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Kultur & Live

Kettcar: Warm-Up für Hamburg-Tour

Neue Platte "Sylt": Mit der sozialen kommt die poetische Härte

Tosender Applaus von rund 500 Fans. Fünf Kerle, die wie Jungs strahlen.

Hamburg. Tosender Applaus von rund 500 Fans. Fünf Kerle, die wie Jungs strahlen. Da muss was raus: Stolz, Freude, alte Hits und vor allem neue Songs. "Kein Außen mehr" heißt einer. Er handelt von "Coca-Cola-Wahrheiten". Das echte, unverfälschte Ding gab's gestern Abend im Schmidts Tivoli. Mit ihrem innerhalb von 22 Stunden ausverkauftem Akustik-Auftritt lieferte Kettcar nicht nur einen Vorgeschmack auf ihre Platte "Sylt", sondern auch auf ihre rekordverdächtige Hamburg-interne Konzertreise. Wenn am Freitag ihr drittes Album beim selbst mitbegründeten Label Grand Hotel Van Cleef erscheint, spielen die fünf Freunde an sieben Abenden hintereinander in sieben Klubs ihrer Heimatstadt - und mit Sicherheit werden sich dann orgiastischere Szenen ereignen als in der bestuhlten "Hamburg Sounds"-Variante. Startpunkt der komplett ausverkauften Tour de Rock ist das Hafenklang in Altona. Und am 24. April rollt Kettcar in der Markthalle über die Ziellinie. Doch woher der Hype?

Erik Langer (Gitarre), Reimer Bustorff (Bass), Frank Tirado-Rosales (Schlagzeug), Lars Wiebusch (Keyboard) und sein Bruder Marcus (Gitarre, Gesang, Text) sind keine Popstars. Sie dürfen sich eher mal anhören, "hässliche Typen" zu sein. Der Reiz liegt in einer Normalität, die weit entfernt ist von grönemeyernder Kumpelei. Vielmehr verdichtet Marcus Wiebusch das Hadern mit Gefühlen und Gesellschaft zu griffigen Mitsing-Hymnen. Und als Vater mit Blick auf die 40 klingt das natürlich anders als beim 2002er-Debüt "Du und wie viel von Deinen Freunden". Weg von der "befindlichkeitsfixierten" Innen-Schau, hin zum Außen.

Wie sehr sich die Akzente verschoben haben, symbolisiert bereits der Titel. Statt einer Bandwurmformulierung wie noch beim zweiten Longplayer "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" wird mit "Sylt" ein einsilbiger Kontrapunkt gesetzt. Ein "kurzer, verstörender" Name, der - wie Wiebusch erklärt - "im krassesten Gegensatz zu der gesamten Stimmung des Albums steht". Der Deutschen liebste (oder meistgehasste) Insel zu wählen ist geschickt, denn jeder kann sofort sein ganz persönliches Bild vom Nordsee-Eiland abrufen. "Ich habe zum Beispiel im Kopf: prolliger Reichtum. Und gleichzeitig: wunderschöne Insel", erzählt Wiebusch.

Einen Ort, der ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit verklärt wird, kann der Hörer auf "Sylt" tatsächlich bereisen: "Graceland", das erste Lied der Platte. Elvis' Sterbestätte wird bei Kettcar nicht nur zum Sinnbild einer durchkommerzialisierten Jugendkultur. Zum Stakkato-Beat mit Mitklatsch-Appeal verhandelt Wiebusch die Frage, wie "Distinktion und Einbauküche", linke Ideale und bürgerlicher Rahmen, Älterwerden und Jungbleiben in ein Leben passen. Wichtig ist ihm: "Ich bin ein Teil von dem, was ich da kritisiere."

Zwar präferiert Kettcar immer noch den "lebensbejahenden Drei-Minuten-Popsong". Und wenn auf "Sylt" gerockt wird, dann tönt das robust und direkt. Doch in der Musik hallt auch ein prinzipielles "nicht einverstanden sein" wider. Um in "Fake For Real" das Trauma einer Kündigung zu schildern, löst sich der Sound vom klassischen Bandkonzept und verfällt in angstvolles Plokkern. Eine Kreissäge verankert den Song "Verraten" im suburbanen Milieu. Und "Am Tisch" mit Tuba und akustischer Gitarre provoziert und rührt durch die hohe Intimität. Im Duett mit Niels Frevert leuchtet Wiebusch eine verstummende Freundschaft aus, zwei auseinanderdriftende Biografien. Der eine, der sich fürs "Rattenrennen und Eigenheimleisten" entschieden hat. Und der andere, dem das gesetzte Geplauder zur Qual wird. Projektionen statt Kommunikation.

Wiebusch lässt seine Helden scheitern, raubt ihnen im symphonischen "Würde" ebendiese, indem der aus dem Hamsterrad gestrauchelte Mann zu den Eltern zurückziehen muss. "Das ist", findet Wiebusch, "der ultimative Zusammenbruch."

Mit der sozialen kommt bei Kettcar eine poetische Härte. Lyrik für eine Generation, die anders als ihre Eltern nicht mehr linear gen Rente steuern will und kann. Songs auch über die Erschöpfung der chronisch Flexiblen in neoliberalen Zeiten.

"Sylt" bietet keine Antworten. Eine Utopie ist vielleicht die reale Insel, nicht aber diese Platte.

 

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