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Kultur & Live

Scooter: Frontmann H.P. Baxxter über Schminken, Schreien und Selbstironie

"Man braucht das einfach laut"

Sie werden als "Techno-Deppen" verpönt. Doch Madonna entthronen kann nicht jeder.

Hamburg. In Ottensens verwinkelten Sträßchen lässt es sich prima verstecken. Zum Beispiel, wenn man einer der erfolgreichsten deutschen Pop-Acts ist. Kein Schild verrät, dass hinter der schlichten Metalltüre das Studio des Trios Scooters liegt. Wegen ihrer stampfenden Beats und schlichten Verse ("Jigga Jigga", "Fuck the Millennium") werden Rick J. Jordan, Michael Simon sowie Wasserstoffblondschopf und Frontmann H.P. Baxxter gerne mal als "Kirmestechno-Deppen" verspottet. Dabei sind sie die einzige deutsche Band, die mehr als 20 Top-Ten-Hits in den deutschen Charts verbuchen kann. Und mit ihrem 13. Album "Jumping All Over The World" schubsten sie jüngst selbst Pop-Königin Madonna vom Thron des ersten Platzes in den britischen Charts.

In der Studio-Küche unterschreiben Jordan und Simon im Akkord Autogrammkarten. Baxxter hat die Fleißübung schon hinter sich. Der 42-Jährige, der am Stadtrand in Hamburgs Norden lebt, guckt lieber, wie es seinen Zierfischen geht, und setzt einen Kaffee auf. Zeit für ein Interview, bevor ein kroatisches TV-Team anrückt. Und bevor es heute zur Teenie-Show The Dome nach Bremen geht.


Abendblatt:

Hat Madonna Ihnen schon gratuliert?

H.P. Baxxter:

Nee. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Madonna weiß, wer oder was Scooter ist.



Abendblatt:

Wo hat Sie denn die Nachricht vom 1. Platz ereilt?

Baxxter:

Ich war mit meiner Frau Simone an der Ostsee, lag im Strandkorb und hatte gerade die Biografie von Bon Scott von AC/DC gelesen - die Stelle, wo er gestorben ist aufgrund von Alkoholmissbrauch. Das war ein bisschen depri-mäßig. Da klingelte das Handy, und Rick sang ein Madonna-Lied.



Abendblatt:

Mögen die britischen Fans diese Härte, die Sie ausstrahlen, das vermeintlich Teutonische, das viele auch an Rammstein fasziniert?

Baxxter:

Das glaube ich nicht. Wir sind ganz klar in der Dance-Szene anzusiedeln. Die ist sehr massiv im Norden Englands. Wir haben das ja erlebt auf Tour. Ausverkaufte Arenen mit bis zu 14 000 Leuten. Die sind völlig ausgeflippt.



Abendblatt:

Im Video zu "Jumping All Over The World" tragen Sie einen üppigen Pelzkragen. Das Werk eines Stylisten?

Baxxter:

Nein, da sagt keiner: Trag mal das! Ich habe klare Vorstellungen: eine Mischung aus Rock 'n' Roll und sportlich.



Abendblatt:

Und wie sieht's mit dem Schminken aus?

Baxxter:

Das mach ich auch gern selbst. Dann kenn ich die Produkte und sehe nicht plötzlich so tot geschminkt aus.



Abendblatt:

Haben Sie da eine Empfehlung?

Baxxter:

Ich nehme gern losen Puder von Dior. Mascara auch. Vielmehr aber nicht.



Abendblatt:

Wann haben Sie angefangen, sich zu schminken?

Baxxter:

Das war Anfang der 80er. Meine Vorbilder waren Depeche Mode, Soft Cell, The Cure. In der Zeit habe ich mich sehr extrem geschminkt. Im New-Wave-Stil. Knallroter Lippenstift und Lidschatten.



Abendblatt:

Ihre Funktion in der Band wird offiziell als "Shouting" bezeichnet. Werden Sie vom Schreien nicht heiser?

Baxxter:

Ja. Das ist das Schlimmste bei jeder Tour. Nach den ersten drei Konzerten geht das los. Und ab dann ist man nur noch am Rumdoktern. Gegen Ende der Tour ist es meist so, dass ich in die Klinik muss. Da kriege ich einen Tropf mit allen möglichen Sachen, bis hin zu Cortison.



Abendblatt:

Sehen Sie "Shouting" als eigene Kunstform?

Baxxter:

Diese Vocals sind in Deutschland nicht unbedingt üblich. Ich habe das vor Jahren aus England mitgekriegt: Die DJs hatten immer einen eigenen MC dabei - einen "Master of Ceremony". Der hat die Menge angefeuert - mit einer Art Sprechgesang, aber mit mehr Energie. Wir haben daraus unseren eigenen Stil entwickelt und das Ganze in eine Songstruktur gebracht.



Abendblatt:

Müssen Sie über Verse wie "How Much Is The Fish" nicht manchmal lachen?

Baxxter:

Ohne Selbstironie funktioniert's nicht. Dazu ist unsere Musik ja auch zu sehr Fun. Man geht aus, man braucht das einfach laut. Tiefgründig-politische Texte waren nie unser Ziel. Das wird uns ja auch oft vorgeworfen, dass es zu platt ist. Aber das muss es auch geben. Wenn alles nur so bedeutungsschwanger wäre wie bei Xavier Naidoo, das fände ich langweilig.



Abendblatt:

Einerseits sitzen Sie in der Jury der Viva-Show "Are You Hot?", wo es um Bizeps, Brüste und Sex-Appeal geht. Andererseits erscheinen Sie per Video in dem subversiven Theaterstück "Dorfpunks" am Schauspielhaus und haben ein Hörspiel mit Prosa von Thomas Bernhard aufgenommen. Wie passt das zusammen?

Baxxter:

Meine Devise war immer, ohne Scheuklappen Vielseitigkeit an den Tag zu legen.



Abendblatt:

Viele Ihrer Kritiker sind da aber nicht so tolerant. Wurmt es, für die als Inbegriff schlechter Musik zu gelten?

Baxxter:

Wie das so ist: Über das, worüber man einst geseufzt hat, gähnt man mit der Zeit nur noch. Außerdem stachelt Gegenwind ja auch an.



Abendblatt:

Vor Zehntausenden Fans, etwa in Moskau, zu spielen - wie kann man da nicht größenwahnsinnig werden?

Baxxter:

Ich wache nicht auf und denke: Hurra, ich bin ein Star. Gerade in Hamburg kann ich mich entspannt bewegen, in den Supermarkt gehen...



Abendblatt:

...oder ins Solarium.

Baxxter:

Ja. Obwohl das in Duvenstedt jetzt zugemacht hat.



Abendblatt:

Sie könnten sich doch eine Sonnenbank kaufen.

Baxxter:

Auf so eine Idee würde ich gar nicht kommen.

 

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