Montag, 13. Februar 2012, 03:15

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

Friedrich Ani: Wer tötet, handelt / Wolfgang Schorlau: Brennende Kälte

Das Trauma des Soldaten und die blinde Geisel

Beide zählen zu den, jeweils auf ihre ganz eigene Weise, stärksten deutschsprachigen Krimiautoren - was ihre aktuellen Romane eindringlich unter Beweis stellen: der in München lebende Friedrich Ani und der Stuttgarter Wolfgang Schorlau. Ani, der mit seiner Reihe um den Ermittler Tabor Süden deutsche Kriminal-Literaturgeschichte geschrieben hat, legt mit "Wer tötet, handelt" den zweiten Band mit dem erblindeten Kommissar Jonas Vogel vor. Schorlau schickt in "Brennende Kälte" seinen Privatdetektiv Georg Dengler in den vierten Fall - und an einen politisch überaus brisanten Tatort.

Schorlau hat sich bereits in seinen früheren Kriminalromanen aktuellen politischen Themen zugewandt - sei es der globale Kampf um die knapp werdende Ressource Wasser ("Fremde Wasser") oder in seinem Debüt "Die blaue Liste" dem Mord an Treuhandchef Detlef Karsten Rohwedder. In seinem neuen Roman geht es um eine von den US-Streitkräften entwickelte Waffe, die verharmlosend als "aktives Abwehrsystem" bezeichnet wird.

Schorlaus Ermittler Dengler muss eine Weile von seinem geliebten Grauburgunder lassen, als er von einer Frau beauftragt wird, ihren Mann zu finden, der in einem Supermark Amok gelaufen und danach spurlos verschwunden ist. Der Haken dabei: Der Mann gehörte einem geheimen Kommando an, das in Afghanistan stationiert war. Die Rückkehr ins normale bürgerliche Leben hat der Traumatisierte nicht verkraftet. Doch Dengler verbindet mit diesem Mann weit mehr, als er anfangs ahnt. Es ist ein Freund aus Kindheitstagen, mit dem Dengler noch eine Rechnung offen hat. Zudem sind noch ganz andere Mächte hinter dem Mann her. Warum das so ist, muss Dengler schmerzhaft am eigenen Leib erfahren, als er eines Nachts mit der neuen Waffe in Kontakt kommt.

Wolfgang Schorlau schreibt zurzeit diejenigen Kriminalromane, die am dichtesten dran sind an einer sozialen Realität, die er überaus kritisch befragt. Zwar ist das per se kein Qualitätsmerkmal, bei Schorlau jedoch schon: Ihm gelingt es auch in "Brennende Kälte", sein fraglos politisches Anliegen mit einer ungemein spannenden Geschichte zu koppeln - Dengler ermittelt im Auftrag und in eigener Sache. Höchst lesenswert.

Nach einem Kommissar auf der Vermisstenstelle (Tabor Süden) und einem, der einst ein Mönch war (Polonius Fischer), hat Friedrich Ani seit Kurzem eine neue, ungewöhnliche Figur kreiert: Jonas Vogel, ebenfalls Kommissar, allerdings einer, der während seines ersten Falles "Wer lebt, stirbt" erblindet. In "Wer tötet, handelt" entwirft Ani brillant seine Ausgangssituation: Während eines nächtlichen Spaziergangs mit seinem Hund hört Vogel den Hilfeschrei einer Frau - ihre Freundin ist in der Gewalt eines Gangsters, der sie umzubringen droht. Vogel fasst einen folgenschweren Entschluss: Er will sich gegen die Geisel austauschen lassen.

Man kann Friedrich Ani für seine Romane gar nicht genug loben. Auch in "Wer tötet, handelt" zeichnet er wieder eindringliche Psychogramme seiner Charaktere, schaut hinter die brüchigen Kulissen gescheiterter Lebensentwürfe und schafft derart eine Atmosphäre der andauernden Bedrohung. Letzte Gewissheiten, solche vor allem, die Sicherheit verleihen, gibt es nicht auf dieser Welt. Immer aber gibt es die Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist. Davon erzählt Friedrich Ani auf eine packende Weise, die einzig ist im deutschen Kriminalroman.


Wolfgang Schorlau: Brennende Kälte Kiepenheuer & Witsch. 256 Seiten, 7,95 Euro.

Friedrich Ani: Wer tötet, handelt dtv. 176 Seiten, 7,95 Euro.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus