"Wie es uns gefällt": Shakespeare auf St. Pauli
Romeo und Julia haben es nicht leicht an diesem Ort. Denn zärtliche Worte von der Straße in Richtung Balkon (2. Etage, Vorderhaus) müssen lautstark und prosaisch ankämpfen gegen Stadt- und Hafengrundgeräusch:
Hamburg. "Seht, wie sie ihre Wange auf die Hand stützt!", ruft er verzückt und fügt schmeichlerisch schreiend hinzu: "Oh, dass ich Handschuh wär auf dieser Hand./Und sie berühren könnte, diese Wange!" Sie seufzt überdeutlich: "Ach!" So geht es verführerisch brüllend weiter, bis die Nachbarin von oben keift: "Ruhe, oder ich hol die Polizei."
Die Balkonszene kommt in der Bernhard-Nocht-Straße wesentlich weniger romantisch rüber als von Shakespeare erdacht. Und überhaupt klingen seine vertrauten Verse in St. Pauli-Süd anders als auf einer Bühne. Christiane Richers hat für ihre Montage "Wie es uns gefällt" Figuren und Texte aus "Macbeth", "Der Sturm", "Romeo und Julia" und "Wie es euch gefällt" plus einer Prise "Hamlet" in einem zweieinhalbstündigen theatralischen Rundgang vom Hein-Köllisch-Platz bis hin zum Gesundheitszentrum am Zirkusweg zusammengeführt, der an diesem Sonnabend Premiere hat.
"Ich wollte gucken, was es mit dem Ort macht, wenn Shakespeare-Szenen dort reingesetzt werden", erzählt Richers, die Autorin und Regisseurin des Stücks. Die Leiterin des freien Hamburger Theaters am Strom gehört zum Team, das schon die Kiez-Produktionen "Pauli Passion" (2001/02), "Pauli querab" (2003) und "Heimspiel" (2006) als Zusammenspiel von Profis und Laien initiierte. Dieses Mal werden rund 50 Darsteller dabei sein, viele aus dem Stadtteil.
Für "Wie es uns gefällt" hat Richers bei Shakespeare nach Bildern gesucht, die sich mit St. Pauli verbinden lassen. Dass sie wie die Hexen bei Macbeth aus kuriosen Zutaten einen wirkungsmächtigen Trank zusammengebraut hat, ist schon beim ersten Probendurchlauf erkennbar, der trotz unsteten Wetters für richtig gute Laune sorgt. Vor der St.-Pauli-Kirche kokettieren Celia und Rosalinde aus "Wie es euch gefällt" mit Zuschauern, Lady Macbeth wäscht und wäscht ihre Hände und sieht doch immer nur das Blut, das daran klebt. Und ein Wörter drechselnder Pförtner verfrachtet Leute zu Shakespeare-Songs in die Kirche. Als weitere Stationen folgen die Dachterrasse der Ganztagsschule St. Pauli. Vor der Kulisse von Elbe und Hafen stranden Schüler tanztheatermäßig als Akteure im "Sturm". Danach gibt es heftigen Streit auf dem Schulhof zwischen Mercutio und Tybalt, in den das Publikum einbezogen wird: Mal als Gaffer beschimpft, mal mit Knüppeln zum Mitmachen animiert.
Der Rundgang führt Richtung Millerntor hin zum neuen, chicen, cooleren St. Pauli. Vor der Glaswand des Empire-Riverside-Hotels müssen allerdings selbst die drei Macbeth-Hexen, die, gestützt auf rollende Gehhilfen, den Zug kommentierend begleiten, verstummen: "Wo ist unser Ort?", fragt die eine. "Nix", sagt die zweite, und die dritte ergänzt: "Zu wenig Geschichten hier."
"Wie es uns gefällt. Mit Shakespeare durch St. Pauli", Premiere 28.6., 18 Uhr; danach u.a. am 11. und 12.7. sowie am 5., 6., 12., 13., je 18 Uhr; Karten 12, erm. 7 Euro, Kasse ab 17.30 Uhr, Kölibri, Hein-Köllisch-Platz, tel. Vorbest. T. 319 36 23




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