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Kultur & Live

Biermann: Der Hamburger Dichter hat es in Schweden ins Kirchengesangbuch geschafft - am Freitag tritt er mit dem Göteborger Kammerchor auf

Der Hamburger Wolf singt mit den schwedischen Schäfchen

"Ob die Schäflein wissen, dass der Wolf das Lied geschrieben hat?", fragt sich der Liedermacher, der stolz darauf ist, im offiziellen Evangelischen...


Foto: dpa

Hamburg. "Ob die Schäflein wissen, dass der Wolf das Lied geschrieben hat?", fragt sich der Liedermacher, der stolz darauf ist, im offiziellen Evangelischen Kirchengesangbuch Schwedens vertreten zu sein. Tatsächlich hat es Wolf Biermanns "Ermutigung" ("Du lass dich nicht verhärten ...") geschafft, neben Chorälen von Martin Luther, Paul Gerhardt und frommen schwedischen Dichtern im Gottesdienst gesungen zu werden. Das ist kein Zufall, denn die Schweden wissen recht genau, was es mit dem Atheisten Biermann auf sich hat.

Das beweisen Gunnar Eriksson, Stefan Forssen und der Göteborger Kammerchor bei einem gemeinsamen Konzert mit Biermann am 19. September in der Christianskirche am Klopstockplatz (Altona).

Die Schweden werden Biermann-Lieder interpretieren, darunter auch die Gesangbuch-Version von "Ermutigung"; Biermann wird nicht nur aus seinem Buch "Heimat - Neue Gedichte" lesen, sondern u. a. auch Lieder des schwedischen Dichters Nils Ferlin singen, die er nachgedichtet hat. "Außerdem wollen wir natürlich gemeinsam singen", sagt Biermann, der die Gesangskultur der Schweden in den höchsten Tönen lobt.

Im Übrigen gelte für ihn der Satz des berühmten polnischen Aphoristikers Jerzy Lec: "Ob ich Atheist bin, weiß nur Gott allein."

Und wie beurteilt ein Mann mit so rätselhafter Weltanschauung das Diplom in Philosophie, das ihm die Berliner Humboldt-Universität zu DDR-Zeit nicht ausstellen durfte und das sie ihn nun mit 45-jähriger Verspätung "nachgereicht" hat? "Darin sehe ich eine Anerkennung für Wolfgang Heise, meinen wichtigsten Lehrer an der Humboldt-Universität und den einzigen Philosophen, den es in der DDR gab", sagt Biermann und erzählt, wie Heise Biermanns Diplomprüfung 1963 trotz erheblichen politischen Gegenwinds abgenommen hatte. Das Politbüro konnte nur noch erreichen, dass er das Diplom nicht ausgehändigt bekam.

Wird er nun, als Ehrenbürger der Hauptstadt und mit ordentlichem Abschluss und Ehrendoktortitel der Humboldt-Uni, nicht doch nach Berlin ziehen müssen? "Das Schöne an der Wiedervereinigung ist doch, dass die Frage, ob einer in Berlin oder Hamburg wohnt, zum Glück wieder eine menschliche Dimension hat und nicht auf Leben und Tod entschieden werden muss", sagt Biermann, der seine Hamburger Wurzeln wortreich hervorhebt: "Ich bin im Hammerbrook geboren, mit Plattdeutsch aufgewachsen, ich bin also ein plietscher Hamburger Brit. Uns Wölflein gehört nach Hamburg, ohne wenn und aber. Der Biermann, der gehört nach Berlin, weil er erst in Berlin zum Biermann geworden ist", meint er und fügt sibyllinisch an: "Dieser Widerspruch ist leider unauflösbar."

Zurzeit schreibt Wolf Biermann an seiner Autobiografie. "Man könnte sagen, ich brauche eigentlich gar nichts aufzuschreiben, denn meine Lieder sind meine Autobiografie. Aber das ist nicht wahr, denn hinter jedem Lied steckt natürlich eine Geschichte." Einige davon wird Biermann bei seinem Konzert in der Christianskirche sicher erzählen. Und wer seine Lieder selbst singen möchte, für den gibt es jetzt Noten für Singstimme und Klavier: Bei Peermusik sind die ersten beiden Bände der Bier-mann-Edition erschienen.


Konzert von Wolf Biermann mit Gunnar Eriksson, Stefan Forssen und dem Göterborger Kammerchor: Christianskirche, Klopstockplatz 2, Karten an der Abendkasse und beim NDR-Ticketshop im Levantehaus (Mönckebergstr. 7), Tel. 0180/178 79 80

 

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