Interview mit "O’Horten" -Regisseur Bent Hamer
"Regisseur zu werden, daran habe ich früher nie gedacht"
Abendblatt-Redakteur sprach mit dem norwegischen Regisseur Bent Hamer.
Hamburger Abendblatt: Was war als Junge Ihr Traumberuf?
Bent Hamer: Ich weiß eigentlich immer noch nicht, was ich sein will. Wissen Sie, der kleine Junge im Film ist mein Sohn. Ich musste ihn bestechen, damit er überhaupt mitmachte. Er will kein Schauspieler werden. Ich musste ihm eine Playstation kaufen, und er wollte trotzdem noch nachverhandeln. Er möchte Profifußballer werden. Das kann ich gut verstehen. Regisseur zu werden, daran habe ich früher eigentlich nie gedacht.
Abendblatt: Sie sind zufällig einer geworden?
Bent Hamer: So kann man das auch nicht sagen. Alles erwächst ja irgendwie aus dem Drang zu beobachten und zu erzählen. Die tiefere Bedeutung ist vielleicht, dass man geliebt werden möchte.
Abendblatt: Früher hatten viele Jungens Modelleisenbahnen. Sie auch?
Bent Hamer: Nein, ich habe viel Fußball gespielt. An Technik war ich nicht so interessiert.
Abendblatt: Was war also der Auslöser für diesen Film?
Bent Hamer: Ich weiß es nicht. Wir haben ja schon viele Filme über Züge und Zugfahrten gesehen. Es gibt da ziemlich viele Metaphern und symbolische Bedeutungen. Ich habe in meinen alten Notizen geblättert und darin Aufzeichnungen über einen Zugbegleiter gefunden. Manchmal vergisst man etwas und erinnert sich dann auf eine andere Weise wieder daran.
Abendblatt: Aber irgendwo müssen sie doch beim Schreiben losgelegt haben.
Bent Hamer: Das ganze Schreiben war sehr merkwürdig. Normalerweise habe ich eine genaue Idee, oft ist es eine Situation. Dann beginne ich im Inneren der Geschichte und arbeite mich nach draußen durch. Diesmal habe ich außen begonnen und musste irgendwie die Mitte finden. Und irgendwie bin ich immer noch mit Odd Horten in diesem Zug unterwegs.
Abendblatt: Wie haben Sie sich mit der Eisenbahngesellschaft geeinigt?
Bent Hamer: Das war nicht einfach. Man kann den Leuten ja schlecht sagen, wenn wir uns nicht einigen, gehe eben zu der nächsten Gesellschaft wenn es nur eine gibt wie in Norwegen. Ich halte es übrigens für einen Fehler, die Bahn zu privatisieren, wie man es in England gemacht hat. Wenn man erst einmal die Drehgenehmigung hat was ganz schön lange dauerte und die Leute triffst, die dort arbeiten, wird es wirklich interessant. Solche Erlebnisse zählen für mich zu den interessantesten Dingen beim Filmemachen.
Abendblatt: Sind Zugführer wirklich so skurril?
Bent Hamer: In der Szene, in der Odd Horten verabschiedet wird, sind zwölf der Lokführer echt, nur sechs sind Schauspieler. Ich war da wohl ziemlich nah an der Wahrheit dran. Sie haben zwar auch gelacht, aber meistens waren sie sehr still. Und als wir die Quiz-Szene gedreht haben, in der fahrende Loks an ihren Geräuschen erkennen sollen, beschwerten sie sich, dass die neuen Loks so leise sind, dass die typischen Geräusche immer schwerer zu erkennen sind. Einer der Lokführer hat sein Handy während der Fahrt aus dem Fenster gehalten und aufgenommen. Den Fahrtwind hat er nun als Klingelton.
Abendblatt: Sie erzählen eine Geschichte über das Leben nach dem Ende des Berufslebens…
Bent Hamer: Für viele Leute ist das hart. Man verliert sozusagen über Nacht seine Integrität. Es geht um Einsamkeit und darum Ja zum Leben zu sagen. Außerdem sind die Dinge manchmal nicht so, wie sie scheinen.
Abendblatt: Es ist sozusagen eine späte Coming-of-age-Geschichte.
Bent Hamer: Stimmt.
Abendblatt: Ihre Geschichten wirken sehr skurril. Woher kommen sie?
Bent Hamer: Sie sind real für mich. Und das wahre Leben schreibt immer noch die skurrilsten Geschichten. Es gibt im Film eine Szene, in der Horten mit dem alten Mann Auto sitzt, der mit verbundenen Augen fährt und nichts sehen kann. So etwas ist wirklich passiert. Ein Freund hat mir davon erzählt, der so etwas in Sandefjord erlebt hat. Der Fahrer ist damals ziemlich weit gekommen, bis das Auto gegen den Kantstein fuhr und stoppte. Als man die Tür öffnete stellte man heraus, dass der Fahrer schon tot war. Die Geschichte hat mir gefallen.
Abendblatt: Ihr Humor ist einzigartig, aber gibt es Vorbilder, die Ihnen gefallen?
Bent Hamer: Für mich ist Absurdität eine Frage der Präzision, wie in einem Gedicht.
Abendblatt: Gibt es Länder, in denen die Leute Ihren Humor besonders gut verstehen?
Bent Hamer: Nicht, dass ich mit Ihnen flirten wollte, aber in Deutschland laufen meine Filme besonders gut. "Kitchen Stories" haben hier mehr Leute gesehen als in Norwegen. In Schweden mag man dagegen keine norwegischen Filme.
Abendblatt: Können Sie sich das erklären?
Bent Hamer: Ja, aber ich möchte es Ihnen nicht sagen. Interview: Volker Behrens




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