Roman: Bodo Kirchhoff
Wenn Mann und Banker am Ende sind
Bodo Kirchhoffs Held ist in "Erinnerungen an meinen Porsche" an seinem empfindlichsten Teil verletzt - und wird durch die Finanzkrise ausgebremst.
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Hamburg. Vermutlich ist er der attraktivste Schriftsteller seiner Generation, einer der wortgewaltigsten und produktivsten auf jeden Fall. Bodo Kirchhoff, der im vergangenen Sommer 60 Jahre alt wurde, kann auf ein umfangreiches Werk zurückblicken. Seit seinem Debüt 1979, einem Erzählband mit dem Titel "Ohne Eifer, ohne Zorn", hat er Romane und Erzählungen geschrieben, Reportagen und Essays, Novellen und Kurzgeschichten, Theaterstücke und auch Gedichte. Er hat eine beachtliche Anzahl an Drehbüchern verfasst, vor allem für die Krimiserie "Die Kommissarin" - sie sind der Schauspielerin Hannelore Elsner gewissermaßen auf den Leib geschrieben. Und auch ein veritabler "Schundroman" ist unter seinen Büchern: mit diesem augenzwinkernden Titel erschien 2002 ein wunderbar kauziger Roman, ein großer Publikumserfolg.
Wenn Bodo Kirchhoff, der 1948 in Hamburg geboren wurde, heute in den Kammerspielen aus seinem neuen Roman "Erinnerungen an meinen Porsche" lesen wird, so kehrt er auch in einen sehr frühen Abschnitt seiner Kindheit zurück. Denn hier stand Kirchhoffs Mutter Evelyn Peters als Schauspielerin auf der Bühne.
Kirchhoffs Ich-Erzähler mit dem stabgereimten Namen Daniel Deserno hat seinen Auftritt in einem exklusiven Sanatorium in Badenweiler. Dieser "D.D.", ein 39 Jahre alter Investmentbanker aus der sogenannten "Schweineabteilung", hatte, ausgerechnet an Heiligabend, eine unliebsame und folgenreiche Begegnung mit einem gottlob "rost- und keimfreien Alessi-Korkenzieher". Das Designermodell in der Hand von Freundin Selma verletzte Kirchhoffs tragischen Helden an jenem hochempfindlichen und störanfälligen Körperteil, den man in Dannys Kollegenkreis gern als "Porsche" bezeichnet. Nicht nur die Harnröhre ist verletzt, sondern der ganze Mann wird heimgesucht "von spontan reaktiver Gangstörung im Rahmen einer personalen Gesamtkrise". Mit anderen Worten: Bei unserem traurigen Helden, von dem man nicht genau weiß, ob er ein Kotzbrocken ist oder bloß ein armes Würstchen, läuft nun gar nichts mehr, weder der konkrete Porsche noch der metaphorische.
In den Rollstuhl gezwungen, nutzt er seinen Laptop nun für Buchstaben. Immerhin weiß er: "Wer ein Buch schreiben will, muss Zeit und Geld haben und wenigstens einen guten Grund. Zeit hatte ich genug unter all den Prominentenleichen im Waldhaus, ebenso Geld, ob in Übersee oder hier, und mein Grund lag auf der Hand, wenn ich an mir heruntersah; dazu kam die Weltlage in diesem Herbst, womit ich das allgemeine Finanzchaos meine."
Diesen lakonischen Ton trifft Bodo Kirchhoff wie sonst keiner, mit gnadenlosem Blick durchleuchtet er seine, meist männlichen, Protagonisten ohne Scham. "Ich bin jemand, der immer auch mit einem Fuß auf der schiefen Bahn ist", bekannte der Schriftsteller. "Anders könnte ich auch gar nicht schreiben. Ich brauche dieses Anstemmen gegen die schiefe Bahn." Der Schriftsteller, geerdet durch Familie mit zwei Kindern und einem Hund, lebt seit Jahrzehnten in Frankfurt und am Gardasee, wo er seit einigen Jahren zusammen mit seiner Frau Schreibseminare für Interessierte gibt.
Ein für den Sommer geplanter Kursus trägt den Titel "Erotische Passagen - der schmale Grat zwischen Kitsch und Obszönität". Das ist schon immer Thema seines Schreibens gewesen: die Beschäftigung mit Erotik und Sexualität, mit der Liebe und dem Wahnsinn der Gefühle. Als "Spezialist der Begierde" wurde Bodo Kirchhoff bezeichnet, als einer, der "das Erotische in allen seinen Schattierungen und Abschweifungen" zum Gegenstand seines Schreibens gemacht habe. In seiner Frankfurter Poetik- Vorlesung unter dem Titel "Legenden um den eigenen Körper", sagte er: "Schreiben heißt: Abgrund plus Handwerk, das eine ohne das andere ist nichts."
Tatsächlich kreisen alle seine literarischen Werke in mehr oder weniger engen Bahnen um die eigene Biografie - ohne jemals dem Leben eins zu eins nachgeschrieben zu sein. So liefern etwa die verwirrenden Erlebnisse während Kirchhoffs Zeit im Internat, in das er nach der Scheidung der Eltern 1959 bis zum Abitur einzog, immer wieder Stoff für das Leben als Schriftsteller. Zuletzt, 2008, erschien der deutlich autobiografisch gefärbte Roman über eine Freundschaft, die im Internat entstanden war: "Eros und Asche".
Um Eros, kein Wunder bei unserem verhinderten Helden, geht es selbstverständlich auch im neuen Roman, und damit auch um das Weibliche. Es tritt hier vielschichtig auf. So kündigt Dannys Mutter Ursel, immer noch latzhosenbewehrt, ihren Besuch an, ebenso wie jene tatkräftige Selma, die auf Versöhnung hofft und für Überraschung sorgt. Interesse zeigt der Mann mit Handicap auch an seiner Therapeutin und ganz besonders an einer Mitpatientin, der vom Erfolg "verstörten Helene". Es handelt sich um die Verfasserin eines Megasellers, eines "Hämorrhoidenhits", eines "Porenners" - man ahnt, wen Bodo Kirchhoff da im Blick gehabt hat. Klar, bei 1800 Euro Tagessatz tummelt sich ein illustres Völkchen im Sanatorium, bekannt aus dem Showbiz, eine als "Lackente" bezeichnete Fernsehmoderatorin, ein alternder Sänger, die "Volksschwuchtel", ebenso wie der abgehalfterte Spaßvogel des Fernsehens.
Bodo Kirchhoff, ein feinnerviger und theoriebeschlagener Intellektueller, der über den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan promoviert hat, gönnt sich gelegentlich den Spaß, seinen Stoff aus dem prallen Leben herauszupicken: Das Derbe und das Diffizile liegen bei ihm oft eng beieinander. Nachdem er in der Novelle "Der Prinzipal" (2007) eine Figur erschaffen hat, die an Peter Hartz erinnert, macht er nun also einen Banker zum Romanhelden, der anderer Leute Geld versenkt und sein eigenes selbstverständlich todsicher angelegt hat. Zugleich beinhaltet dieser rasante, amüsante und wunderbar boshafte Roman auch eine kleine Anleitung fürs Schreiben literarischer Texte. Eine Regel lautet: "Schreiben ist Handwerk plus eigener Sumpf, das eine ohne das andere ist nichts." Daniel Deserno, der hier Rechenschaft ablegt über sein Leben als Mann, hat bei seinem Meister Kirchhoff offensichtlich gelernt.
Bodo Kirchhoff: Erinnerungen an meinen Porsche, 223 Seiten, 17,95 Euro, Hoffmann & Campe Verlag
Der Autor liest als Gast der Buchhandlung Heymann und des Hoffmann und Campe Verlags heute, 20 Uhr, in den Hamburger Kammerspielen, Hartungstraße.




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