Sonntag, 27. Mai 2012, 08:16

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

Tagebuch-Skandal: Konrad Kujau wird mit Nazi-Fälschungen reich

Ein Händchen für Hitlers Handschrift

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher (Teil 2) Mit der Nazi-Zeit ist immer noch ein gutes Geschäft zu machen. Schon 1975 kommt Konrad Kujau auf die Idee, Hitlers Leben in Tagebüchern nachzuzeichnen - schließlich kann er dessen Handschrift flüssig nachahmen. Erst acht Jahre später fliegt der Schwindel auf.

Hamburg. Konrad Kujau wird am 27. Juni 1938 in Löbau bei Dresden geboren. Sein Vater wird seit den letzten Kriegsmonaten vermisst. Konrad und seine vier Geschwister wachsen ohne Vater auf. 1954 beginnt er eine Lehre als Bauschlosser. Schon ein Jahr später bricht er die Ausbildung ab und jobbt als Hilfsarbeiter. Bei seinen Freunden gilt er als lustiger Vogel, immer zu Späßen aufgelegt. Nach einem Krach mit Funktionären der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) entschließt er sich, 1957 über Westberlin nach Westdeutschland zu flüchten. In der Nähe von Stuttgart arbeitet er in einer Getränkefirma, als Kellner und Gebäudereiniger. Der humorvolle Kujau legt Wert auf elegante Kleidung und feiert gern. Seine neuen Freunde sind beeindruckt von seinem großen Zeichentalent. Anfang der 60er-Jahre trifft er seine spätere Lebensgefährtin. Auch sie stammt aus der DDR. Die beiden ziehen zusammen, Kujau gründet auf ihren Namen eine Gebäudereinigungsfirma, die 1973 am Ende ist. Da beschließt er, sein Glück als Campingplatz-Betreiber am Ammersee zu machen. Es lohnt sich nicht. Jetzt macht Kujau sein Hobby zum Beruf. Schon in den 60er-Jahren hat er angefangen, Reservisten-Krüge und alte Soldatenhelme zu sammeln. 1974 ist die Sammlung derart angewachsen, dass Kujau dafür in Stuttgart einen Laden in der Aspergstraße 22 anmietet, wo er sich auch mit Gleichgesinnten trifft. Immer mehr beschäftigt er sich mit NS-Devotionalien. Er merkt, dass mit der Nazi-Zeit ein gutes Geschäft zu machen ist. Adolf Hitler übt auf die Zeitgenossen noch immer eine merkwürdige Faszination aus. Kujau malt zunächst Schlachtengemälde aus dem 2. Weltkrieg, aber den Durchbruch hat er, als er beginnt, Dokumente führender Nazis zu produzieren. Neben Zeichnen und Malen hat Kujau auch das Talent, Schriften nachzuahmen. Besonders die Handschrift von Adolf Hitler kann er nach kurzem Üben ebenso flüssig wie täuschend ähnlich zu Papier bringen.

Wie eine glückliche Fügung muss es Kujau da erscheinen, dass er mit dem wohlhabenden schwäbischen Unternehmer und Sammler von NS-Devotionalien Rudolf Hartung ( Name geändert) bekannt gemacht wird. Kujau erkennt bald, dass Hartung wenig Ahnung, aber viel Geld hat. Es wird eine glückliche Geschäftsbeziehung. Hartung erwirbt Briefe, Gedichte, Manuskripte von Hitler und Autografen anderer Nazi-Größen. Kujau produziert Gemälde und Zeichnungen, die von Hitler stammen sollen. Hartung kauft Orden, Uniformteile, Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände, von denen Kujau versichert, sie hätten Hitler gehört. Etwa Hitlers Stahlhelm, Frack und Zylinder, auch die Uhr und den Fotoapparat des "Führers". Kujau erzählt, dass er Verwandte in der DDR in einflussreichen Positionen habe. Sie würden ihm helfen, die Stücke zu beschaffen und über die Grenze zu bringen. Hartung kauft und kauft. Das Landgericht Hamburg wird 1985 feststellen, dass er für seine Sammlung allein zwischen 1977 und 1983 insgesamt 281 615,96 Mark an Kujau gezahlt hat. Nur ein historisches Dokument kann Hartung nicht erwerben, das bekommt er aber am 12. November 1975 von Kujau geliehen: ein Tagebuch von Adolf Hitler, erstes Halbjahr 1935.

Auf die Idee, Hitlers Leben auch in Tagebüchern nachzuzeichnen, kommt Konrad Kujau etwa Anfang 1975. Er schreibt den Text zunächst mit Maschine, das Ergebnis gefällt ihm aber nicht. Sehr viel überzeugender erscheint ihm ein handschriftliches Tagebuch. Hitlers Handschrift kann er flüssig nachahmen. Also überträgt er seine Texte mit schwarzer Tinte in die mit schwarzem Kunststoff beklebten Kladden, die er im Konsum-Geschäft im sächsischen Bautzen gekauft hat. Um dem Ganzen etwas mehr Glanz zu verleihen, schmückt Kujau den Umschlag mit zwei vergoldeten Klebebuchstaben aus Plastik. Er wählt für Hitlers Initialen Buchstaben in Texturschrift und verwechselt dabei A und F. Das fällt aber später niemandem auf.

Um Hartung zusätzlich davon zu überzeugen, dass seine Hitler-Sammlung über jeden Zweifel erhaben ist, hat Kujau damit begonnen, die Dokumente mit Echtheits-Zertifikaten auszustatten. Dazu benutzt er nachgedruckte Briefbögen der NSDAP-Reichsleitung. Darauf tippt er mit Maschine eine Beschreibung des Dokuments, Bildes oder Gegenstands und unterschreibt mit den Namen hoher NS-Funktionäre. Um diese Echtheits-Zertifikate noch echter wirken zu lassen, färbt Kujau sie mit Tee oder Kaffee ein, so dass sie schön vergilbt aussehen.

Über einen Münchner Militaria-Händler ist Hartung mit dem Historiker Prof. Dr. August Priesack in Kontakt gekommen. Der hat von August 1935 bis August 1939 im "Hauptarchiv der Reichsleitung der NSDAP" gearbeitet, ein Fachmann also. Den engagiert er als Gutachter. Hartung erzählt ihm, dass er die ganzen NS-Devotionalien von einem Konrad "Fischer" aus Stuttgart erwirbt. Der beziehe sie aus der DDR, ein "Onkel in Uniform" sei beim Transport in den Westen behilflich. Da die meisten Sachen einheitliche Begleitschreiben haben, erscheint es Priesack logisch, dass sie aus ein und derselben Quelle stammen. Er versucht der Sache auf den Grund zu gehen und findet einen ersten Hinweis in dem Buch "Ich flog Mächtige der Erde". Autor ist der ehemalige Chefpilot Adolf Hitlers, Hans Baur. Über die letzten Kriegstage im April 1945 ist darin von einem Major Gundlfinger zu lesen, der als einer der Letzten mit einer JU-352 aus Berlin abgeflogen, aber nie an seinem Ziel angekommen ist.

"Die Nachforschungen nach der Maschine blieben erfolglos. Als ich Hitler Meldung machte, war er sehr erregt, denn ausgerechnet in dieser Maschine war einer seiner Diener mitgeflogen, der ihm besonders am Herzen lag. Hitler: 'Ich habe ihm außerordentlich wichtige Akten und Papiere anvertraut, die der Nachwelt Zeugnis von meinen Handlungen ablegen sollten!' Hitler konnte sich lange Zeit nicht beruhigen, der Verlust schien ihm unendlich nahezugehen."

Priesack und Hartung sind sich einig, es sei ja nicht auszuschließen, dass die Dokumente aus der Ju-352 des Majors stammen. Priesack findet, die Sammlung sei so interessant, sie müsste der Wissenschaft zugänglich gemacht werden. Und er weiß auch gleich einen Interessenten: den Stuttgarter Professor für Neuere Geschichte, Eberhard Jäckel. Der ist interessiert und bekommt Fotokopien von 72 Hitler-Handschriften, die er für sein neues Buch ausgewählt hat.

Ein knappes Jahr später sind Jäckel und Priesack wieder zu Besuch, diesmal zeigt Hartung ihnen das "Hitler-Tagebuch". Die beiden Experten halten es für sensationell, dass Adolf Hitler Tagebuch geführt hat. Jäckel möchte den Band gern übernehmen und veröffentlichen. Kujau, der ebenfalls anwesend ist, erklärt, Hitler habe zwischen 1932 und 1945 Tagebuch geführt. Dann müssten also 27 Halbjahres-Bände existieren, folgert Priesack. Die Legende ist gestrickt. Die Lunte glimmt. Knapp vier Jahre später wird die Bombe platzen.


25 Jahre nach der Affäre um die "Hitler-Tagebücher" hat Henri Nannens Chefermittler Michael Seufert aufgeschrieben, wie es dazu kam. Das Buch erscheint am 11. März im Scherz-Verlag.

Lesen Sie morgen: Gerd Heidemann - "Stern"-Spürnase auf Abwegen

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus