Beusts Versprechen: Ein Highlight für die HafenCity
In Hamburg soll für 50 Millionen Euro ein neuer Konzertsaal gebaut werden. Nach der großen Ankündigung kommt nur verhaltenes Schweigen aus den Behörden
Hamburg. Brechen nun doch noch rosigere Zeiten für die von Sprachlosigkeit, Skepsis und Sparzwängen gebeutelte Hamburger Kultur an? Als Bürgermeister Ole von Beust Anfang Oktober nach seinen Plänen fürs zweite Amtsjahr befragt wurde, verkündete er in der "Bild": "Wir werden noch in diesem Jahr wichtige Investitionsentscheidungen treffen. Unter anderem geht es um den Neubau einer Musikhalle in der HafenCity. Das ist ein 50-Millionen-Euro-Projekt, allein an Investitionskosten." Die HafenCity müsse ein kulturell-architektonisches Highlight bekommen, und: "Für die alte Musikhalle werden wir eine neue kulturelle Verwendung finden." Sätze wie Paukenschläge, Anlass für Hoffnungen, aber auch für Verwunderung. Es überrascht, dass Beust für die Musikhalle eine andere Nutzung finden will als die, für die sie gebaut wurde. Denn das Gebäude ist dafür - im Rahmen seiner Möglichkeiten - erstklassig geeignet und international bekannt. Aber eben keine Mehrzweckhalle.
Kaum war diese Willenserklärung auf dem Markt, meldete sich auch Kultursenatorin Dana Horakova aus ihrem Afrika-Urlaub zu Wort. Da sie offenbar die Lufthoheit über kulturelle Themen nicht ihrem Bürgermeister überlassen wollte, schlug sie vor, man könne eine solche Halle prima mit einem großen Aquarium ausstatten, oder einem Pop-Museum, oder einem Beatles-Museum. Hauptsache, mit etwas, das Glanz verspricht - und noch zu organisierende Sponsoren mitbezahlen. Seitdem herrscht, abgesehen von fast ungläubiger Erwartung unter den Betroffenen und viel Amüsement über die kulturbehördliche Zierfisch-Variante, von offizieller Seite eher verhaltenes Schweigen zum Thema "Musikhalle II". Von einer Grundsatz-Debatte, wie sie beispielsweise im Vorfeld der Galerie der Gegenwart stattfand, kann bislang kaum die Rede sein.
Nur zur Erinnerung: Die Musikhalle am Johannes-Brahms-Platz ist ein architektonisches und akustisches Schmuckstück, aber den organisatorischen Anforderungen und konzeptionellen Zwängen nicht mehr gewachsen. Dass Hamburg einen zweiten Konzertsaal verdient (die dringend benötigte, aber klassikuntaugliche Color-Line-Arena spielt in einer ganz anderen Liga), ist nun offenbar bis ins Regierungs-Bewusstsein vorgedrungen und als lösbares Problem mit Profilierungspotenzial erkannt worden. Nicht zuletzt wohl auch im Vorfeld der Langfrist-Themen Kulturhauptstadt, Olympia-Bewerbung und des von Horakova hartnäckig geliebten Hanse-Festes.
Beusts Vision (von nun an Modell A genannt) schmeckt nach spektakulärer Architektur, hat mit Prestigedenken und dem Formen des HafenCity-Panoramas zu tun. Die A-Halle wäre garantiert ein Blickfang. Als möglicher Standort ist das Überseequartier am Magdeburger Hafen im Gespräch. Woher die 50 Millionen Euro kommen sollen, darüber herrscht noch Unklarheit. Der Bürgermeister habe seinen Willen bekundet, um die Realisierung habe sich jetzt die Kulturbehörde zu kümmern, hieß es aus dem Rathaus. Das Geld stecke in einem Investitionstopf, dessen Verteilung demnächst in die Behördenabstimmung gehe.
Dass Horakovas "Aquadome" auch eine ähnlich kuriose Eigen-PR-Idee ist wie Schills Colani-Couture für Hamburgs Polizisten, sollte nicht davon ablenken, dass mit den Überlegungen für einen zweiten Konzertsaal wichtige Weichen gestellt werden können. Denn das klassische Musikleben der Stadt ist, man kann es nicht oft genug wiederholen, chronisch vergreisungsgefährdet. Es mangelt an jungem Publikum, an neuen Konzepten und den für beide geeigneten Spielstätten. Kein Mangel allerdings herrscht an Reibereien und Interessenkonflikten zwischen privaten und öffentlichen Veranstaltern. Angesichts der lahmenden Konjunktur sind die Zeiten für alle so rau, wie es die Sitten mancher Impresarios schon länger sind. Gäbe es zwei Säle, könnten sich örtliche wie Tournee-Orchester und Solisten mit sinnvoll abgestimmten Programmen in dem einen profilieren, im anderen fände das lokale Musikleben seinen berechtigten Platz. Und dass leere Stadtsäckel kein Hinderungsgrund für neue Konzertsäle sein müssen, hat Dortmund erst vor wenigen Wochen vorgemacht.
Es gibt aber auch ein Konzept für ein Modell B. Dessen Standort: im Kaispeicher A, jenem Gebäude also, dessen Grundfläche eigentlich für den prestigeträchtigen "Media City Port"-Turm reserviert ist. Ein Investor bemüht sich offenbar nach wie vor um diesen Standort, weil er ganz in der Nähe bereits über Areal verfügt. Bekäme er vom Senat die Erlaubnis, seinen Bestand um neue Gebäude zu erweitern, würde er den Kaispeicher mit einem Konzertsaal füllen wollen, heißt es. Von Abriss und Neubau ist nicht die Rede, dafür aber von Umbau. Angeblich sogar für etliche Millionen Euro weniger, als der Bau von Modell A kosten solle. Pikanterweise gab es in letzter Zeit Spekulationen darüber, dass "Media City Port", das zukünftige architektonische Flaggschiff der HafenCity, auf Grund laufen könnte, weil die Fraktionen von CDU und FDP an den bisherigen Investoren gezweifelt haben sollen. Diese Skepsis sei inzwischen ausgeräumt, verkündete Wirtschaftssenator Uldall vor wenigen Tagen; die Frist für die Anhandgabe an die Projektplaner läuft Ende Januar 2003 aus, bis dahin sollten Entscheidungen gefallen sein. In der Kulturbehörde fokussiere man sich derzeit auf den Modell-A-Standort, sekundierte Horakovas Sprecher Andreas Ernst.
So weit, so gut, aber auch: so unentschieden. Nach dem jetzigen Stand gibt es einen neuen Konzertsaal in spe, zwei mögliche Standorte und noch viele Unbekannte in dieser Rechnung. Ob und wie sie aufgeht, wird von entscheidender Bedeutung für Hamburgs Kultur-Profil sein.



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