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Kultur & Live

Journalismus: "Emma"-Chefin umstritten

"Frau Schwarzer drängt Birma in die Opferrolle"

Gleich doppelt hat die Journalistin Alice Schwarzer in den vergangenen Tagen Schlagzeilen gemacht: Mit der Absetzung von "Emma"-Chefredakteurin und Schwarzer-Nachfolgerin Lisa Ortgies, die sie mit den Worten verabschiedete, man sei zu dem Schluss gekommen, dass sich die Kollegin "nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin" eigne.

Hamburg. Ein Verhalten, das an Rufschädigung grenze und von wenig Größe zeuge, waren sich Presse und Öffentlichkeit einig.

Zwei Tage nach Bekanntgabe von Ortgies' Abschied, am 31. Mai, meldete sich Schwarzer im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zu Wort - nicht etwa mit Schadensbegrenzung in Sachen "Emma", sondern mit einem politisch fragwürdigen, weil regimefreundlichen Artikel unter der Überschrift "Warum Burma echte Freunde braucht".

Darin äußert die Journalistin, die das Land viermal bereist hat, Verständnis für die Politik der birmesischen Diktatoren und kritisiert die humanitären Interventionen des Westens. Die internationale Gemeinschaft, so Schwarzer, "gibt sich mitfühlend", und deutet damit an: In Wahrheit ist sie es nicht. Die Autorin legt nahe, dass sich die Generale zu Recht die politische Instrumentalisierung der humanitären Hilfe verbäten. Menschenrechtsverletzungen und die aktive Blockade von Hilfsorganisationen weichen bei Schwarzer Beschreibungen von der Schönheit des Landes - auch wenn sie gegen Ende des Artikels versichert: "Wäre ich Burmesin, ich würde selbstverständlich zur Opposition gehören."

Martin Petrich, Birma-Experte von Amnesty International, liest in dem Artikel eine "große emotionale Verbundenheit" der Autorin heraus, kritisiert aber ihre "billigen Pauschalisierungen": "Sie wirft politische Oppositionelle und Kriminelle in einen Topf und unterstellt Großbritannien neokoloniale Ambitionen." Auch eine "Idealisierung der Bevölkerung" sei auffällig: "Frau Schwarzer drängt Birma in die Opferrolle", so Petrich. "Sie spricht davon, während ihrer Reisen nie Hunger und wirkliches Elend gesehen zu haben, aber sie hat lediglich ein Drittel des Landes bereist - nämlich jenes, das für Touristen zugänglich ist."

Einen "Skandal, der nicht unkommentiert bleiben darf", nennt der ehemalige "Spiegel"-Kulturchef Matthias Matussek Schwarzers Artikel in einem offenen Antwortbrief auf "Spiegel Online". Er schreibt von einem "abstoßenden ideologischen Gebräu", von "Fakten-Klitterung" und "gefühligem Armutsverherrlichungs-Kitsch" und endet mit der Forderung, Schwarzer möge als Mitglied der Jury des Henri-Nannen-Preises zurücktreten - "schon, um ihn nicht für diejenigen zu beschädigen, die ihn künftig erhalten sollen".

Auf Nachfrage des Abendblatts konnte oder wollte sich Alice Schwarzer gestern nicht zu den Vorwürfen von Matthias Matussek und anderen Kritikern äußern - sie befinde sich in Urlaub, teilte eine Sprecherin mit.

 

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