Mittwoch, 16. Mai 2012, 14:13

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

Eiszapfen aus Schweiß und Tränen

SIBERIAN ICE MARATHON: Tom Ockers lief mit und schrieb ein Buch darüber.

Hamburg "Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich bekloppt?" - zugegebenermaßen nicht die schlaueste Frage, um ein Interview zu eröffnen. Man könnte Gefahr laufen, dass das Gegenüber sich beleidigt zurückzieht, seinen Kaffee schlürft und ansonsten notgedrungen höchstens mal ein Ja oder Nein herauspresst. Dann hätte man nicht mehr viel von so einem Gespräch. Wenn einer aber nach Omsk reist, um dort bei Minus 42 Grad im kältesten russischen Winter der letzten Jahrzehnte 21 Kilometer durch die Landschaft zu joggen, tja, dann ist "Sind Sie eigentlich bekloppt?" einfach die nächstliegende Frage. Tom Ockers nimmt einem das nicht übel. Er ist im Januar 2001 den "Siberian Ice Marathon" gelaufen und war unter den 148 Teilnehmern einer von nur elf, die das Ziel überhaupt erreicht haben. "Eis-Lauf" heißt sein Bericht über dieses Erlebnis, der jetzt als Buch erschienen ist. "Es kommt darauf an, wie Sie ,bekloppt' definieren", sagt Ockers sehr freundlich auf die angemeldeten Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit. Wahrscheinlich ist er in diesem Zusammenhang nicht das erste Mal auf seinen Geisteszustand angesprochen worden. "Das war vielleicht eher eine Sehnsucht nach dem Authentischen, raus aus dieser behüteten Welt, mal was machen, wo man einem Risiko ausgesetzt ist. So, als wenn man ein Mammut jagen würde." Angefangen hatte alles mit der Geburt seines Sohnes Sam. Aufregende Sache, das. So aufregend, dass der freie Fernsehjournalist Ockers dem Säugling, sozusagen von Mann zu Mann, versprach: "Ich laufe für dich einen Marathon, einen ganz besonderen, und umarme damit die ganze Welt für dich. Weil ich so glücklich bin, dass du da bist." Und weil Ockers ein "krankhaftes Verhältnis zu Versprechen" hat, musste er dieses Ehrenwort dann auch einlösen. "In dem Punkt bin ich wirklich verrückt!" Mit einem Freund ist er zum Beispiel vor Jahren mal nach Venedig geradelt. Ohne einen einzigen Meter zu schieben. Das war damals auch so ein Vorsatz. "Es gibt eben Situationen, in die man hineingerät. Man hat dann entweder die Möglichkeit, das durchzustehen oder den Schwanz einzuziehen." Klingt logisch. Im Nachwort seines Buches steht es sogar noch plakativer: "Ein Mann muss manchmal tun, was ein Mann tun muss." In diesem Fall also: dauerlaufen. Dabei gab es ein Problem. Tom Ockers hasst das Laufen. Und erst recht die Läufer. Wobei man natürlich unterscheiden müsse: Wenn man einen, der regelmäßig läuft, als Läufer bezeichnen wolle, ja, dann sei er wohl einer. "Läufer sein" meine aber auch eine Charakterbeschreibung. "Das hat etwa die gleiche Bedeutung wie Warmduscher. Die, die früher beim Fußball immer als Letzte gewählt wurden. Die sind dann aus Frustration eben Läufer geworden. Und so drahtig und sehnig, wie sie aussehen, sind die dann auch im Kopf. Ich meine, wie tickt denn einer, der nur auf seine Pulsuhr hört?!" Ockers schaffte es, diesen ideologischen Spagat zu überwinden. Rannte um die Alster, trabte durchs Gebirge. Und schließlich durch den Schnee. In Omsk. Gemeinsam mit dem Amerikaner und Journalistenkollegen Jay Tucker, der bereits im Vorjahr bei dem gleichen Lauf gestartet war, und der Hamburger Studentin Friederike Venus ging es zum "Siberian Ice Marathon 2001". Kai Goebel, ein guter Freund mit reichlich PR-Erfahrung, sollte das Abenteuer als Kameramann und Fotograf für die Nachwelt festhalten. "Sibirien ist einfach Kult", kokettiert Ockers heute. Im Nachhinein klingt das sehr locker oder, um die hier noch passendere Vokabel zu verwenden: sehr cool. Tatsächlich war die Aktion nicht ungefährlich. Kreislauf- und Lungenprobleme sowie vor allem nicht zu unterschätzende Erfrierungen drohten. "Wir haben die Risiken vorher echt nicht ernst genommen", gibt der Journalist zu, "auch die Angst der sibirischen Gastgeber um uns war uns nicht so klar." Zur Vorbereitung hatte Ockers seine Hände täglich für ein paar Minuten ins Eisfach des heimischen Kühlschranks gesteckt. Jedes Mal ein bisschen länger. Bei minus 18 Grad, schon das tat weh. In Omsk herrschten dann plötzlich minus 42 Grad. Selbst heißer Tee gefror dort in Sekunden. "Die wirkliche Dimension hab ich erst hinterher begriffen. Sogar für sibirische Verhältnisse war das der kälteste Winter seit ewigen Zeiten." Pudelmützchen und Omas Strickschal reichen bei solchen Temperaturen nicht mehr aus, daher hatte sich die Gruppe rechtzeitig um Sponsoren gekümmert. Radio Bremen war dabei, der Hamburger Fitness-Tempel "Kaifu Lodge" und der Extrem-Ausrüster "Globetrotter", der unter anderem spezielle Anoraks und Schuhe zur Verfügung stellte. Und dennoch: Die große Mehrheit der Teilnehmer, selbst die kälteerfahrensten, pelzbemützten Ur-Sibirier stiegen noch vor dem Startschuss aus. Jay Tucker musste nach etwa der Hälfte des Rennens aufgeben, da ihm die Flüssigkeit seines rechten Auges eingefroren war. Auch Tom Ockers hatte schnell völlig vereiste Wimpern - Eiszapfen aus Schweiß und Tränen. "Ich guckte die ganze Zeit wie durch einen eingefrorenen Wasserfall." Aus seiner Laufhose plumpsten am Ende "ganze Gletscher" salzigen Körpereises. Aber Tom Ockers hat es geschafft. Sein Sohn Sam kann, wenn er irgendwann das Alter erreicht hat, in dem er diesen Liebesbeweis zu würdigen weiß, stolz auf seinen Papa sein. "Danach habe ich geheult wie ein Schlosshund. Ich weiß bis heute nicht, warum. In erster Linie war das wohl Schwäche, aber auch Erleichterung. Und eine hohe Form der Euphorie." Sein Immunsystem brauchte ein volles Dreivierteljahr, um sich von den Strapazen zu erholen. "Ja, ich habe es geschafft, ja, alles ist noch dran, ja, ich vermisse dich, nein, ich machs nie wieder", hatte Ockers seiner damaligen Freundin nach dem Rennen am Telefon versprochen. Versprochen . . .? Nun, auch für einen Ehrenwortfanatiker wie Tom Ockers gibt es da wohl feine Unterschiede. Vielleicht bezog sich seine Zusage, das "nie wieder" zu machen, nur auf die damalige sibirische Rekordtemperatur? Dieses Jahr um die gleiche Zeit war es ganze 22 Grad wärmer in Omsk. Also nur 20 Grad minus. Hochsommer quasi. Und Tom Ockers ist ihn wieder gelaufen, den "Siberian Ice Marathon". Bekloppt. Aber doch irgendwie cool. Tom Ockers: "Eis-Lauf. In der Kälte des Sibirien-Marathons", Verlag List Grande, 302 Seiten, 12 Euro.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus

Weiterführende Links