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Kultur & Live

Jubiläum: 100. Folge von "Matussek" auf "Spiegel online"

Da ist das Bloggen dem TV überlegen

Seit zwei Jahren gibt "Spiegel"-Autor Matthias Matussek Kulturtipps per Videoblog auf "Spiegel Online". Ursprünglich als Orientierungshilfe über...

Hamburg. Seit zwei Jahren gibt "Spiegel"-Autor Matthias Matussek Kulturtipps per Videoblog auf "Spiegel Online". Ursprünglich als Orientierungshilfe über neue Bücher, Filme oder Kulturangebote gedacht, hat sich dieser Blog mehr und mehr zum eigenwillig-anarchischen Kultur-TV entwickelt. Matussek hält Prominenten seine Kamera vor die Nase, filmt sie bei privaten Essen, macht aus Reisen Märchenseminare, dreht Kurzfilme im Zoo, auf der Documenta oder bei Festivals. Die Ergebnisse, teils peinlich, teils großartig, bieten völlig neue Informationen an und wurden bereits preisgekrönt. Der 100. Blog von Matussek lüftet ein Geheimnis und steht seit heute in "Spiegel Online".


Abendblatt:

Anfangs wollten Sie, rein sachlich, Kulturtipps geben. Heute sehen wir eine Matussek-Show. Woher der Wandel?

Matthias Matussek:

Entspricht mir mehr. Das andere kann Wickert besser. Ich verkleide mich als Hitler, wenn ich über die gefälschten Hitler-Tagebücher im "Stern" berichte, das ist doch lustig. Und ich probiere Goethes Osterspaziergang - "Vom Eise befreit" - mit Kindern im Skiurlaub im Schnee. Man kann alles ausprobieren, weil es so billig ist. Da ist das Bloggen dem TV überlegen.



Abendblatt:

Misslingt da nicht auch manches?

Matussek:

Natürlich. In meinem letzten Blog hab ich Sarah Palin als neuen, konservativen Typ Feministin bewundert, schon weil mir die traditionellen Feministinnen so auf die Nerven gehen, und nicht nur mir. Jetzt allerdings hat mir Irene Dische ein absolut dämliches Palin-Interview geschickt und mit mir geschimpft, und ich schäme mich in Grund und Boden.



Abendblatt:

Man kann beim Bloggen fortlaufende Geschichten erzählen, Sie zeigen Goethe-Puppen, ein Strickgewusel namens "Ding" in immer neuen Varianten.

Matussek:

Ich war mal im Harz und dachte an den Film "Das Blair Witch Project", dann hab ich dieses Strickzeug in die Bäume gehängt und Walpurgisnacht und Grusel gespielt. "Ding" und Goethe sind in vielen Blogs dabei.



Abendblatt:

Sie waren der erste Kulturblogger, haben inzwischen Nachahmer. Was ist anders als beim Schreiben?

Matussek:

Man arbeitet mit Bildern, mit Filmen, mit Musik und schafft die aberwitzigsten Verknüpfungen, man ist im Demonstranten-Rummel in Heiligendamm und im nächsten Moment im Hörsaal der Humboldt-Uni und denkt nach über romantische Erregungskultur. Ich habe immer eine kleine Kamera dabei. Ich bin damit im Theater und beim Fallschirmabsprung und bei einem Essen mit Walser - das gibt die irrsinnigsten Filme. Der Reiz dieser Bilder ist unerreichbar.



Abendblatt:

Sie filmen den kranken Peter Zadek im Bett, halten bei privaten Partys allen Ihre Kamera vor die Nase, ist Ihnen denn nichts peinlich?

Matussek:

Aber klar. Wir Journalisten sind allerdings oft in Situationen, in die kein anderer kommt. Da muss man doch zugreifen.

 

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