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Kultur & Live

Wolf Biermann bekommt die Ehrendoktorwürde der Humboldt-Uni

"Was ich bin, wurde ich durch die Partei"

Ein Gespräch über die Liebe zur Hauptstadt, über Gedichte und den besten Platz für die ewige Ruhe.


Foto: dpa

Hamburger Abendblatt: Hamburg nennen Sie Ihre Vaterstadt, Berlin sprechen Sie im Titel Ihres neuen Gedichtbandes als "du deutsche deutsche Frau" an. Warum ist Hamburg für Sie männlich und Berlin weiblich?

Wolf Biermann: Ich habe das noch nicht gemerkt und denke erst jetzt darüber nach. Sie haben wohl Recht, wahrscheinlich ist das so.

Abendblatt: Als Sie 1955 nach Berlin kamen, war diese deutsche Frau mit zweifelhafter Vergangenheit nicht ansehnlich, sondern zerschunden. Warum haben Sie sich trotzdem in Berlin verliebt?

Biermann: Mit der Liebe zu Städten ist es wie mit der Liebe zu Menschen: sie hat keine rationalen Gründe. Für mich als Kind kommunistischer Eltern war die DDR damals mein Vaterland. Ich fühlte mich 1953, als ich in den Osten kam, und zwar zunächst nach Gadebusch, wie ein Geisterfahrer, der sich wundert, dass alle anderen in die verkehrte Richtung fahren. Ich kam in die DDR zu einer Zeit, in der Zigtausende DDR-Bürger in den Westen flohen. Aber trotzdem war es ohne pathetische Übertreibung für mich die Rettung, ins Paradies der Arbeiter und Bauern zu gehen, um mich durch eigene Erfahrung zu ändern. Als Revolutionstourist, der dann wieder hier in Hamburg lebt, hätte ich vom so genannten Kommunismus in der DDR nichts begriffen.

Abendblatt: Trotzdem dürfte Berlin 1955 eine traurige Stadt gewesen sein,..

Biermann: Für mich nicht, denn man lebt ja nicht in einer Stadt, sondern in einem Kiez, in einer Straße, in einem Haus, in einer Wohnung. Und ich lebte im Studentenwohnheim Biesdorf, im Zimmer 232 mit vier Mann und zwei Doppelstockbetten. Dort war es wunderbar, denn im 3. Stock wohnten die Studentinnen. Ich fuhr jeden Tag mit der S-Bahn eine halbe Stunde zum Marx-Engels-Platz, der jetzt wieder Hackescher Markt heißt, studierte an der Humboldt-Uni Wirtschaftswissenschaften und war glücklich. Viel glücklicher als in Hamburg, wo ich in meiner Klasse am Heinrich-Herz-Gymnasium der Kleinste, der Dümmste und der Ärmste war. Der Längste war übrigens ein Mann, der gerade jetzt in Hamburg als Retter von Hapag-Lloyd gefeiert wird. Ich habe mich mit Bürgersöhnen wie Klaus-Michael Kühne geprügelt, weil wir uns über den Kommunismus nicht einigen konnten, von dem wir beide keine Ahnung hatten. Inzwischen sind wir untrennbare Freunde, das heißt: wir diskutieren immer noch.

Abendblatt: Wann haben Sie Ihr erstes Berlin-Gedicht geschrieben?

Biermann: Das muss so um 1960 gewesen sein. Nach dem Studium geriet ich ans Berliner Ensemble und kam dort auf den richtigen falschen Weg, Szenen und Gedichte zu schreiben. Eines der ersten Gedichte war ganz kurz, erinnere ich mich. Ist auch nicht gedruckt worden. Das ging so: "Ach für deine langstielige Rose ist keine Vase in meinem Haus." Das fand ich damals schön, obwohl ich in Berlin gar kein Haus hatte, sondern nur eine Studentenbude. Abendblatt: 1965 wurden Sie verboten und hatten keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Trotzdem war es für Sie eine besonders produktive Zeit. Woran lag das?

Biermann: Es gibt ein Idiotengedicht von dem Parteidichter Louis Fürnberg, in dem es um die Partei geht, die immer Recht hat. Darin heißt es: "Sie hat uns alles gegeben./ Sonne und Licht und sie geizte nie./ Da wo sie ist, ist das Leben./ Was wir sind, sind wir durch sie./" Das hat eine zynische Doppelbedeutung. Was diese Bonzen geworden sind, nämlich Heuchler, Mörder und Menschenfeinde, das sind sie durch die Partei geworden. Aber was ich bin, bin ich auch durch die Partei geworden. Wenn die mich nicht total verboten hätten, dann hätte ich auch Kompromisse geschlossen. Als ich Anfang der 60er-Jahre meine ersten Berlin-Gedichte geschrieben habe, die meine Frau Pamela jetzt für das Buch ausgewählt hat, da merkten die Bonzen durchaus, wie toll das hätte sein können, einen so jungen Mann mit Gitarre als Rattenfänger für die Jugend zu haben. Erst als ich endgültig verboten worden war, hatten die Genossen die Hoffnung aufgegeben, dass ich diese Rolle spielen könnte. Abendblatt: Wie kam es zu dem Verbot?

Biermann: Ich durfte 1964, drei Jahre nach dem Mauerbau, in den Westen reisen. Aber ich zeigte mich anschließend nicht dankbar, sondern schrieb das ersten Kapitel meines Wintermärchens, das so beginnt:"Im deutschen Dezember floss die Spree / Von Ost- nach Westberlin/ Da schwamm ich mit der Eisenbahn/ Hoch über die Mauer hin/ Da schwebte ich leicht überm Drahtverhau/ Und über die Bluthunde hin / Das ging mir so seltsam ans Gemüt/ Und bitter auch durch den Sinn/ Das ging mir so bitter in das Herz / Da unten die treuen Genossen/ So mancher, der den gleichen Weg / Zu Fuß ging, wurde erschossen." Dieses Gedicht gab ich meiner Mutter Emma mit, die es in den Westen schmuggelte. Und die gab es meinem Freund, dem Kabarettisten Wolfgang Neuss. Der hat es, nicht ahnend, dass jede Strophe mindestens acht Jahre Bautzen wert war, gedruckt. Für die Parteiführung war es das Signal, mich ohne wenn und aber zu verbieten. Ich hatte großes Glück, denn wenn die mich damals nicht verboten hätten, dann hätte ich noch ein paar Jahre wie etwa Heiner Müller oder Stefan Heym versucht, schlaue Kompromisse mit den Mächtigen zu machen. Dass ich das nun gar nicht mehr konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte, das fanden die Musen geil. Ich hatte doppeltes Glück: Die Musen küssten mich mehr als vorher und meine Berühmtheit schützte mich davor, einfach weggeschlossen zu werden.

Abendblatt: Sie sind nach der Wende an ihrer alten Wohnung auf der Berliner Chausseestraße 131 vorbei gelaufen. Sie wissen, wer da heute wohnt und haben auch ein Gedicht darüber geschrieben. Könnten Sie sich vorstellen, da wieder einzuziehen?

Biermann: Nein, und zwar aus mehreren Gründen. Ich lebe seit 25 Jahren mit meiner Frau Pamela zusammen - unser Leben passt nicht in diese alte Kiste, in der jetzt ein Spitzel des MfS lebt. Ich bin auch inzwischen verwöhnt, weil ich in Hamburg in dem schönsten Haus mit dem schönsten Garten in der schönsten Gegend der Stadt lebe. Ich möchte auch nicht wieder in einer Wohnung leben, in der Nachbarn nachts um zwei mit dem Besenstock gegen die Decke klopfen, nur weil ich einem Freund paar Lieder vorsinge.

Abendblatt: Sie sprechen immer von dem Antagonismus, der Biermann gehöre nach Berlin, das Wölflein nach Hamburg. Nun sind Sie Ehrenbürger geworden und bekommen außerdem heute auch noch den Ehrendoktor. Wäre es nicht an der Zeit, den Antagonismus aufzuheben und wenigstens eine Zweitwohnung in Berlin zu nehmen?

Biermann: Diese Idee hatte ich auch schon, aber es geht nicht. Der Grund heißt Mollie, unsere siebenjährige Tochter, die in die zweite Schulklasse geht. Wegen des Kindes müssen wir an einem Ort leben, wo wir permanent sind. Dabei findet meine Frau Berlin viel interessanter als das vertraute Hamburg.

Abendblatt: Und Sie?

Biermann: Für mich ist Berlin interessanter, aber auch im schlechten Sinn. Ich habe dort zu viele treue alte Feinde.
Abendblatt: Eines Ihrer schönsten Berlin-Gedichte haben Sie 1969 über den Hugenottenfriedhof geschrieben. Möchten Sie eines fernen Tages einmal dort beigesetzt werden? Und wenn ja, wen hätten Sie gern als Nachbarn, und wen auf gar keinen Fall? Biermann: Da fallen mir mehrere Namen ein, so ne und so ne. Ich möchte nicht in der Nähe von Johannes R. Becher liegen, auf dessen Grabstein eines seiner schlechtesten Gedichte eingemeißelt wurde. Bei Brecht möchte ich auch nicht liegen, denn der hat sich seinen Sarg aus sieben Stahlschichten machen lassen, sodass sich seine Leiche nicht mit dem Erdreich verbinden kann. Das ist sicher kein angenehmer Zustand. Mit Heiner Müller würde ich mich gelegentlich noch über das eine oder andere streiten wie im Leben. Obwohl er Spitzel der Stasi geworden war und er seine Unterschrift gegen meine Ausbürgerung zurückgezogen hat, waren wir immer enge Freunde. Gut leben im Tod könnte ich auch mit Thomas Brasch, der gegenüber liegt, er war ein tapferer Soldat in dem, was Heine den Freiheitskrieg der Menschheit nannte. Ich würde besonders gern in der Nähe von Hans Eisler liegen, denn das war der Mann, der mich "entdeckt" hat und dem ich viel verdanke. Außerdem liegt dort ganz in der Nähe der Philosoph, den wir alle am meisten brauchen, nämlich Hegel. In dieser Gegend, auf diesem Totenkiez, das wäre ein guter Platz für mich, aber natürlich nur, wenn noch Platz bleibt für meine junge Frau Pamela, auf die ich geduldig warten werde.
Wolf Biermanns neuer Gedichtband "Berlin, du deutsche deutsche Frau" kostet 17,95 Euro und erscheint am 13. November im Verlag Hoffmann und Campe.

 

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