08.03.08

Schelmenroman: Matthias Politycki über sechs Monate "MS Europa"

Schwarzer Humor de luxe

Als Schiffsschreiber reiste der Hamburger Autor um die Welt - und schrieb dabei das fiktive Logbuch des Finanzbeamten Fichtl.

Von Birgit Reuther

Hamburg. "Laden wir uns hier vielleicht den Leibhaftigen an Bord, der unser Schiff in Grund und Boden schreibt?" Kurz vor seiner Abreise am 5. November 2006 skizzierte Matthias Politycki mögliche Bedenken der Reederei Hapag-Lloyd, ihn als ersten Schiffsschreiber auf die "MS Europa" zu laden. Doch auch wenn der Hamburger Autor ("Herr der Hörner") den Luxuskreuzer verbal nicht versenkt hat (derzeit tourt die XXL-Yacht in Asien), sein von sechs Monaten Weltreise inspiriertes Buch ist mit diabolisch spitzer Feder verfasst. Diesen Dienstag präsentiert Politycki "In 180 Tagen um die Welt" (genauer gesagt in 184 Tagen) im Literaturhaus. Dem 52-Jährigen ist gelungen, was er vorab im Abendblatt-Interview angekündigt hatte: einen "schwimmenden Gesellschaftsroman" zu schreiben.

Anders als sein US-Kollege David Foster Wallace ("Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich") schildert Politycki das Soziotop auf See jedoch nicht als Reportage, sondern wählt den Kunstgriff eines fiktiven Logbuchs, geführt von Johann Gottlieb Fichtl. Ein bayrischer Finanzbeamter, der als Vertreter einer Lotto-Tippgemeinschaft von der Türkei über die USA, Mittelamerika und die Südsee bis nach Australien, Indien und in die Golfregion reist, ausgerüstet mit Aldi-Smoking und Motivkrawattensammlung.

Doch statt im "Fünfsterneplus-Alltag" der Gutbetuchten unterzugehen, wird der "Fichtl Hannes" kurzerhand als "Großer, ganz Großer" stilisiert ("Vermögensverwaltung via Liechtenstein"), als "Piëch-Freund" mit Doktortitel. Rasch wandeln sich Wettprahlen, Bordklatsch und -mythen zur Realität. Die Landgänge verkommen zur Fototapete, der geistige Horizont endet an der Reling, das wichtigste Thema: "unsere Hütte". Um deren Personal, Motoren und Zukunft ist die Clique der "etwas gleicheren" Weltreisenden in etwa so besorgt wie Fußballfans um "unsere Nationalmannschaft". Werden für den Bayrischen Frühschoppen wirklich "Kielschweine" unter Deck gehalten? Hat Juliane Wack tatsächlich Botox-gespritzte Füße, um es länger auf ihren Stöckelschuhen auszuhalten? Und ist der Bojenbemalkursus eigentlich ein Resozialisierungsprogramm für Langzeitpassagiere?

Mit viel schwarzem Humor porträtiert Politycki die deutsche Seele, die sich bei der "Rundumvertrüffelung" an Bord in ihrer versnobten Form offenbart. Mitunter dümpelt die Handlung zwar in der Routine von Welcome-Galas und Schiffskartenversteigerungen dahin. Doch wenn der Autor die Dauerdekadenz und sanfte Bespaßung zum satirischen Wahnsinn überhöht, nimmt sein Schelmenroman rasch wieder Fahrt auf. Wenn etwa zur Animation "ein individuelles Bettlerarmband mit Swarovski-Perlen" gefertigt wird. Oder wenn sich die Langzeittouristen zum sabotierenden Stammtisch verbünden und per Petition Bratkartoffeln statt Hummer fordern. Die formale Strenge des Logbuchs - zwei Seiten pro Tag und ein Foto - stehen im hübschen Kontrast zu all den Wortneuschöpfungen ("Mehrzweckflötistin", "Kaviar-Whopper", "Leih-Tschador"), die viel subtilen Witz transportieren.

Politycki ist eine groteske De-luxe-Variante von "Herr der Fliegen" gelungen. Zwar schlachtet sich niemand ab. Aber das Leben im Mikrokosmos Schiff driftet zunehmend ins Surreale ab. Und ab und an bleibt ein Passagier in den Weiten des Meeres auf der Strecke - nicht zuletzt der Schiffsschreiber selbst. Amüsant ist es, wie Politycki auch seine eigene Rolle fiktiv anlegt. Mit Ingo Jonatzki hat er sich das Klischee eines Romanciers ersonnen - mit abgewetzter Lederjacke und Rotwein trinkend. Ein moderner Troubadix, der permanent unerwünscht Reime absondert - und der schließlich in einem Schlauchboot ausgesetzt wird. Auch eine Form von literarischer Freiheit.


Matthias Politycki : In 180 Tagen um die Welt - Das Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl. Marebuch, 390 S.; 24,90 Euro. Buchpremiere : 11.3., 20 Uhr, Literaturhaus, 8/6 Euro. Original-Hörstück: Wolfgang Stockmann: Das Schiff - Erlebnisse einer Weltreise mit Matthias Politycki. Kunstmann, 2 CDs; 19,90 Euro.

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