Museum: Spektakulärer Raub in der Züricher Sammlung Bührle - Gemälde im Wert von 113 Millionen Euro entwendet
Überfall auf Monet & Co.
Experten sprechen vom bisher größten Kunstraub in Europa. Geht es den Tätern um Lösegeld? Die Gemälde gelten als unverkäuflich.
Hamburg. "Besuchen Sie eine der größten Kunstsammlungen der Welt", empfiehlt sich die Stiftung Emil Georg Bühle (1890 - 1956) an der Zollikonstraße 172 in Zürich. Die beste Art, kostbare Exempel europäischer Malerei zu bewundern, sei "ein Besuch bei uns". Die drei Männer, die am Sonntag um 16.30 Uhr in der verkehrsberuhigten Zone aus einem weißen Wagen steigen, sind, obgleich offenbar Experten, mit der freundlichen Einladung nicht gemeint: Vermummt, bewaffnet und gewaltbereit dringen sie in die Gründerzeitvilla aus dem Jahr 1886 ein. Der erste zwingt die Anwesenden im Eingangsbereich mit einer Faustfeuerwaffe zu Boden, die anderen stürmen den Ausstellungssaal im Erdgeschoss und greifen sich vier besonders wertvolle Gemälde: "Graf Lepic und seine Töchter" von Edgar Degas (1871), Claude Monets "Mohnfeld bei Vetheuil" (1879), Paul Cezannes "Knabe mit der roten Weste" (1888) und "Blühende Kastanienzweige" von Vincent van Gogh (1890).
Die Räuber verladen die Beute und flüchten in Richtung Zollikon. Teilweise, so berichten Augenzeugen, ragten die Bilder noch aus dem Kofferraum. Zurück bleiben geschockte Angestellte, viele Rätsel für die Polizei, ein Schaden von rund 113 Millionen Euro und lähmendes Entsetzen in der Kunstwelt: Gegen brutale Frontalangriffe bewaffneter Gangster scheinen vor allem kleinere Museen zunehmend wehrlos. Schon denken besorgte Direktoren über Schließungen nach. "Gefahr für Leib und Leben" fürchtet etwa der Direktor des Sprengel Museums Hannover, Ulrich Krempel, angesichts der jüngsten Beispiele skrupelloser Kunstkriminalität. Der Raubüberfall von Zürich sei "eine neue Kategorie der Gewalt".
Krempel kennt sich aus: Erst am vergangenen Mittwoch stahlen Diebe aus dem Seedamm Kulturzentrum im nahen Pfäffikon die auf mehrere Millionen Euro geschätzten Picasso-Gemälde "Verre et pichet" (1944) und "Tête de cheval" (1962) - sie sind Leihgaben aus Krempels Institut. Das nach kriminaltechnischen Untersuchungen vollständig wieder eröffnete Kulturzentrum soll jetzt geschlossen werden.
Die Fälle sind spektakulär, die Straftaten alles andere als selten: Kunstklau zählt nach Interpol-Angaben neben Drogen- und Menschenhandel mittlerweile zu den einträglichsten Delikten. Das FBI beziffert den jährlichen Schaden auf acht Milliarden Dollar. Allein in Deutschland werden jeden Tag sieben Fälle gemeldet. Das 1991 von Auktionshäusern, Kunsthändlern und Versicherern eingerichtete Art-Loss-Register (ALR) enthält bereits 180 000 Einträge, nur 5500 Werke wurden wiederbeschafft.
Kunsträuber sind Kriminelle mit langer Tradition, die ersten gehen bereits in der Antike ans Werk: Der berüchtigte römische Politiker Verres rafft bis 71 v. Chr. aus Tempeln in zwei Provinzen so viele Statuen und andere Kunstschätze zusammen, dass sie in Rom mehrere Lager füllen. Die Bestohlenen nehmen sich als Anwalt keinen geringeren als Cicero, der den Übeltäter zumindest ins Exil jagt. Später indes erliegt der begnadete Redner selbst der Verlockung edler Kunst: Als er einige wertvolle korinthische Gefäße nicht herausrücken will, wird er geächtet und auf der Flucht ermordet.
Der moderne Kunstraub aus privater Besitzgier beginnt mit dem Kopenhagener Uhrmacher und Goldschmied Niels Heidenreich, der 1802 aus der königlichen Kunstkammer in Christiansborg mit Nachschlüsseln die beiden berühmten Goldhörner von Gallehus stiehlt. Der unpatriotische Übeltäter schmilzt die um 400 v. Chr. gefertigten berühmtesten archäologischen Funde des Landes in seiner Küche ein. 1803 wird er überführt und verurteilt, erst 1840 ist seine Strafe verbüßt.
Vaterländische Motive bewegen dagegen den Anstreicher Vincenzio Perrugia, der sich 1911 im Louvre in einem Schrank versteckt, die Mona Lisa aus dem Rahmen löst und das wohl berühmteste Ölgemälde der Welt unter dem Mantel aus dem Museum schmuggelt: Das Bild soll wieder in der Heimat hängen. Zwei Jahre versteckt der Dieb das mobile Nationaldenkmal in einem Loch in der Wand seiner Wohnung gleich neben dem Ofen, dann bietet er es einem Florentiner Kunsthändler an und wird festgenommen, kommt wegen seiner hehren Absichten mit sieben Monaten Gefängnis davon.
Seit moderne Sammler immer mehr Geld für geraubte Kunstwerke zahlen und zuweilen sogar selbst den Auftrag zum Diebstahl erteilen, steigen Fallzahlen, Erlöse und Strafen. Aus Einzelfällen wird eine Epidemie. 1991 stehlen Diebe dem Amsterdamer Van-Gogh-Museum gleich zwanzig Gemälde des Meisters im Wert von heute 460 Millionen Euro; sie werden wiedergefunden, drei schwer beschädigt. 1992 verschwinden fünf Gemälde Lucas Cranachs und drei aus der Werkstatt des Künstlers im Schätzwert von 32 Millionen Euro für drei Wochen aus dem Weimarer Schloss. Edvard Muchs berühmter "Schrei", auf 51,5 Millionen Euro geschätzt und 1994 aus der norwegischen Nationalgalerie in Oslo geraubt, bleibt drei Monate lang unauffindbar. 1995 spielen Dunkelmänner den Klassiker "Topkapi", einen der berühmtesten Filmeinbrüche aller Zeiten, nach und stehlen neun Wertgegenstände aus dem schwer bewachten Museum im Istanbuler Sultanspalast.
Bald aber werden die Kunstkriminellen nicht nur kühner, sondern immer brutaler: 1998 überfallen drei Bewaffnete Roms Nationalgalerie für Moderne Kunst, Experten schätzen den Wert der Beute aus zwei van Goghs und einem Cezanne auf 35,8 Millionen Euro. Nach zwei Monaten wird das unersetzliche Diebesgut sichergestellt. 2000 rauben vier Männer mit Maschinenpistolen zwei Renoir und ein Rembrandt-Selbstporträt für 40 Millionen Euro aus dem Nationalmuseum in Stockholm, stoppen Polizeiautos mit Nägeln auf den Straßen und flüchten per Boot. Das FBI schnappt sie vier Jahre später in Los Angeles.
Nicht der Diebstahl, erst der Verkauf stellt die Kunsträuber vor die größten Probleme: Auf dem freien Markt gilt Konterbande dieser Klasse als absolut unverkäuflich. Das gilt auch für die jetzt in Zürich geraubten Gemälde. Experten schließen deshalb eine Lösegeldforderung nicht aus - es sei denn, die Kunstdiebe finden einen privaten Sammler, der so solvent wie schweigsam ist. Das aber scheint nur selten zu gelingen. 2003 etwa entwenden Unbekannte Leonardo Da Vincis "Madonna mit der Spindel" aus dem schottischen Schloss Drumlanrig, Ermittler stellen das auf 56 Millionen Euro geschätzte Meisterwerk vier Jahre später sicher. 2004 überfallen zwei Bewaffnete das Munch-Museum in Oslo und rauben eine zweite, diesmal auf 54 Millionen Euro geschätzte Version des "Schrei" - auch dieses Bild taucht wieder auf. Ob und wie viel Geld dabei insgeheim fließt, können die Kriminalisten kaum schätzen, doch lohnt sich die Wiederbeschaffung allemal, auch die legale: 1998 meldeten sich die amerikanischen Besitzer eines bereits in den 70er-Jahren gestohlenen Cezanne beim Art-Loss-Register. Schon einen Monat später spürten ALR-Experten das Gemälde in der Sammlung eines angeblich Ahnungslosen auf. Die Erfolgsprämie betrug stolze 2,4 Millionen Euro. Die Versteigerung durch Christie's ein paar Wochen später aber brachte 41 Millionen Euro ein.





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