Auf dem Nachttisch
Sybil Gräfin Schönfeldt gehört zu den Menschen, in deren Gegenwart man fast automatisch versucht, die makellosesten aller Manieren aus dem Fundus zu holen. Sie hat vor einigen Jahren ein Benimmbuch geschrieben. Seitdem muss sie immer mal wieder solche Fragen beantworten: Wie deckt man eine festliche Tafel? Wo wird das Namensschild für den Schwiegervater aufgestellt? Eigentlich sind das eher langweilige Probleme.
Nun hat sie ein neues Buch geschrieben mit dem Titel "Anstand". Genau wie seinerzeit Freiherr Knigge liefert sie allerdings keineswegs nur Anweisungen für den höflichen Umgang miteinander. In dem Buch "Über den Umgang mit den Menschen" behandelte der Aufklärer Knigge furchtlos Themen wie Intrigantentum, Korruption, Betrug und unterwürfige Kratzfüßlerei. Sybil Gräfin Schönfeldt knüpft mit ihren Gedanken bei Knigge an. Es gehören für sie zum Anstand auch Mut, Zivilcourage und Widerstand gegen Ungerechtigkeit. Daneben vermittelt sie grundsätzliches zum Thema Höflichkeit. Es gibt ein paar Dinge im Leben, die man durch Höflichkeit umsonst bekommt. Es nützt zum Beispiel, nicht nur gut vorbereitet, sondern auch pünktlich (!) zu einem Vorstellungsgespräch zu erscheinen. Stau und Verspätung zählen nicht zu den wirklich pfiffigen Ausreden. In manchen Passagen ist das Buch herrlich altmodisch, weil es eben viele Umgangsformen gibt, deren Verschwinden zu beklagen ist.
Auch Frank Ochmann, Physiker, Theologe und Journalist, bemerkt in seiner gesellschaftskritischen Bestandsaufnahme über die "gefühlte Moral", dass moralisch bindende Kräfte bedrohlich schwinden. Er geht der Frage nach, was Hirnforscher heute darüber wissen, bringt seine Leser zügig und intelligent auf den Erkenntnisstand und denkt darüber nach, was zu tun sei. Fest steht, dass nicht nur zuerst das Fressen und dann die Moral kommt, sondern auch: Zuerst das Gefühl, dann die Moral. Über den Verstand ist kaum etwas zu machen. Das Gehirn arbeitet schneller und unbewusster als eingeübte Verhaltenregeln wollen. Höflichkeit und freundlicher Umgang werden offenbar nicht im Kopf, sondern von dem Körperteil gesteuert, den wir hilflos Herz nennen. So verbeugt man sich "mit vorzüglicher Hochachtung" vor der Herzensbildung zweier kluger Bücher. Zum Lesen empfohlen. S
ybil Gräfin Schönfeldt: Anstand. Piper Verlag. 215 S., 16,90 Euro.
Frank Ochmann: Die gefühlte Moral. Warum wir Gut und Böse unterscheiden können. Ullstein Verlag. 316 S., 19,90 Euro.



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