Absolut privat!? Eine Ausstellung in Frankfurt zeichnet die Geschichte des Tagebuchs nach
"Eine Anstrengung gegen das Dahinschwinden"
Banales und Bewegendes, Politisches und Privates: Die 300 Exponate aus fünf Jahrhunderten geben Einblick in die persönlichen Notizen und Alltagssorgen prominenter Europäer - von Goethe über Clara Schumann bis Franz Kafka.
Frankfurt. Wenn es sie nicht gäbe, hätten wir nie erfahren, dass sich Thomas Mann von seiner Katia Massagen mit dem elektrischen Bügeleisen verpassen ließ. Oder dass es im Hause Wagner als "Diätfehler" galt, Bier und Champagner durcheinanderzutrinken. Wäre das ein Verlust gewesen? Sicherlich nicht. Aber ein großer Teil des Vergnügens, mit dem wir die Tagebücher von Heroen wie Mann und Wagner lesen, liegt zweifellos in unserer Lust zu sehen, dass sie eben doch nur Menschen wie du und ich gewesen sind. Mit Schulden, "Verdauungssorgen" und "zerfranstem Dasein".
"Absolut privat!?" heißt eine Ausstellung zur Geschichte des Tagebuchs, die gerade im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main eröffnet worden ist. Die Macher haben den Titel mit einem kräftigen Fragezeichen versehen, weil es schon seit der Erfindung des Buchdrucks Tagebücher gegeben hat, die für andere Leser und damit auf eine Veröffentlichung hin angelegt waren. Sie korrigieren damit die gängige Vorstellung von der Unmittelbarkeit monologischer Prosa, von Geheimnis und Enthüllung. Gezeigt werden 300 Exponate, darunter Originaldokumente aus fünf Jahrhunderten. Zu den Höhepunkten gehören die "Schreibkalender" Goethes und das rot-weiß kariert eingebundene Notizbuch Anne Franks.
Goethe hat fast sechzig Jahre lang Tagebuch geschrieben. Und er hat auch Freunden und Bekannten immer wieder zu dieser "Buchführung" geraten. So auch dem Komponisten und Musikschriftsteller Johann Christian Lobe, dem er 1820 schrieb: "Führen Sie über dies, wie dort, auch unterwegs ein genaues Tagebuch, worin Sie alles, auch das scheinbar Geringfügige, aufzeichnen. Es gibt nichts, über das sich nicht interessante Beobachtungen anstellen ließen. Gewöhnen Sie sich also, über jede Erscheinung eine Betrachtung oder mehrere zu machen, und wo Ihnen solche nicht im Augenblick kommen wollen, da schreiben Sie wenigstens in Ihr Tagebuch: Hier sind Betrachtungen anzustellen!"
Anne Frank blieben zum Schreiben hingegen nur zwei Jahre. Ihre erste Eintragung datiert vom 12. Juni 1942, die letzte vom 1. August 1944. Drei Tage später wurde das Versteck im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht entdeckt.
Anne Frank ist in Bergen-Belsen ermordet worden. Weil Alt- und Neonazis die Echtheit des Dokuments immer wieder bestritten, wurde das Bundeskriminalamt 1978 mit einer forensischen Prüfung des Tagebuchs beauftragt, das Eleanor Roosevelt im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe als "einen der weisesten und bewegendsten Kommentare zum Krieg und seinen Auswirkungen auf die Menschen" genannt hatte. Im Jahr 2006 stellten die Experten des Bundeskriminalamts abschließend und ausdrücklich fest, dass es "keinerlei Zweifel" an der Authentizität des Tagebuchs von Anne Frank gebe.
In einem anderen Fall warteten die handelnden Personen die Expertise des BKA nicht ab: Am 25. April 1983 posaunte die "Stern"-Spitze in die Welt hinaus, die deutsche Geschichte müsse umgeschrieben werden. Man habe Hitlers Tagebücher entdeckt! Was aus der angekündigten Sensation wurde, ist bekannt: der größte Presseskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und sehr zum Leidwesen des Hamburger Magazins machte Helmut Dietl aus dem Stoff ein paar Jahre später auch noch eine grandiose Kinoposse: "Schtonk!"
Wirkliche Tagebuch-Verfilmungen hat es übrigens auch gegeben. Aus den freizügigen Aufzeichnungen, die Anais Nin Anfang der Dreißigerjahre über ihre Deierbeziehung mit Henry Miller und seiner Frau June machte, destillierte Philip Kaufman 1990 den Kinofilm "Henry und June", den Amerikas Zensoren prompt als pornografisch einstuften.
Nin hatte bereits als Elfjährige mit dem Tagebuchschreiben begonnen. Wie vielen anderen ging es ihr zunächst darum, ein Unglück zu verarbeiten: Der Vater hatte die Familie verlassen. Nin kommentierte ihre inneren Monologe später so: "Ich entdecke immer und immer wieder, dass das Tagebuch eine Anstrengung gegen das Dahinschwinden ist, gegen das Verlieren, gegen das Sterben, gegen die Entwurzelungen, gegen Verfall und Unwirklichkeit. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas rette, wenn ich es in das Tagebuch aufnehme. Dort ist es lebendig."
Gegen das Dahinschwinden schrieb auch Franz Kafka in seinen Tagebüchern an - "Regelmäßig schreiben! Sich nicht aufgeben!" -, aber sein Tagebuchschreiben war immer auch ein Ringen um das Eigenständige, Gültige. Bei Kafka war das Tagebuch literarische Werkstatt. Anders als bei Thomas Mann, der hemmungslos Banalitäten notierte. ("Zum Frühstück zwei Eier - ohne das Weiße des einen ...") Ein Schlupfwinkel sei das Tagebuch für den Lübecker gewesen, meint Marcel Reich-Ranicki, von der stilistischen Bravour und Virtuosität der "Buddenbrooks" oder des "Josephsromans" könne man dort nichts bemerken. In seinem ganzen Leben habe Thomas Mann keinen einzigen Brief so nachlässig geschrieben wie seine Journale.
Thomas Mann hat diese Wachstuchhefte am Ende seines Lebens unredigiert zusammengeschnürt und auf das Paket "Without literary value" geschrieben: Ohne literarischen Wert. Dass er die von ihm selbst festgelegte Schutzfrist von 25 Jahren noch auf zwanzig Jahre reduzierte, kam allerdings der Aufforderung zur Veröffentlichung gleich, und ohne Hilfe dieser Tagebücher hätte Heinrich Breloer seinen preisgekrönten Fernseh-Dreiteiler "Die Manns" wohl nicht drehen können.
Die Geschichte des modernen Tagebuchschreibens, die mit der Renaissance begann, also in einer Zeit, in der sich der Mensch erstmals seiner Einzigartigkeit bewusst wurde, schwankt bis heute zwischen Heimlichkeit und Exhibitionismus. Während Cosima Wagner ihre Tagebücher 1869 mit der Erklärung "Ihr sollt jede Stunde meines Lebens kennen ..." an ihre Kinder eröffnete, verbrannte der britische Schriftsteller Ted Hughes hundert Jahre später die letzten Aufzeichnungen, die seine Gattin, die Lyrikerin Sylvia Plath, vor ihrem Tod gemacht hatte: "Weil ich nicht wollte, dass ihre Kinder das je lesen müssten (damals hielt ich das Vergessen für einen wichtigen Teil des Überlebens)."
Tagebuchschreiben ist harte Arbeit. Zu seinem Wesen gehört die Regelmäßigkeit des Berichtens. Die Schreibmotive sind unterschiedlich.
Der eine ergeht sich selbsttherapeutisch in Gefühligkeiten, der andere hat es auf höhere literarische Weihen abgesehen. Der eine biegt sich die eigene Geschichte schreibend zurecht, der andere will Geschichte festhalten. So, wie es der Jude Viktor Klemperer tat, der 1933 bis 1945 in Dresden minutiös über den nationalsozialistischen Terror Buch führte und damit ein einzigartiges Dokument schuf. Immer in dem Bewusstsein, dass es "nicht auf die großen Sachen" ankam, "sondern auf den Alltag der Tyrannei, der vergessen wird".
Das Internet im Übrigen hat die Lust am Notieren persönlicher Erlebnisse und Ansichten keineswegs bremsen können. Im Gegenteil: Allein in Deutschland werden die Weblogs - die digitalen Tagebücher - millionenfach gelesen. Selten allerdings sind sie so (unfreiwillig) amüsant wie das von "Julchen". "Julchen" hat neulich geschrieben: "Guten Abend, ich bin tot. Wir haben gestern Laminat geholt, mein Hase musste 10 Pakete schleppen ..."
Kafka: Er schrieb den "Prozess" Franz Kafka, 1883 als Sohn eines Kaufmanns in Prag geboren, studierte Germanistik und Jura. Von 1908 bis 1917 war er Angestellter einer Versicherungsgesellschaft, später einer Arbeiter-Unfallversicherung. Zu seinem Hauptwerk zählen neben etlichen Erzählungen vor allem drei Romane bzw. Romanfragmente ("Der Prozess", "Das Schloss" und "Der Verschollene"). 1924 starb er an Kehlkopftuberkulose. Sein literarischer Nachlass, den er testamentarisch zur Verbrennung bestimmt hatte, wurde posthum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht.
Goethe: der Mann der vielen Talente Der Autor des "Faust" war nicht nur einer der größten deutschen Dichter, sondern auch Naturwissenschaftler, Kunsttheoretiker und Staatsmann. Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28.8.1749 in Frankfurt geboren. Auf Einladung von Herzog Carl August zog er nach Weimar, wo er ab 1776 im Staatsdienst arbeitete. 1786 bis1788 erste, 1790 zweite Italienreise. Er starb am 22.3.1832 in Weimar.
Clara Schumann: die Pianistin von Weltruf Schon als 13-Jährige ging sie auf Konzertreise, mit 16 Jahren galt sie als eine der bedeutendsten Pianistinnen ihrer Zeit. Vor allem aber machte Clara Schumann (1819-1896) das Werk des Komponisten Robert Schumann bekannt, den sie 1840 gegen den jahrelangen Widerstand ihres Vaters Friedrich Wieck geheiratet hatte.




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