Cohen sang 25 Songs in fast drei Stunden inklusive seiner Klassiker "Suzanne" und "Bird On The Wire".
Hamburg. Die Band hat Platz genommen, die drei Sängerinnen postieren sich hinter ihren Mikros, nur die Hauptfigur fehlt noch: Leonard Cohen, Poet der Apokalypse, Troubadour der Liebe, Frauenversteher und -verführer.
Dann taucht er aus dem in violettes Licht getauchten Vorhang auf und hüpft mit Schwung auf die Bühne, so, als wolle er beweisen, dass er trotz seiner 74 Jahre noch voller Saft und Kraft steckt. Dieses gymnastische Intro passt zwar nicht ganz zu seinem eleganten Zweireiher und dem Fedora, doch es gibt eine Richtung des Abends vor. Leonard Cohen will sein Publikum nicht hinabziehen in die düsteren Phasen seiner Depression und die dunklen Seiten seines Lebens, er lässt es teilhaben an einer Rückschau auf sein Leben und seine Songs und klammert Selbstironie dabei nicht aus.
Mit "Dance Me To The End Of Love" beginnt das Konzert, einer Huldigung an die Liebe und an die Schönheit. Cohen, ganz Grandseigneur alter Schule, wendet sich schnell seinen drei reizenden Sängerinnen zu, die erwidern den Blickkontakt mit schmachtendem Chorgesang. Mit "The Future", dem sarkastischen Abgesang auf unsere Zivilisation, setzt er das dreistündige Programm fort, das sich zwischen den beiden Polen Liebe/Frauen und Gesellschaftskritik bewegt. Als "seinen Liebesbrief an die USA" kündigt der Frankokanadier später den Song "Democracy" an, und als er ihn singt, ist zum einzigen Mal Wut in seiner Stimme zu spüren. Doch Leonard Cohen, der in den 90ern fünf Jahre lang in einem Zen-Kloster gelebt hat, hat den Optimismus nicht aufgegeben: "There is a crack in everything/that's how the light gets in", rezitiert er zu Beginn von "Anthem" die Schlüsselzeile dieses Liedes - und erntet spontanen Beifall seiner etwa 8000 Fans in der nicht ausverkauften Color-Line-Arena.
Im Laufe seiner langen Karriere als Popsänger ist seine sonore Stimme noch tiefer geworden, bei "Bird On The Wire" klingt sie fast so krächzend wie die von Tom Waits. In "Tower Of Song" macht er sich über seine vokalen Fähigkeiten lustig, als er von der "goldenen Stimme" singt, mit der er gesegnet sei.
Viele seiner Lieder trägt er mit geschlossenen Augen vor, so als würde er sich in die Stimmungen versenken, in denen sie geschrieben wurden, oder sich an all die Frauen erinnern, denen er ein Denkmal gesetzt hat wie "Suzanne" und "Marianne". Bei "Everybody Knows" mit dem brandaktuellen Text und der Metapher vom lügenden Kapitän, der um das Leck in seinem Schiff weiß, beugt er die Knie und geht in Rückenlage, wie Gitarristen das tun, wenn sie unten am Griffbrett die hohen Töne als Höhepunkt eines Solos spielen. Auch Cohen versucht seinen Worten mit dieser Pose noch mehr Gewicht zu verleihen, wenn er singt: "And everybody knows that the plague ist coming /Everybody knows that it's movin fast". Warmer Beifall schlägt diesem prophetischen Sänger nach jedem Song entgegen, nach "The Partisan" vom frühen Album "Songs From A Room" erhebt sich das gesamte Auditorium von den Sitzen und applaudiert dem gerührten und überraschten Cohen minutenlang. Dieser Song ist nicht sein bekanntester, oder er wird auch besonders überraschend interpretiert - seine Fans suchen nach einem Zeitpunkt einer spontanen Huldigung und finden ihn kollektiv nach "The Partisan".
Dieser Konzertabend ist so außergewöhnlich, weil hier ein charismatischer Künstler auf der Bühne steht, der die Klippen aus Depression, Sucht und Alkohol längst umschifft hat und jetzt altersweise mit seinem 40 Jahre lang stetig angewachsenen Songbook umgehen kann. Und der eine Band zusammengestellt hat, die seine Stimme und die Atmosphäre jedes Songs grandios in Szene zu setzen weiß. Den virtuosen Gitarrist Javier Mas aus Barcelona zum Beispiel oder Schlagzeuger Rafael Gayol, den Cohen bei der Vorstellung der Musiker als "Priester der Präzision" lobt. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Sängerinnen Sharon Robinson und Charlie sowie Hattie Webb, die mit ihren Chören den Sound wirkungsvoll mitprägen.
Als Leonard Cohen um 23.20 Uhr die Bühne nach 25 Songs und einer Spielzeit von zwei Stunden und 50 Minuten verlässt, verabschiedet er sich mit "God bless you". Ein Mann aus dem Publikum gibt die Segnung zurück: "God bless YOU!" 8000 Fans machen sich auf den Heimweg. Mit einem seligen Gefühl.











