller" wie Hermann Kant. Anders als bei Wolf galt deren Wirken sowieso als beendet.Ihren Kritikern machte sie es allerdings fürwahr einfach. Auch wenn sie im Juni 1989 immer noch früher als die meisten anderen die SED verlassen hatte, war sie doch fast so lange Mitglied gewesen, wie die DDR Bestand hatte. Und weder der Parteiausschluss ihres Mannes, des Schriftstellers Gerhard Wolf, noch ihre wachsenden Zweifel an der Reformfähigkeit des Systems hatten sie zum Austritt bewogen.

"Ich habe dieses Land zu sehr geliebt", gestand sie einmal. Für westdeutsche Ohren befremdliche Worte, zumal im Zusammenhang mit dem freiwilligen Eingeständnis einer Stasi-Zuarbeit in frühen Jahren. Den Akten nach war "IM Margarete" allerdings eine sehr dürftige Geheimdienstquelle. Für die Stasi viel interessanter war hingegen die Schriftstellerin Christa Wolf. Allein für die Zeit von 1969 an füllen die Berichte ihrer Bespitzelung über 40 Bände.

Gerade für die 50er Jahre mag ihr gegenüber der Vorwurf der politischen Blauäugigkeit auch berechtigt sein, eine Opportunistin war sie dennoch nicht. 1965 riskierte sie den offenen Konflikt mit der SED, als sie den "Subjektivismus" in der Literatur verteidigte und sich für Werner Bräunig einsetzte, dessen Roman "Der Rummelplatz" erst jetzt erscheinen konnte, lange nach seinem Tod.

Zwei Jahre zuvor war Christa Wolf für ihren Roman-Erstling "Der geteilte Himmel" über die seelischen Folgen des Mauerbaus mit dem Heinrich-Mann-Preis der DDR ausgezeichnet worden. Dabei wurde ihr aber noch in der Laudatio bescheinigt, dass "die Darstellung der Republik und ihrer Menschen große Lücken aufweise". Auch ergriff Wolf nicht nur das Wort auf der großen Ost-Berliner Protestdemonstration vom 4. November 1989, sondern initiierte bereits 1976 eine Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Dass sie ihre Unterschrift nachträglich zurückgezogen habe, war ein gezielt von der Stasi gestreutes Gerücht, dem ihre späteren Kritiker nur zu gerne aufsaßen.

Mut zur Innerlichkeit und auch zu einem ehrlichen Rückblick auf das eigene Leben bewies die im heute polnischen Landsberg an der Warthe geborene Autorin auch in ihren späteren Büchern, wie etwa in "Nachdenken über Christa T." und "Kindheitsmuster". Darin taucht etwa ein Mädchen vom nationalsozialistischen "Bund Deutscher Mädchen" (BDM) auf, wie es Christa Wolf war, das sich 1939 für den Ausruf ihrer Mutter schämte: "Ich scheiß auf euren Führer!"

Wolfs besonderes Interesse galt immer der Frage, wie Zeitgeschichte und private Existenz, gerade im Leben von Frauen, miteinander verschmelzen. In den 80er Jahren wurde sie damit zu einer der maßgeblichen literarischen Identifikationsfiguren der Frauenbewegung. Auch deshalb war kaum eine andere Persönlichkeit vor 1989 beiderseits der Mauer gleichermaßen angesehen wie Christa Wolf. Als sie dann zum ersten Opfer des "Debattenfeuilletons" wurde, änderte sich dies natürlich abrupt. 2002 bekam Wolf dann den "Deutschen Bücherpreis" der Leipziger Buchmesse verliehen. Das war zwar längst nicht der ihr zuvor schon oft in Aussicht gestellte Literaturnobelpreis. Trotzdem empfanden es viele als eine, wenn auch späte Rehabilitation.epd

 

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