Landkarten: Lübecker Ehepaar hat den geografischen Ursprung von 1500 Namen erforscht
Von Winkelburg nach Sumpfstadt - eine Bildungsreise
Ein Kartograf und eine Grafikerin haben den "Atlas der wahren Namen" entwickelt - ein kleines Kunstwerk für Menschen mit Interesse an Sprache und Geschichte.
Lübeck/Hamburg. Die wundersame Reise beginnt im Süden von Winkelburg und führt über die Gehende quer durch Volksland nach Osten. Das Wildgehege bleibt links, die Jungfrauenburg rechts liegen, und nach knapp zwei Stunden ist Sumpfstadt erreicht.
Die poetischen Ortsbezeichnungen entspringen nicht etwa literarischer Fantasie, sie treffen ihr Ziel im Gegenteil sogar genauer als unser Allgemeinwissen: Prosaisch handelt es sich um eine Fahrt von Hamburgs Süden über die Elbe durch Deutschland zwischen Schwerin und Magdeburg nach Berlin, vollzogen wird sie jedoch in einer ungewöhnlichen Kartensammlung: dem "Atlas der wahren Namen", der jetzt den Buchhandel aufmischt.
Das umwerfende Werk des Lübecker Kartografen Stephan Hormes, 43, und seiner Ehefrau, der Grafikerin Silke Peust, führt so spannend wie einleuchtend an die Ursprünge unserer Geografie. Die Gegenwart hat die wörtliche Bedeutung von "München" oder "Köln" schon seit Jahrhunderten vergessen, die Geschichtsforschung aber weiß: Die bayerische Hauptstadt heißt nach den Mönchen, die vor mehr als 850 Jahren an der Isar ein Kloster gründeten. Die rheinische Metropole wiederum bewahrt schon seit Römerzeiten das lateinische Wort "Colonia" im Namen; heute erinnern daran nur noch Karnevalsschlager. Der neue Atlas macht daraus "Einsiedeln" und "Niederlassung", denn, so Hormes: "Wir wollten von den oft ganz verschiedenen Versionen eines Ortsnamens nicht nur die plausibelste, sondern auch die wohlklingendste auswählen." Und da waren "Kloster" oder Kolonie" klar zweite Wahl.
In dem romantischen Ansatz enthüllt sich, wie Hormes auf die Idee kam: "Mit 13 las ich zum ersten Mal Tolkiens 'Herr der Ringe' und war fasziniert von der Karte mit Mittelerde, Schicksalsberg oder Düsterwald", berichtet er. "Immer schon dachte ich mir, einmal auch selbst so etwas zu machen." Auch deshalb wohl dominieren in dem Wahr-Werk Namen wie Dunkelfurt (Erfurt), Dunkelwasserburg (Cardiff), Wühlwasserdamm (Rotterdam), Dickpfuhl (Liverpool), Brusthügelburg (Manchester), Glanzberge (Kaukasus) oder Mutigenland (Thüringen).
Doch Hormes wollte mehr als eine unterhaltsame Spielerei: "Kartografen sind Kommunikationswissenschaftler, aber auch Künstler", berichtet der an der FU Berlin studierte Experte, "Mercator etwa zeichnete in seine Karten mythische Ungeheuer ein, vor allem dort, wo präzise Informationen fehlten." Er selbst sei aus Interesse an der Bedeutung seines Vornamens an die Etymologie, die Lehre von Herkunft und Geschichte der Wörter, geraten. "Bei einer solchen Recherche stößt man automatisch auch auf Bücher, die geografische Bezeichnungen behandeln", sagt er. "Sie erläutern nicht nur Ursprung und Urbedeutung, sondern auch viele interessante Anekdoten. Das hat mich so begeistert, dass ich beschloss, etwas daraus zu machen."
Das Resultat ist eine Bildungsreise besonderer Art durch 1500 neu-alte Namen für Land, Stadt und Fluss in aller Welt. Nach Süden etwa führt die Fahrt durch Steinschwerten (Niedersachsen) und Weideland (Bayern) ins Kälberland (Italien). Städtereisende peilen die Bruchzelle (Brüssel), Hügelfeste (London) oder Stadt der Bootsleute (Paris) an, Dampfer schippern über die Fließende (Donau), die Laufende (Loire) oder die Schnelle (Rhone), Bergtouristen streifen durch das Land der vielen Flüsse (Schweiz), das Felsenland (Kärnten) oder die Steilberge (Pyrenäen). Norddeutschland steuert u. a. Niederküsten (Sylt), Sandburg (Flensburg), Holzsitzen (Holstein), Keil (Kiel), Die Liebliche (Lübeck), Wasserzweigen (Rostock), Landspitze (Rügen) und Hochufer (Hannover) bei.
Durch den Atlas "wird dem Betrachter eine ungewohnte Perspektive geboten auf bekannte Formen und Umrisse von geografischen Elementen", erklärt Hormes. "Geografische Namen entstanden in erster Linie aus Beobachtungen der naturräumlichen Gegebenheiten" - ganz so, wie die ersten Bewohner sich die Orientierung in ihrer Umgebung erleichterten. Die Namen nennen Siedlungsorte wie Terrassenbucht (Taiwan), das Strömungsverhalten der lebenswichtigen Flüsse wie Bootszerstörer (Amazonas) oder Vegetationsgrundlagen wie Mangoblätter (Colombo). In zweiter Linie seien es individuelle Charaktere von Völkern, aus denen Namen von Ländern und Landschaften entstanden wie etwa Thailand als Land der Freien. Dazu kämen mythologische Aspekte und auch Herrschernamen: Brahmaputra bedeute Sohn der Weltseele, Rajastan Königsland.
Geradezu wie Lyrik lässt sich der Atlas lesen, wenn es in ehemals indianische Siedlungsgebiete geht: Neufundland heißt Entlegene Ecke, wo raues Gras wächst, Boston ist der Wolfsbotenstein, New York Neu-Wildeberdorf und Washington das "Landgut der Familie des erfolgreichen Jägers". Durch Das Volk auf der anderen Seite, womit der Gebirgszug der Appalachen gemeint ist, gelang der Geistreisende über den Vater der Gewässer (Mississippi) ins Land der Verbündeten (Texas). Westlich des Edelsteins der Berge (US-Staat Idaho) wartet Heißer Ofen (Kalifornien) mit Städten wie St. Französlein (San Franciscus) oder Die Boten (Los Angeles).
Das alphabetische Verzeichnis liefert auch Erklärungen: Der Name Beschimpfen etwa bezeichnet die heute türkische Stadt Bursa nach König Prusias zu Griechisch "prouselein" für "schelten". Duftinsel für Ibiza orientiert sich am phönizischen "i busum" für "Insel des Wohlgeruchs", und den Ursprung für Pamplona sucht der Atlas nicht nur simpel im lateinischen "Pompejopolis" als der Stadt des Pompejus, sondern im sabellischen "pompe" für "fünf", woraus sich der Name Fünfstadt erschließt.
"Der Leser wird mit einem Augenzwinkern in eine unbekannte und doch vertraute Welt eingeladen" schreibt das Vorwort, und die Einladung wird dankend angenommen: "Als unser Atlas fertig war, haben wir bei Studiosus-Reisen in München angeklopft, und zwei Tage später war die Zusage da", berichtet Hormes, dessen Verlag Kalimedia "auf digitaler Basis kartografische Produkte für jeglichen Verwendungszweck" produziert. Darunter finden sich etwa Mini-Stadtpläne für Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg, Lübeck und Potsdam, aber auch ein vierteiliges Stadtkartenwerk Lübeck und sogar ein neuartiges Urbanes Informationssystem (UIS) mit runden statt rechteckigen Plänen, da die meisten Städte aus einer runden Zelle entstehen und konzentrisch ins Umland wachsen.
"Studiosus" finanzierte das Projekt durch die Verpflichtung, die Hälfte der Auflage für Werbegeschenke zu übernehmen, und landete damit einen Volltreffer, denn das originelle Kartenspiel verkauft sich wie geschnitten Brot: "Das Telefon klingelt im Minutentakt", ächzt Hormes, findet es aber "schön, dass so viele Bestellungen kommen", denn "damit hatten wir eigentlich nicht gerechnet." Womöglich winkt dem Erfolgsteam nun ein Betriebsausflug ins Goldland (Nubien), an den Silberfluss (La Plata) oder die Reiche Küste (Costa Rica). Auf das Gottesgeschenk dürften sie wohl eher verzichten: So definiert sich Bagdad.
Der "Atlas der wahren Namen" kostet jeweils sechs Euro. Es gibt ihn wahlweise als Welt- oder Europakarte im Buchhandel oder unter: www.kalimedia.de




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