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Kultur & Live

Europeana: Das Kulturerbe unseres Kontinents per Mausklick

Warum der digitale Aufbruch lahmt

Die Idee ist sinnvoll und ehrgeizig - im Detail aber hapert's an allen Ecken und Enden. Und davon hat Europa viele.

Hamburg. Es sind sehr ausgelatschte Stiefel, mit denen Europa sich auf den Weg in die digitale Zukunft macht. Wer über die Startseite von www.europeana.de in das kulturelle EU-Online-Großprojekt eintritt und das "Boots Video" zur schnellen Einführung anklickt, der sieht erst einmal viele bunte Puzzlesteinchen, die sich nach und nach zu einem europäischen Bild fügen: zu einer Variation des Van-Gogh-Stilllebens "Ein Paar Schuhe" von 1887. Sinnbild für das, was europäische Kultur ausmacht - hoffentlich aber kein Symbol für die Zukunftstauglichkeit der Europäer.

Das Projekt Europeana wurde im Juli 2007 gestartet, das gleichnamige Portal im Februar 2008 eröffnet. Aktuell geht es dort noch nicht um Inhalte, sondern erst einmal um die Erklärung der Idee und die Werbung dafür. Die Europeana-Website ist sozusagen noch ein Museumsneubau, der im Rohzustand so vielversprechend rüberkommen soll, dass er Leihgeber und Besucher in großer Zahl gewinnen kann. Im November 2008 wird das digitale Haus dann mit einer prototypischen Dauerausstellung eröffnet, die zunächst eine Sammlung von mehr als zwei Millionen Objekten enthalten soll.

Das Ziel ist eine digitale Kultureinrichtung, die zugleich Museum, Archiv und Bibliothek sein soll - und das im unbescheidenen gesamteuropäischen Zusammenhang. Bilder, Objekte, Texte, Klänge und Filme aus 2000 Jahren sollen so vernetzt werden, dass sie einem breiten Publikum den unkomplizierten und anregenden Zugang zum kulturellen Erbe eines Kontinents eröffnen. Bis 2010 soll das Ganze auf mehr als sechs Millionen Objekte anwachsen, die durch ein ausgeklügeltes Schlagwortsystem zusammenbringen könnten, was kulturgeschichtlich zusammengehört. Besonderer Service bei dieser Sinnsuche ist, dass alle EU-Sprachen vertreten sein sollen, ohne dass babylonische Verwirrung entsteht.

Dennoch stellen sich dem, der im virtuellen Museumsrohbau zwischen wohlgesetzten Worten umherwandelt, einige Fragen: Wer wird seine Objekte in dieses Haus geben? Wie systematisch wird das Museum gefüllt, wenn die Hilfe der Leihgeber freiwillig ist? Könnte Europeana unter privater Konkurrenz wie dem Google Books Library Project leiden? Werden die Rechte der öffentlichen Leihgeber bei Downloads angemessen abgegolten? Und werden die Objekte fehlen, die privaten Copyrights unterliegen? Letzteres könnte dazu führen, dass das 20. Jahrhundert unterpräsentiert wäre.

Dass nicht alles wie geplant läuft, deutet sich an. So klagte die EU-Kommission am Montag darüber, dass nicht alle 27 EU-Staaten so großzügig - materiell wie virtuell - seien, wie es für ein derart ambitioniertes Projekt notwendig ist. Man brauche mehr Geld, um eine "kritische Masse" digitaler Inhalte für alle verfügbar zu machen. Allein die Digitalisierung von fünf Millionen Büchern koste etwa 225 Millionen Euro. Beispielhaft seien die Bemühungen der EU-Mitglieder Finnland, Litauen und der Slowakei.

Als problematisch könnte sich neben den knappen Finanzen das Engagement der potenziellen Leihgeber erweisen. In Deutschland sind zunächst einmal große Institutionen wie das Bundesarchiv oder die Nationalbibliothek mit der Auswahl und Organisation befasst. Ob alle wichtigen Einrichtungen mitmachen, ist aber noch unbekannt. In Hamburg jedenfalls ist Europeana noch kein akutes Thema. "Bislang ist nicht vorgesehen, dass wir uns daran beteiligen", heißt es beispielsweise aus der Kunsthalle. Die Staats- und Universitätsbibliothek dagegen sieht die Chance, hauseigene Schätze wie das Moller-Florilegium oder den Klopstock-Nachlass in die Sammlung einzubringen. Doch für Vieles bräuchte es Geld, denn gerade bei empfindlichen Originalen sei die Digitalisierung eine personalintensive Angelegenheit. Ganz zu schweigen von der Zeit. Womit wir wieder beim bedächtigen analogen Schritttempo und van Goghs Stiefeln wären.

 

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