2009 will der quotenstarke Jörg Pilawa mit dem täglichen ARD-Quiz aufhören
Schluss mit täglichem Quiz! Pilawas überraschende Pläne
Er ist Hamburgs TV-König 2008. Nahezu täglich ist er mit seinen Shows zu Gast in den Wohnzimmern der Deutschen. Im Abendblatt spricht Moderator und Unternehmer Jörg Pilawa erstmals ausführlich über die Zukunft des Fernsehens, "Sissi" mit Schnittchen und eigene Pläne - und bringt überraschend seinen Nachfolger für das ARD-Quiz ins Gespräch. Bilder von Jörg Pilawa.
Foto: Hernandez
Abendblatt:
Herr Pilawa, wie sind Ihre Fernseh-Erinnerungen, was wurde früher bei Ihnen geguckt?
Jörg Pilawa:
Im Wohnzimmer in Poppenbüttel gab es einen Fernsehschrank aus Mahagoni, der aufgeschlossen wurde, wenn man gucken wollte. Und in der Fernsehzeitschrift wurden die Sendungen mit dem Textmarker unterstrichen. "Bonanza", "Väter der Klamotte", "Flipper". Später kam die klassische Sonnabendshow: "Verstehen Sie Spaß?", "Einer wird gewinnen". Mutti hat Schnittchen gemacht und meine Schwester und ich saßen frisch gebadet vor dem Fernseher.
Abendblatt:
Der Unterschied zu früher ist also: Sie schauen nicht mehr in die Mahagoniwand hinein, Sie kommen da jetzt heraus.
Pilawa:
Genau. Wobei das Fernsehen ja mittlerweile mehr das ist, was das Radio damals war: Es läuft so nebenbei. Und dann auch noch auf mehr als 30 Programmen - wie will man denn da eine vergleichbare Aufmerksamkeit bekommen? Allerdings macht das Moderieren bei meiner Tätigkeit vielleicht 30 Prozent aus. Zu 70 Prozent bin ich Produzent.
Abendblatt:
Wie viel Sorgen macht es Ihnen als Fernsehmacher, dass junge Zuschauer wegbleiben?
Pilawa:
Was keiner hinterfragt, der das bemängelt: Wo sind sie denn hin, die 14- bis 49-Jährigen? Wenn bei "Schlag den Raab" zwei Millionen 14- bis 49-Jährige zuschauen, ist das ein Marktanteil in dieser Gruppe der Fernsehzuschauer von 30 Prozent. Aber von der Gesamtzahl der 14- bis 49-Jährigen in Deutschland sind es nur noch fünf Prozent! Das heißt: 95 Prozent haben es nicht geguckt. Ja, wo sind die?!
Abendblatt:
Und, wo sind die?!
Pilawa:
Das ist eine Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Die ist gewohnt, die Dinge zu tun, wenn sie Lust dazu hat. Das geht mit dem Fernsehen nicht - aber mit dem Internet. Also, warum soll man, wie unsere Eltern, um 20.15 Uhr einschalten, wenn man alles 24 Stunden verfügbar haben kann?
Abendblatt:
Was machen Sie als Produzent mit diesem Wissen?
Pilawa:
Zunächst einmal dürfen wir nicht vergessen, dass die Generation 50 plus durch das Fernsehen sozialisiert wurde und auch immer noch gern guckt. Das ist ein Pfund, von dem wir bei den Öffentlich-Rechtlichen auch leben. Soll ich die verprellen, um fünf oder sechs Prozent junge Zuschauer zu bekommen? Das können wir uns nicht erlauben. Deshalb glaube ich, dass die Zukunft, und zwar auch die der öffentlich-rechtlichen Programme, auch im Netz liegen muss. Egal, wie die rechtliche Lage derzeit ist.
Abendblatt:
Sie appellieren also dafür, die jüngere Generation für das klassische Fernsehen aufzugeben und sich stattdessen dahin zu begeben, wo sie guckt?
Pilawa:
Richtig. Und es gibt ein Beispiel im dritten Programm, wo das hervorragend funktioniert: die Sendung "Extra 3". Die haben Zuschauer generiert, weil Leute über YouTube darauf aufmerksam geworden sind.
Abendblatt:
Wie konkret arbeiten Sie daran, in den Formaten, die Sie produzieren?
Pilawa:
Durchaus konkret. Ich arbeite beispielsweise mit britischen und kanadischen Wissenschaftlern an einem Sendekonzept, in dem es darum geht, autark zu leben. Wie viel Land brauche ich dafür, ohne ins Mittelalter zu verfallen? Ich möchte nach wie vor ins Internet, aber ich brauche einen kleinen Fischteich, ein paar Tiere, etwas Gemüseanbau. Das Projekt wollen wir Ende 2009 verwirklichen, und man soll es 24 Stunden lang im Internet anschauen können. Im Fernsehen könnte man es mit Dokumentationen begleiten.
Abendblatt:
Klingt wie: "Big Brother" trifft "Bauer sucht Frau". Mit Gutmenschen. Vermutlich ein Erfolg.
Pilawa(lacht):
So ungefähr. Es ist ein Versuch. Im Internet könnte das funktionieren.
Abendblatt:
Wird Ihnen das Medium Fernsehen zu eng?
Pilawa:
Ich versuche das eher positiv zu sehen. Deshalb bin ich ein großer Freund der Quote. Wir müssen nur lernen, sie richtig zu lesen. Wir dürfen nicht nur darauf achten, wie viele geguckt haben, sondern auch welche Leute.
Abendblatt:
Welcher Beruf steht in Ihrer Steuererklärung?
Pilawa:
Da steht Journalist.
Abendblatt:
Wie kommt das denn?
Pilawa (grinst):
Das ist ja ein nicht geschützter Beruf. Aber im Ernst: Ich habe tatsächlich mal damit angefangen, Nachrichtenblöcke zu schreiben. Das Moderieren mache ich gern, weil man durch die Reaktion der Zuschauer immer etwas zurückbekommt. Wenn man es schafft, die Menschen am Abend für eine halbe Stunde aus den Sorgen des Tages herauszuholen, dann habe ich doch schon etwas erreicht.
Abendblatt:
Die Quizshow als Gegenprogramm zur Krise?
Pilawa:
Zumindest ist es eine halbe Stunde Entspannung. Ich finde übrigens, dass es in Deutschland eine etwas schräge Vorstellung darüber gibt, was TV-Unterhaltung eigentlich kann. Ich kenne wenige Politmoderatoren, die eine Unterhaltungssendung machen könnten, aber viele Unterhalter, die problemlos ein Politmagazin moderieren könnten.
Abendblatt:
Könnten Sie?
Pilawa:
Ich will es nicht! Aber klar könnte ich das, problemlos: Man hat eine Woche Zeit, sich auf ein Thema vorzubereiten, schreibt ein paar schöne Texte auf den Prompter. Sehr ehrenwert. Aber etwas anderes, als drei Stunden als Zirkuspferd durch die Manege zu laufen. Gottschalk etwa könnte problemlos beides, wie man schon daran sieht, wie er sich mit Reich-Ranicki geschlagen hat.
Abendblatt:
Das ist ein schönes Stichwort. Anfang des Jahres saßen Sie in der Jury für die Goldene Kamera und haben befunden: Das deutsche Fernsehen ist besser, als ich immer dachte. Hat Marcel Reich-Ranicki mit seiner Kritik also Unrecht und das Fernsehen bloß ein Imageproblem?
Pilawa:
Das Fernsehen hat ganz klar ein Imageproblem. Aber Reich-Ranicki hat aus seiner Sicht trotzdem recht. Bloß ist seine Sicht eben etwas beengt. Ich bin viel international unterwegs, kein anderes Land macht so tolles Fernsehen wie wir.
Abendblatt:
Worin ist das deutsche Fernsehprogramm besser als alle anderen?
Pilawa:
In allem. Gut, die BBC hat auch ein paar gute Dokumentationen. Aber die Leute, die immer meckern, sollen auf die Tasten 1, 2, 3 und 4 ihrer Fernbedienung mal Arte, 3sat, Phoenix und n-tv programmieren. Das haben die meisten anderen Länder nicht. Aber die Leute schalten sich gerade mal durch das Erste, das Zweite, RTL und Sat.1 und wundern sich: Mensch, da läuft ja gar nichts. Dabei kann man an einem Abend zwischen einer Thomas-Mann-Verfilmung und "Big Brother" entscheiden! Wenn ich mir dagegen Italien anschaue, wo den ganzen Tag Tutti-Frutti-Mädchen durchs Bild laufen, das ist schlechtes Fernsehen.
Abendblatt:
Welche Trends erkennen Sie denn inhaltlich für das deutsche Fernsehen der Zukunft? Was ist, am Erfolg gemessen, die Quizshow der Zukunft?
Pilawa:
Das Quiz an sich ist ein sehr, sehr deutsches Fernsehphänomen. Der Erfolg, den die Quizshows weltweit hatten, ebbt überall ab - nur bei uns sind sie nach wie vor sehr erfolgreich.
Abendblatt:
Woran liegt das?
Pilawa:
Es hat sicher etwas zu tun mit dem Bewusstsein, im Land von Lessing, Schiller und Goethe zu leben. Außerdem glaube ich, die Interaktion ist den Deutschen wichtig. Man kann ja vor dem Fernseher mitraten. Und da hast du immer das Gefühl, du bist sehr gut und würdest weit kommen.
Abendblatt:
Die Show der Zukunft ist also: die Quizshow?
Pilawa:
Es wird weitere Formen geben. Mehr interaktive Elemente. Aber die Quizshow wird es noch eine ganze Weile geben.
Abendblatt:
Mit Ihnen als Moderator?
Pilawa:
Das ist eine andere Frage.
Abendblatt:
Wie ist die Antwort?
Pilawa:
Nachdem ich in diesem Jahr deutlich gespürt habe, dass ich körperlich an meine Grenzen gekommen bin, würde ich gern, wenn meine Nachfolge geklärt ist, 2009 mit der täglichen Quizshow aufhören.
Abendblatt:
Ihr Vertrag läuft bis April 2010. Sie erfüllen ihn nicht?
Pilawa:
Ich muss für mich einfach mal einen Schlussstrich ziehen. Wir machen im nächsten April die 1500. Sendung!
Abendblatt:
Und dann?
Pilawa:
Das Quiz ist eine so starke Sendung, dass es mich freuen würde, wenn die von einem Kollegen fortgeführt würde.
Abendblatt:
Von wem?
Pilawa:
Es gibt ein paar tolle Namen. Wen ich wirklich gut finde, das ist Sven Lorig aus dem "ARD-Morgenmagazin". Der hat eine ganz tolle Entwicklung durchgemacht, bei ihm könnte ich mir das sehr gut vorstellen.
Abendblatt:
Bis dahin machen Sie aber ja noch ein paar Sendungen. Muss der Produzent Pilawa dem Moderator Pilawa da manchmal einen sanften Motivationsstoß versetzen?
Pilawa:
Das muss ich nickend bejahen. Ich habe schließlich fast 30 fest angestellte Mitarbeiter. Ich möchte morgens in den Spiegel schauen können und denken: Ja, sie haben nach wie vor einen Job. Deshalb zwingt man sich manchmal zu Sachen, die man als reiner Moderator so vielleicht nicht machen würde.
Abendblatt:
Wir kennen Sie nur nett - als Unternehmer müssen Sie auch streng, manchmal hart sein. Können Sie das?
Pilawa:
Das gehört dazu. Das muss man lernen. Ich habe mich tatsächlich schon von Mitarbeitern trennen müssen, weil es einfach nicht geklappt hat. Das sind die schlimmsten Gespräche. Kalkulationen sind auch nicht so lustig. Aber wir konnten uns in den siebeneinhalb Jahren, die es uns gibt, sehr gut entwickeln. Wir haben mit vier Mitarbeitern angefangen, jetzt sind wir fast 30.
Abendblatt:
Sie sind nicht der Einzige, der erfolgreich in Hamburg produziert und moderiert: Gibt es Austausch zwischen den Kollegen Pilawa, Beckmann, Kerner? Am Hamburger Star-Moderatoren-Stammtisch?
Pilawa:
Wir haben natürlich Kontakt. Ich bin ein einziges Mal krankheitsbedingt ausgefallen - und Reinhold Beckmann hat meine Show übernommen.
Abendblatt:
Das wirft man Ihnen gern vor: Austauschbarkeit.
Pilawa:
Eben das sind wir nicht! Er hat es total anders gemacht als ich. Er hat ganz andere Talkqualitäten, ein ganz anderes Gefühl für Tempo, und ich habe das, krank im Bett, gern gesehen. Ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob er jetzt eine bessere Quote hat als ich. Es war übrigens eine Superquote.
Abendblatt:
Sie sind ein neidfreier Mensch? Glauben wir nicht.
Pilawa:
Ach, damit gehe ich professionell um. Bloß wenn ich sehe, was Kollegen bei anderen Sendern für Möglichkeiten haben, innerhalb des Systems ihr eigenes Programm zu bewerben, da werde ich dann doch neidisch und denke: Warum kriegen wir das in der ARD nicht hin?
Abendblatt:
Weil die ARD eine Behörde ist ...?
Pilawa:
Weil es die ARD real nicht gibt. Es gibt neun Rundfunkanstalten, jeder hat Zuständigkeiten, über die muss abgestimmt werden. Wir schaffen es gar nicht, fünfmal hintereinander den Sonnabend freizuräumen.
Abendblatt:
Macht Sie das nicht auf die Dauer wahnsinnig?
Pilawa:
Nein. Weil ich dieses öffentlich-rechtliche System so liebe, darf ich es auch kritisieren. Kleine Dinge ändern sich ja. Wir haben es in diesem Jahr geschafft, drei Donnerstage hintereinander um 20.15 Uhr den Unterhaltungsplatz mit unserem Reisequiz zu besetzen - mit von Mal zu Mal steigenden Quoten. Nächstes Jahr haben wir schon zwei Trilogien. Da haben wir schon etwas bewirkt. Der Donnerstagabend ist der Sonnabend der Zukunft. Wegen der Vorfreude aufs Wochenende. Langfristig wird nur "Wetten, dass ..?" am Sonnabend überleben.
Abendblatt:
Sie sagen zu Beginn Ihrer täglichen Quizshow jedes Mal, dass Sie aus Hamburg senden - warum betonen Sie das?
Pilawa:
Das ist eine verbale Verneigung vor meiner Heimatstadt. Ich bin tierisch froh, dass ich als Hamburger so eine Sendung aus Hamburg machen kann. Hamburg hat auch das beste Publikum. Man denkt, das ist so steif - is' aber gar nicht so. Beim Warm-up vor der Sendung geht's auch um Poppenbüttel, und es gibt immer jemanden, der jemanden kennt, der mit mir zur Schule gegangen ist.
Abendblatt:
Und offensichtlich hat sich Hamburg auch als Produktionsstandort bewährt.
Pilawa:
Ja. Obwohl die großen Medienpolitiker in Hamburg extrem geschlafen haben. RTL hat mal mit dem Gedanken gespielt, nach Hamburg zu kommen - da hat in Hamburg keiner reagiert! Ich produziere hier im Jahr über 200 Sendungen, bei mir hat noch nicht einer aus der Behörde mal Danke gesagt oder so.
Abendblatt:
Hat sich Ihnen die Mediensenatorin mal vorgestellt?
Pilawa:
Mit mir hat noch keiner gesprochen. Das geht den anderen Protagonisten in Hamburg nicht anders. Einerseits mag ich das ja, dieses hanseatisch Reservierte. Andererseits ...
Abendblatt:
... wird das hanseatische Understatement als Ausrede fürs Weiterschlafen benutzt?
Pilawa:
Ja. Wer hier alles weggegangen ist: Sat.1, Premiere, MTV, MME! Ja, man hat in Hamburg geschlafen. Und es ist eigentlich immer noch so. Aber Hamburg ist eben trotzdem eine tolle Stadt, um hier zu leben.
Abendblatt:
Sie leben in Bergedorf. Wie sieht denn die Fernseh-Weihnacht im Hause Pilawa aus? Wird überhaupt geguckt?
Pilawa:
Nein. Bei uns bleibt zu Weihnachten der Fernseher aus. Aber ich hab mich gefreut, letzte Woche zu sehen, dass "Sissi" erfolgreicher war als "Die Patin" mit Veronica Ferres. Als ich nach Hause kam, hat meine Frau auch "Sissi" geguckt. Und dann haben wir das beide zu Ende geguckt. Und viel geschmunzelt.
Abendblatt:
Ach was! Pilawa schaut "Sissi"!
Pilawa:
Zu Weihnachten kann ich das gut ertragen. Das passt.
Abendblatt:
Gab's Schnittchen?
Pilawa:
Muss ich mal überlegen. Ich hab mir ein Brot gemacht, ja.
Abendblatt:
Schnittchen! Der eigentliche Unterschied ist: Früher hat Mutti die Schnittchen geschmiert ...
Pilawa:
... heute schmiert Vati selbst. Genau.




Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




