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Kultur & Live

Kino: Julian Schnabels preisgekröntes Drama "Schmetterling und Taucherglocke" startet

Gefangen im eigenen Körper

Der US-Regisseur und Maler verfilmte die Geschichte eines Mannes, der unter dem Locked-in-Syndrom litt.

Hamburg. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich das Leben von Jean-Dominique Bauby. Er war 43 Jahre alt, Redakteur der französischen Zeitschrift "Elle" und Vater zweier Kinder, als ihn ein Schlaganfall traf. Als er aus dem Koma erwachte, war er fast völlig gelähmt und stumm. Nur seinen Kopf und ein Augenlid konnte er bewegen. Aber mit einer Energieleistung befreite er sich aus der Isolation. Mithilfe von Pflegern "schrieb" er sogar ein Buch über seinen Zustand, den die Mediziner Locked-in-Syndrom nennen. Einmal blinzeln ja, zweimal blinzeln nein. So hat Bauby kommuniziert. Der amerikanische Maler Julian Schnabel hat "Schmetterling und Taucherglocke" jetzt auf faszinierende Weise verfilmt.

So ungewöhnlich wie dieser Film ist auch sein Regisseur. Julian Schnabel war längst ein umstrittener Star der internationalen Kunstszene, der für seine Bilder sechsstellige Summen erzielte, als er 1996 erstmals Regie führte. "Schmetterling und Taucherglocke" ist sein dritter Film. Er brachte Schnabel in Cannes den Preis als "bester Film" sowie eine Oscar-Nominierung ein. Der 56-Jährige ist ein flamboyanter und freundlicher Künstler. Im Hotel Adlon residiert er in einer Suite mit Blick auf das Brandenburger Tor. Extravaganz ist er seinem Renommee schuldig, also empfängt er Gesprächspartner im fliederfarbenen Schlafanzug. Darüber trägt er ein hellbraunes Sakko mit Einstecktuch. Die profanen Hausschuhe bilden einen Kontrast zur gelbglasigen Brille. Seine Sätze mäandern durch den Raum, suchen ein Ende. Er antwortet immer, nur nicht immer auf die Fragen.

Eine Reihe von Schicksalsschlägen hat ihn dem Thema des Films nähergebracht. Sein Freund Fred Hughes, der Nachlassverwalter Andy Warhols, war an multipler Sklerose erkrankt. Schnabel las ihm häufig vor, als ihm Hughes' Krankenschwester "Schmetterling und Taucherglocke" mitbrachte. Als er das las, blieb er an einem Satz Baubys hängen: "War ich blind oder taub, oder bedarf es unbedingt der Beleuchtung durch ein Unglück, um einen Menschen in seinem wahren Licht zu zeigen?" Schnabel stellte sich ähnliche Fragen. "Mein Vater hatte Krebs im Endstadium. Am selben Tag kamen die Kinder in die Weihnachtsferien und das Drehbuch zu 'Schmetterling und Taucherglocke' bei mir an. Eigentlich wollte ich 'Das Parfum' verfilmen." Aber er sah die Parallelen. "Mein Vater war in seinem Körper gefangen und wollte nicht von uns gehen. Ich musste mit seinem nahen Tod zurechtkommen und dachte dabei über meinen eigenen Tod nach. Irgendwie war das Thema unausweichlich."

Schnabel und sein Kameramann Janusz Kaminski ("Der Soldat James Ryan") haben starke Bilder für die Geschichte gefunden. Zu Beginn blickt man sozusagen durch Baubys Auge, man teilt seine eingeschränkte Weltsicht, hört seinen Atem, seine aus dem Off gesprochenen Gedanken. Kaminski zeigt Bauby im Rollstuhl auf einem Poller inmitten der Meeresbrandung oder schlaff auf dem Arm eines Pflegers im Swimmingpool - eine Pietà.

Natürlich hat sich Schnabel Gedanken über die Unterschiede zwischen Malerei und Film gemacht. "Ich mag an Bildern, dass man alles, was man sieht, gleich unmittelbar bekommt. Man muss es nicht verstehen, um davon angezogen zu sein, kann sich auch mystifizieren lassen. Wenn man einen Film nicht versteht, denkt man gleich, er sei schlecht."

Schnabel sagt, sein Film habe ihm dabei geholfen, sich mit seinem eigenen Tod zu arrangieren. "Ich will damit nicht sagen, dass ich zum Sterben bereit bin." Aber sein Film ist nicht nur das erschütternde Zeugnis menschlicher Zerbrechlichkeit, sondern eben auch ein flammender Appell an die Fantasie, ans Leben. Den Regisseur haben diese "Nebenwirkungen" überrascht. "Die Vorstellung, dass Schlaganfallpatienten diesen Film sehen können, um herauszufinden, dass es eine offene Tür für sie gibt, daran hatte ich nie gedacht. Ich bin die Stimme der Behinderten geworden. Das fand ich befriedigend, denn ich glaube, Kunst sollte nützlich sein und keine Dekoration."

Aber Schnabel ist in einer privilegierten Situation, kann sich aussuchen, was er will. Bauby hat zwar durch seine Krankheit einen neuen Blick aufs Leben werfen können, aber er hatte keine Wahl mehr. Am Ende seines Buchs schreibt er: "Gibt es in diesem Kosmos einen Schlüssel, um meine Taucherglocke aufzuriegeln? Eine genügend starke Währung, um meine Freiheit zurückzukaufen? Ich muss anderswo suchen. Ich mache mich auf den Weg." Kurze Zeit später ist er gestorben.


"Schmetterling und Taucherglocke" im Abaton, Passage, Zeise. Jean-Dominique Bauby. Schmetterling und Taucherglocke. dtv. 129 S. 7,90 Euro

 

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