14.03.09

Nachruf: Hanne Darboven starb im Alter von 67 Jahren in Hamburg

Die Kunst war ihr Konzept

In New York begann Ende der 60er-Jahre ihre internationale Karriere. Später zeigten Museen in aller Welt ihre Werke.

Von Claus Friede
Foto: Rathmann
Diese monumentale, bis dato noch nicht gezeigte „Hommage à Picasso“ von Hanne Darboven präsentierten die Hamburger Deichtorhallen 1995. An den Wänden sind die für die radikale Künstlerin typischen gerahmten Zahlen- und Textkolonnen zu sehen.

Hamburg. Hanne Darboven war eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen. Am vergangenen Montag starb sie in Hamburg, am 29. April wäre sie 68 Jahre alt geworden.

Geboren 1941 in München, wächst sie mit zwei Schwestern in Hamburg auf. Die Hamburger Kaufmannsfamilie Darboven gehört zum großbürgerlichen, weltoffenen Großstadtmilieu und lebt im ländlichen Rönneburg.

1962 beginnt sie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg ihr Kunststudium, zunächst bei Wilhelm Grimm, dann bei dem Künstler und Grafiker Almir Mavignier. Sie merkt nach ein paar Jahren, dass sie Hamburg verlassen muss, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Noch während des Studiums begibt sie sich 1966 für zwei Jahre nach New York, ins damalige Zentrum der zeitgenössischen Kunst, wo die Minimal- und Konzeptkunst entwickelt wurde.

Zwar lebt sie die erste Zeit geradezu isoliert im Big Apple, doch kommt sie bald mit den Protagonisten der aktuellen Kunstströmungen in Kontakt. Sie freundet sich mit dem Namensgeber der Conceptual Art, Sol LeWitt, und mit der Kuratorin Lucy Lippard an, trifft die Minimalkünstler Carl Andre und Dan Flavin, begegnet wichtigen Galeristen wie Leo Castelli, mit dem sie später zusammenarbeitet.

Malerei, Farbe und jegliche expressive künstlerische Äußerung auf Leinwand sind bei der New Yorker Avantgarde zu jener Zeit verpönt: Kunst ist in dieser Zeit Konzept, Idee, Bedeutung, Text und Anleitung. In diesem Klima entwickelt Hanne Darboven ihre ersten Werke und Systeme einfacher Zahlenabläufe mit äußerst komplexen Variationsfolgen. Hier legt sie den Grundstein für ihr gesamtes weiteres Werk. Das Serielle und Prozesshafte wird ihr zukünftiges Arbeiten bestimmen. In New York beginnt ihre internationale Karriere.

Inzwischen gibt es kaum ein großes Museum, das ihre Werke nicht gezeigt hätte. Allein in Norddeutschland: die Hamburger Kunsthalle, die Deichtorhallen und die Kestner-Gesellschaft in Hannover. Viermal war sie auf der Documenta in Kassel vertreten, und sie präsentierte 1982 Deutschland auf der Biennale di Venezia. In Erinnerung bleiben werden auch ihre letzten großen Werkschauen bei der Deutschen Guggenheim und im Hamburger Bahnhof in Berlin. 1985 erhielt sie den Edwin-Scharff-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg, 1994 den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg und im Jahr 1997 wurde sie zum Mitglied der Akademie der Künste in Berlin berufen.

Ich lernte Hanne Darboven Mitte der 80er-Jahre kennen, als ich an der Hochschule für bildende Künste studierte - sie war eine große Künstlerin. Ich begleitete eine Freundin, die für ein Kunstmagazin arbeitete und einen Termin mit ihr in Harburg vereinbart hatte. Es sollte um ein Interview über Arno Schmidt gehen, dessen Schreibtechnik Hanne Darboven besonders schätzte. Mit einem Exemplar von "Kühe in Halbtrauer" bewaffnet, standen wir vor der Eingangstür ihres Atelierhauses. Mir klopfte das Herz, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, was uns erwarten würde. Etwas spröde sei sie, hatte mir mein Professor an der Hochschule gesagt. Ich erlebte sie ganz anders, interessiert und warmherzig gegenüber einem jungen Kunststudenten wie mir. Ging es anfangs noch um Arno Schmidt, waren wir schnell bei anderen Themen, sprachen über Rainer Werner Fassbinder, Bismarck, über die Wahrnehmung von Zeit, über tagebuchartiges Arbeiten, Fleißarbeit und die Petersburger Hängung. Sie zeigte uns ihre akribische und geduldige Arbeitstechnik. Ihr Arbeitstisch war so ästhetisch sortiert wie ihr Werk, alles hatte seinen Platz: Papierstapel, Arbeitsmappen, gerahmte Fotos, ein großer schwarzer Aschenbecher, Schreibwerkzeug. Hanne Darboven nahm sich viel Zeit für uns - und dabei viele Zigaretten aus der Schachtel. Die Räume waren fast vollständig zugehängt und zugestellt, Bilderrahmen über Bilderrahmen, Utensilien, teilweise nur schmale Gänge zwischen Tischen, Kommoden, Vitrinen, randvoll mit allerlei Sammelobjekten. Zu jedem Stück gab es eine und ihre Geschichte. Sie stellte Beziehungen und Bezüge her. Sie zeigte uns Arbeitszyklen, öffnete Schubladen mit Blättern aus ihrer New Yorker Zeit. Zahlenkolonnen, Rechenergebnisse auf kariertem Papier. Sie öffnete eine Schachtel und Verpackung nach der anderen, bis es dunkel geworden war. Aus einem kurzen Interviewtermin wurde eine Exkursion in die künstlerische Welt der Hanne Darboven.

Wir trafen uns danach immer wieder, etwa ein Jahr später, als sie die Ausstellung "Theatre 1985" in der Hamburger Galerie Ascan Crone vorbereitete. Tagelang war ich damit beschäftigt, die zig Bilderrahmen, die ihre Zahlenadditionen, tagebuchähnlichen Schreibwerke und Einträge hielten, präzise ohne Zwischenräume an die Wand zu bringen. Und danach trafen wir uns regelmäßig anlässlich ihrer Ausstellungen.

Von ihrem Werk kann, muss man beeindruckt sein! Ich war seit dem ersten Zusammentreffen von ihrer Klarheit, Überlegtheit und ihrem Wissen so hingerissen, dass dieser Atelierbesuch zu den nachhaltigsten gehört, die ich jemals erleben durfte. Seither habe ich Hanne Darboven und die Eindrücke in ihrem Haus bildlich vor meinen Augen. Bei ihr verschmolzen menschliches Wesen und künstlerische Arbeitsweise zu einer kreativen, einzigartigen Einheit. Die Ergebnisse ihres vielseitigen und komplexen Werks und Wirkens, das von einem musikalischen Interesse über die Hinwendung zu Literatur und Theater bis hin zur Fotografie reichte, werden uns erhalten bleiben.


Der Autor Claus Friede lebt als Kulturmanager, Moderator und Veranstalter in Hamburg.

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