Erboste Eltern und enttäuschte Kinder können die Pläne der Bücherhallen nicht nachvollziehen.
Hamburg. Mascha will mehr wissen, als sie auf einmal stemmen kann. Normalerweise trägt Nina Fulde den Plastikkorb, den ihre Tochter nach Lust und Laune mit Büchern, Spielen und CDs vollstopft. Heute aber soll die Vierjährige selbst zeigen, was sie in der Kinderbibliothek (Kibi) am Grindel eingepackt hat. Es macht ihr Mühe, den Korb hochzuziehen. Dabei hat sie eben erst angefangen, all das einzusammeln, was sie mit nach Hause nehmen will. Carmen Escobar, die auf Tochter Paula (10) wartet, kommt wöchentlich zu Fuß mit den Kindern her. "Diese Kinderbibliothek gehört für mich zu den schönsten Dingen, die ich in Deutschland kennengelernt habe", sagt die Kolumbianerin.
Leseförderung ist eine Frage der Priorität
Die Kibi liegt etwas abseits der verkehrsreichen Straße im zentralen Hochhaus am Grindelberg. Von außen ist sie unscheinbar, doch sie hat große innere Werte. Die mit Spiel- und Kuschelecken fantasievoll gestaltete Bücherei ist licht und freundlich, die Medien sind anregend sortiert.
Ein Idyll, das stark gefährdet ist. Im Herbst soll der Standort aufgegeben werden, die Kibi in die bis dahin erweiterte Zentralbibliothek am Hühnerposten verlegt werden. Die Modellbibliothek gehöre in die Zentrale, heißt es, da sie dort für alle Hamburger Kinder gut erreichbar sei und der Betrieb Kosten spare. Zudem beansprucht das Bezirksamt die frei werdenden Räume für sich. Dennoch überrascht die Entscheidung: Erst im März 2004 ist die Kibi am Grindel als erste Modelleinrichtung dieser Art bei den Hamburger Bücherhallen eröffnet worden. Seither sind Besucher- und Ausleihzahlen sowie der Bestand sprunghaft gestiegen. Der Jahresbericht 2006 verzeichnete fast 81 000 Besucher, mehr als 203 000 Ausleihen von knapp 30 000 Medien.
Im August letzten Jahres hat sich eine Eltern-Initiative gebildet, die den Plan der Bücherhallenleitung, der von der Kulturbehörde unterstützt wird, korrigieren will. Angela Ziegenhagen, Sprecherin der Initiative "Kibi muss bleiben": "Es ist nicht sinnvoll, so eine Einrichtung zu zentralisieren und sie von einem kinderreichen in den kinderärmsten Stadtteil zu verlegen. Man würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Spielplätze zu zentralisieren." Dem Argument, dass eine zentrale Kinderbibliothek nicht einen Stadtteil begünstigen dürfe, widerspricht sie vehement: "Das ist reine Polemik, uns Egoismus vorzuwerfen und Elterninteressen gegeneinander auszuspielen. Das lenkt nur davon ab, dass viele Bücherhallen in der Nachbarschaft verloren gegangen sind, die auch für Kinder gut erreichbar waren. Eine wirksame Politik für bessere Pisa-Ergebnisse sieht anders aus."
Obwohl die Initiative einiges auf die Beine gestellt hat - einen Laternenumzug als Protestmarsch mit mehr als 700 Teilnehmern oder eine Malaktion mit 1000 Kinderbildern, die Ole von Beust beim Neujahrsempfang übergeben wurden -, scheinen die Erfolgsaussichten für den Widerstand eher gering. Immerhin hat Karin von Welck zweimal mit Vertretern der Initiative über Lösungsmöglichkeiten diskutiert. "Wir halten das für Taktik vor der Wahl", sagt Ziegenhagen. "Sie hat einen Leseklub wie in Sasel als Ersatz vorgeschlagen. Wir haben uns den angesehen. Eine Lachnummer. Wir wollen keinen Leseklub, sondern eine von den Bücherhallen Hamburg betriebene Einrichtung."
Aus gutem Grund, denn gerade im Bezirk Eimsbüttel sind in den letzten Jahren Bibliotheken (die Erwachsenenbibliothek am Grindel, Kolibri am Mittelweg) geschlossen worden- nach jeder Schließung folgte als Trostpflaster ein Versprechen, das nicht lange Bestand hatte.
Linus (9), der an der Ausleihstation in der Schlange wartet, weiß, was der Umzug der Kibi für ihn bedeuten würde: "Dann darf ich nicht mehr alleine in die Bücherei gehen."
Harry Rowohlt, Kirsten Boie, Dieter Pfaff lesen morgen ab 17 Uhr in der Schule Kielortallee 18/20; Eintritt frei.












