Harald Schmidt: Der Entertainer gastiert mit "Elvis Lebt. Und Schmidt kann es beweisen" auch am Thalia-Theater
"Ich bin stolz, dass ich ,nur' Schauspieler bin"
Ein offenes Gespräch über Theater, Jugend und die alte Sehnsucht nach Roomservice.
Stuttgart. Harald Schmidt sitzt im Cafe des Stuttgarter Grandhotels am Schlossgarten und bestellt noch einen Tee. Dunkles Holz an der Wand, dunkelrote Auslegeware, gediegene Atmosphäre. Früher ist Bernhard Minetti hier abgestiegen, wenn er in Stuttgart gastierte. Jetzt also Schmidt. In Stuttgart hat er 1978 als Schauspielschüler angefangen, bevor er zum Fernsehen ging und berühmt wurde. Nun hat sich ein Kreis geschlossen. Hinter Schmidt blickt man über den Schlossgarten auf das Staatsschauspiel, an dem er seit Oktober den Abend "Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen" gibt. Knallgrün und riesengroß leuchtet das Plakat herüber.
ABENDBLATT: Den eigenen Namen so riesig an der Fassade zu lesen - das hat schon was, oder?
HARALD SCHMIDT: Ich finde das großartig, muss ich wirklich sagen. Bisschen wie Broadway.
ABENDBLATT: Warum hatten Sie dem Theater vor fast 30 Jahren, kurz nach Ihrem Anfänger-Engagement in Augsburg, überhaupt den Rücken gekehrt?
SCHMIDT: Ich hatte die Schnauze voll. Mir wär's am Theater nicht so gut gegangen, weil ich über ein gewisses Level nicht hinausgekommen wäre.
ABENDBLATT: Sind Sie heute ein besserer Schauspieler, als Sie es damals waren?
SCHMIDT: Ich weiß es nicht. Aber ich hab natürlich eine große Routine im Auftreten. Da ist keine störende Nervosität mehr.
ABENDBLATT: Aber es ist schon ein Unterschied, ob man auf der Bühne den Hamlet gibt oder eben den Harald Schmidt.
SCHMIDT: Ja. Aber ich bin ohnehin ein Schauspieler, der die Rollen zu sich hinbiegt. Es gibt diese zwei Schauspielertypen. Die einen sind die Verwandler. Die anderen sind halt immer irgendwie sie selbst. Sagen wir: Jack Nicholson. Und man geht auch ins Kino, weil man genau das sehen will: Jack Nicholson. Der Ulrich Wildgruber war auch so einer. Oder Sepp Bierbichler. Hat man einen Regisseur, der das nicht akzeptiert, wird's quälend.
ABENDBLATT: Sagen Ihnen Regisseure denn, wenn es Grütze ist, was Sie machen? Begegnet man Ihnen nicht eingeschüchtert?
SCHMIDT: Zunächst ist es ein Abwarten. Man traut sich nicht so richtig an mich ran. Aber durch mein Verhalten wird dann klar, dass ich keine Sonderstellung beanspruche, dass es mir Spaß macht, mich zu entwickeln.
ABENDBLATT: Warum sind Sie damals Schauspieler geworden?
SCHMIDT: Ehrlich gesagt: Auch, um meinen Namen an der Fassade da draußen zu lesen. Das habe ich natürlich bei der Bewerbung an der Schauspielschule nicht so formuliert, weil mir schon klar war, dass man da lieber "Texte abklopfen und gesellschaftliche Widersprüche aufzeigen" reinschreibt. Aber eigentlich wollte ich, dass genau das hier passiert: dass ich im Schlossgarten-Hotel wohne und nachher rübergehe zur Doppelvorstellung. Das ist einfach toll.
ABENDBLATT: Wer Schauspieler werden will, will auch berühmt werden, oder?
SCHMIDT: Ja, ich wollte ein Theaterstar werden. Andere haben vielleicht andere Gründe.
ABENDBLATT: Und? Wie fühlt sich das nun an?
SCHMIDT: Theaterstar bin ich ja nicht. Da habe ich zu viel Respekt vor richtig tollen Schauspielern.
ABENDBLATT: Aber berühmt sind Sie geworden.
SCHMIDT: Das ist nicht so toll, wie man es sich vorgestellt hat. Außerdem: In dem Moment, wo man so richtig Erfolg hat, kriegt man's eh gar nicht mit. Man denkt immer, es müsste noch was Tolleres kommen. Ich habe neulich vor dem Regal gestanden, in dem meine ganzen Fernsehpreise stehen, und gedacht, wie beschissen mein Leben zu der Zeit war, als ich diese Preise gekriegt habe. Und wie entspannt und angenehm mein Leben heute ist.
ABENDBLATT: Ist das Theater für Sie noch ein Sehnsuchtsort?
SCHMIDT: Schon. Das Theater gibt auch eine Stabilität, weil es so eine eigene kleine Welt darstellt. Da ist das, was draußen passiert, gar nicht mehr so entscheidend. Es gibt viele, die sind eigentlich nur im Theater lebensfähig. Ich finde das toll. Ich finde auch Kantinen toll, ich finde Garderoben toll, und der schönste Augenblick sind die drei Minuten vor der Vorstellung, wenn man beim Inspizienten wartet.
ABENDBLATT: Sie sind also ein Kantinensitzer geworden?
SCHMIDT: Ja, absolut. Bis die Lichter ausgehen. Da wird jedes Mal das Theater neu erfunden.
ABENDBLATT: Von Ihnen auch? Erzählen Sie Anekdoten?
SCHMIDT: Ja. Wahrscheinlich so, dass es die anderen schon nervt. Opa erzählt vom Krieg.
ABENDBLATT: Empfinden Sie das Theater heute als einen Rückzugsort, an dem Sie sich dem Medienzirkus entziehen können?
SCHMIDT: Ja, aber man muss das in meinem Fall fair sehen: Ich wäre nicht an dieser Kategorie Theater ohne das Fernsehen.
ABENDBLATT: Und macht Ihnen das etwas aus?
SCHMIDT: Eine Zeitlang schon, mittlerweile nicht mehr. Im Grunde ist das, wie mit einer tollen Frau zusammen zu sein. Da ist es letztlich auch wurscht, warum die mit Ihnen zusammen ist.
ABENDBLATT: Was empfinden Sie bei guten Theaterkritiken? Freude? Genugtuung? Verblüffung?
SCHMIDT: Ich kann das schon einschätzen. Ich weiß, wie ein guter Schauspieler auf der Bühne aussieht, und dass da Leistungen gebracht werden, die ich nicht bringe. Ich glaube, dass ich in Zukunft vor allem mit Rollen zu tun haben werde, die nahe bei mir liegen.
ABENDBLATT: An der Schauspielschule empfanden Kommilitonen Sie als "oberflächlich", als einen, der "nur ins Showbiz will". Beweisen Sie es jetzt irgendwem? Sich? Denen?
SCHMIDT: So ein "Denen zeig ich's jetzt" ist vielleicht schon dabei. Aber das ist natürlich Quatsch. Das kriegt ja eh keiner mit.
ABENDBLATT: Na ja, Ihr Name steht halt an der Fassade.
SCHMIDT: Aber ich spiele ja nicht Tschechow. Es ist ein "Guten Abend, meine Damen und Herren". Das ist ja das Gute: Wenn man älter wird, sieht man ein, was man kann.
ABENDBLATT: Schauspiel ist ja oft mehr Bauch- als Kopfarbeit. Ist es das, was Ihnen als Schauspielschüler Probleme bereitet hat?
SCHMIDT: Vermutlich, ja. Ich habe mir das sicher nicht eingestanden. Das ist eben dieses Geheimnis bei großartigen Schauspielern. Man sieht die einfach gern, gewisse Bewegungen, bestimmte Tonfälle. Und ich sehe lieber Schauspielern zu, die nicht so tun, als hätten sie einen Goethe-Text tatsächlich voll kapiert.
ABENDBLATT: Hilft das Nichtverstehen, um gut zu sein?
SCHMIDT: Ich glaube, die besten Schauspieler sind die, die sich nicht allzu viele Gedanken machen. Die einfach machen. Eine gewisse Naivität ist absolut von Vorteil für den Job. Es gibt fantastische Schauspieler, die lesen nicht mal Zeitung. Die haben aber so einen direkten Ton. Wenn Sie Schauspieler sehen, die schon mit Sekundärliteratur in die Kantine kommen, na ja, dann wissen Sie schon: Das wird nix.
ABENDBLATT: So einer waren Sie?
SCHMIDT: Zwangsläufig. Ich hatte auch Schwierigkeiten, über eine gewisse Schwelle zu gehen, was die Darstellung von Emotionen angeht.
ABENDBLATT: Trotzdem hat der Kopfmensch Schmidt nach der Schauspielschule nicht noch studiert. Haben Sie das je bereut?
SCHMIDT: Nee. Durch das Theater hab ich mich mit Texten beschäftigt. Das war praktisch ein rumpeliges Selbststudium. Ich bin eigentlich stolz darauf, dass ich "nur" Schauspieler bin. Ich wollte nichts anderes als zur Bühne.
ABENDBLATT: Aber dann haben Sie nicht nur aufgehört zu spielen, sondern sind auch als Zuschauer nicht mehr ins Theater gegangen. Hat Ihnen das nicht gefehlt?
SCHMIDT: Ich hatte einfach keine Zeit mehr mit einer täglichen Sendung. Dadurch habe ich auch den Anschluss verpasst. Kimmig, Kriegenburg, Thalheimer - diese Regisseure kenne ich nur aus Kritiken. Thalheimers Inszenierungen sind sehr kurz, oder?
ABENDBLATT: Ja, ziemlich.
SCHMIDT: Find ich gut. Entweder anderthalb Stunden - oder gleich sieben.
ABENDBLATT: Am besten ohne Pause. Immer dieses Herumstehen.
SCHMIDT: Und immer eine Meinung haben müssen. Schrecklich.
ABENDBLATT: Sie sind schon in der Oberstufe viel ins Theater gegangen - meistens allein. Waren Sie ein Einzelgänger?
SCHMIDT: Absolut. Ich wollte niemanden dabeihaben, der sagt: Ach, toll, dass die sich diese Texte merken. Dieses "Wir machen uns mal einen schönen Theaterabend" - das kann ich nicht. Ich kann auch nicht mit Leuten ins Kino gehen. Ich will mich hinterher nicht drüber unterhalten. Na, wie fandest du's denn? Weiß ich nicht! Man muss es doch auch nicht immer irgendwie finden.
ABENDBLATT: Sind Sie hier in Stuttgart mal gefragt worden, ob Sie an Ihrer alten Schauspielschule unterrichten wollen?
SCHMIDT: Vor Weihnachten habe ich mich mal mit den Schülern unterhalten. Das war spannend. Die sahen auch alle so aus wie Schauspieler. Man merkt ja sofort, ob jemand ein Bühnenmensch ist oder nicht. Die waren interessiert, aber auch irritiert.
ABENDBLATT: Wovon irritiert?
SCHMIDT: Da gab es diese Nummer, dass man sich nicht "in einem etablierten Betrieb verhei-zen lassen" wolle. Meine Meinung ist, dass man erst mal ins System hineinmuss, um es zu unterwandern. Damals zum Beispiel galt Boy Gobert am Thalia-Theater als zu bürgerlich. "Zu Gobert würde ich nicht mal zum Vorsprechen gehen", haben einige gesagt. Na ja, die sind dann später in Memmingen gelandet.
ABENDBLATT: Sie beschreiben sich zu jener Zeit durchaus als bürgerlich. Das kam Ende der 70er an einer künstlerischen Hochschule wohl eher so mittelcool rüber.
SCHMIDT: Ich hatte damals schon immer lieber Hemden an und keine T-Shirts. Mit den Jahren bin ich immer näher an das herangekommen, wie ich eigentlich leben wollte. Für mich waren die jungen Jahre eher schlecht. Ich musste so jung tun! Ich wollte aber eigentlich schon immer Roomservice haben.
ABENDBLATT: Was hat sie 1977 mehr beschäftigt: die RAF oder der Tod von Elvis Presley?
SCHMIDT: Ich hab eigentlich vor allem im Theater gesessen. Elvis' Tod hab ich im Prinzip auch nur mitbekommen durch diesen Liederabend, den es aus dem Anlass da gab. Seine Musik hat man ja gar nicht mehr gehört. Das war mehr die Zeit von Led Zeppelin.
ABENDBLATT: Sie waren Hemdenträger und hatten Orgelunterricht. Sie haben doch nicht Led Zeppelin gehört.
SCHMIDT: Stimmt. Ich hab auch nie LPs gekauft, sondern immer bloß Best-ofs. In der Popmusik war ich immer zehn Jahre zu spät dran. Queen hab ich entdeckt, als Freddie Mercury gestorben ist. Es hat mich halt nie so interessiert.
ABENDBLATT: Wenn Sie zu der Zeit kein besonders politischer Mensch waren - wann hat es dann angefangen? Sie sind ja irgendwann doch einer geworden.
SCHMIDT: Als ich Kinder hatte. Ich bin halt keiner von denen , die Politiker generell für doof halten. Ich bin froh, dass es Leute gibt, die das machen. Nicht wählen zu gehen finde ich snobistisch. Den Leuten ist nicht in dem Maße klar, dass wir hier seit 60 Jahren keinen Krieg hatten. Ich bin für Müllabfuhr, für Straßenbeleuchtung und für Polizei im Bahnhof.
ABENDBLATT: Sind Sie glücklich?
SCHMIDT: Häufiger als früher.
ABENDBLATT: Es ist nicht imageschädigend für den großen Zyniker, allzu glücklich zu sein?
SCHMIDT: Nee. Mein Image hat sich ja schon rentiert. Jetzt gucke ich mal, wie lange ich davon leben kann, dass ich das Image langsam zertrümmere.




Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




