Ostertöne: Brahms und Modernes in der Laeiszhalle
Heiße Herzen und ein Peng
Hamburg. Das Brahms-Foyer duftet nach Kaffee, auf den Tischen stehen Schwarzwälder Kirschtorte und Marmorkuchen. Und: "Es gibt sogar Zeitung", wie eine Besucherin erstaunt bemerkt. In der Tat, Ostertöne-Projektleiterin Katrin Zagrosek hat nichts unversucht gelassen, um etwas Cafehaus-Atmosphäre zu verbreiten. Dazu gab's alle 20 Minuten leicht bekömmliche Klaviermusik bei freiem Eintritt. Eine schöne Idee. Darf gerne zur Tradition werden.
Mit Benjamin Schmid hat Simone Young erstmals einen "Artist in Residence" eingeladen. In drei Konzerten demonstrierte der österreichische Geiger mit verschiedenen Partnern eine große stilistische Bandbreite, die sich nicht allein auf die Klassik beschränkt: So spielte er etwa am Freitag fluffig groovende Jazzstücke von Grappelli und Reinhardt. Auch auf diesem Terrain bewegte sich Schmid sehr souverän und rückte dabei seine beeindruckende Virtuosität gelegentlich eine Spur zu deutlich in den Mittelpunkt. Den mit Abstand stärksten Eindruck hinterließ die Darbietung von Gubaidulinas "Rejoice" mit dem vorzüglichen Cellisten Clemens Hagen - gegen das Niveau der beiden Streicher fiel der erst kurzfristig eingesprungene Pianist Per Rundberg ein bisschen ab.
Messiaen hat sich viel mit Farben beschäftigt. Insofern passte das Dom-Feuerwerk, das um halb elf durch die Fenster der Laeiszhalle hereinböllerte, eigentlich ganz gut zum Liederabend des Internationalen Opernstudios. Denn neben Stücken von Brahms standen hier vor allem die Stücke des französischen Komponisten im Mittelpunkt. Begleitet von Simone Young am Klavier, gaben die jungen Sänger Kostproben ihres Könnens. Herausragend: die norwegische Mezzosopranistin Ann-Beth Solvang, der tschechische Tenor Ladislav Elgr und die großartige Sopranistin Christiane Karg.
Über den sensationellen Auftritt vom Belcea Quartet müsste man eigentlich eine Hymne schreiben. Doppelseite mit Riesenfoto. Mindestens! Aber dafür reicht der Platz nicht ganz. Deshalb also in Kürze: Die Streicher bescherten ihrem Publikum ein atemberaubendes Konzert. Weil hier ein perfekt ausbalancierter Ensembleklang, allerfeinste kammermusikalische Differenzierungskunst und feurige Leidenschaft zu einer rundum beglückenden Interpretation zusammentrafen: beim unglaublich komprimierten Bartok, dem eindringlichen Britten und einer überwältigenden Darbietung des Brahms-Klavierquintetts mit dem Pianisten Aleksandar Madzar. Mit berstenden Bogenhaaren verbissen sich die Musiker wie entfesselt in die hoch romantische, verzweifelt um Überschwang ringende Komposition: Als würden sie auf glühenden Kohlen rennen, um endlich den bittersüßen Schmerz umarmen zu können, der dem Hörer heiß ins Herze dringt.
Ein Höhepunkt ganz anderer Art war die musikalische Ostereiersuche mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen: Da konnten Kinder und Eltern die Laeiszhalle bis in die hintersten Winkel erkunden und spielerisch eine Menge über die musikalische und die übrige Welt erfahren. Zum Beispiel, dass eine Bratsche auch mit der Säge gestrichen werden kann. So spannend, lustig und kurzweilig kann Musikvermittlung sein, wenn sie richtig gut gemacht ist.
Dass ein Spaßvogel in die Stille nach dem Schluss von Griseys Klangfarben-Erkundung "Modulations" ein herzhaftes "Peng" hineinrief, das nervte. Wirklich. Sehr. Nachdem Generalmusikdirektorin Simone Young die Philharmoniker dazu gebracht hatte, die Schattierungen eines pulsierenden Grundtons und seine Ausbuchtungen quer durchs Orchester oszillieren zu lassen, war die Annäherung an eine abstrakte Gedankenwelt zu würdigen. Ein zerbrechliches Mobile, zusammengehalten von Obertönen und Nuancen. Und dann? Dann ist Ruhe, der Becken-Spieler hat zu erstarren, um noch einmal sichtbar zu machen, dass es um Ereignisse geht, die normalerweise unerhört bleiben. Und dann? Ruft jemand "Peng".
Bei Brahms' "Rinaldo" war das Problem ein anderes. Während die Hauptwerke ständig gespielt werden, brauchte es ein Jubiläum, um mit dieser dramatisch aufgeplusterten Kantate eine Repertoire-Wissenslücke zu schließen. Johan Botha präsentierte seinen kräftig ausholenden Tenor, der wie geschaffen wäre für einen "Lohengrin". Doch Young wird momentan vom "Rheingold" in Beschlag genommen. Und das hörte man auch beim "Rinaldo". Raffiniert angelegte Stellen reizten sie zwar zum Detailschliff. Ansonsten jedoch wurde der Staatsopern-Chor vom Orchester pauschal überdröhnt. Zur Ehrenrettung hätte die Rarität mehr Feingefühl verdient.



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