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Kultur & Live

Irregeleitete Wörter: Kreisen über Ihrem Kopf auch schon die Geiger?

Wenn ein Erblasser plötzlich erblasst

Neulich erlebte ich im St.-Pauli-Theater den Autor Axel Hacke, der mit Büchern wie "Der weiße Neger Wumbaba" berühmt geworden ist.

Hamburg. Neulich erlebte ich im St.-Pauli-Theater den Autor Axel Hacke, der mit Büchern wie "Der weiße Neger Wumbaba" berühmt geworden ist:

"Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Neger Wumbaba."

Hacke sammelt solche Missverständnisse, er ist ein Ein-Mann-Recycling-Unternehmen für falsch gehörte, falsch benutzte und sonst wie irregeleitete Wörter. Es war sehr schön.

Am Abend darauf fiel mein bildschirmmüder Blick in der S-Bahn auf ein kleines Schild: "Notentriegelung". Ich konnte dort keine Hinweise auf Noten oder Violinschlüssel oder Ähnliches entdecken. Kann man Noten triegeln?

Ja, Sie stöhnen jetzt, eine Viertelstunde später hatte sich mein Gehirn dann auch wieder entwirrt. Aber jetzt war ein Damm gebrochen.

"Schulzentrum", zum Beispiel. Sofort sehe ich vor mir einen stiernackigen, glubschäugigen Dorfschulzen, ein Trum von Mann, der aufpasst, dass keiner zu schnell durch die Ortschaft radelt. Oder ein "Flatrat" (sprich: wie Kastrat, Plural Flatrate): ein an sich unbedeutender Textbaustein, der sich beliebig orbital vervielfältigen lässt.

"Erblasser" nennt man jemanden, der unglücklicherweise dauerhaft erblasst ist. "Erbsün.de": Könnte eine türkische Website sein. Nach der jüngsten Rechtschreibreform sollen wir jetzt statt Co-Trainer "Kotrainer" schreiben. Klingt nach jemandem, der neben einem Hundehaufen wohnt.

Schon als Zeitungsvolontär lernt man, dass man "Urinstinkt" keinesfalls hinter dem ersten n trennen sollte. Sonst fällt dem Leser morgens angeblich das Frühstück aus dem Gesicht.

Ich persönlich glaube nicht, dass der Konsum falsch getrennter Wörter dem Leser schadet. Gefährlicher wäre aber "Konsumis-Mus": eine Art Brei, der aus der legalen Droge Konsumis gestampft wird. Botanisch wahrscheinlich verwandt mit Puris und Vandalis. Ein Fall für Hacke sind auch diese schönen entgleitenden Redewendungen, zum Beispiel "das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht" oder "die Zeit verrann wie im Flure" (was für viele Büroflure ja durchaus zutrifft).

Sie merken schon, welche mentalanarchischen Folgen so ein Abend mit Axel Hacke haben kann. Für uns Journalisten ist die Wirkung natürlich fatal: fortschreitende Absurdenz.

Beruflich kreisen über meinem Kopf wahrscheinlich schon die Geiger.

 

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