Sie kennt den Körper der Mutter. Das Leid der Mutter. Die Schmerzen der Mutter. Nur die Mutter selbst, die bleibt der Protagonistin in Carmen-Francesca Bancius Roman "Das Lied der traurigen Mutter" zeitlebens fremd. Ausgerechnet Maria-Maria heißt diese Protagonistin, eine Namensgebung, die als Verdoppelung der christlichen Mutterfigur überdeutlich noch einmal das Thema hervorhebt. Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass Banciu eine Mutterfigur aus dem Ceausescu-Kommunismus wählt. Sie kennt sich darin aus, weiß um die Unnachgiebigkeit der Parteigenossen, um das Formen "neuer Menschen", um die Systemzwänge, den emotionslosen Kollektivismus, die Abkehr vom Glauben.

Banciu, 1955 im rumänischen Lipova geboren, studierte in Bukarest, lebt jedoch seit November 1990 als - in mehrfacher Hinsicht - freie Autorin in Berlin. Ein Literaturpreis in Arnsberg hatte für sie ein Publikationsverbot in Rumänien zur Folge. Schon in ihrem autobiografischen Roman "Vaterflucht" thematisierte sie das zwiespältige Verhältnis zu ihren Eltern. Diesmal steht die dominante Mutterrolle im Zentrum.

Die Ich-Erzählerin erinnert sich - nachdem sie nach Berlin ausgewandert ist - an das Aufwachsen im totalitären System, ein System, das bis in die Familien hineinkriecht, keine Privatheit, sondern nur das Kollektiv zulässt.

Dieser vermeintlich besseren Welt, an die Maria-Marias Mutter an Gottes statt glaubt, opfert sie Wärme, Nähe, Zärtlichkeit. "Mutter brauchte niemanden. Mutter wollte nur gebraucht werden", beschreibt die Tochter es in nüchterner Rückschau und bekennt: "Als Kind war ich stolz, mich zusammen mit meinen Eltern der Gesellschaft zu opfern."

Es sind die klaren, einfachen, gelegentlich naiven Sätze, die kühle Selbstanalyse, die Verknappungen, die den Erinnerungssplittern ihren Schrecken geben. Bancius Tonfall zeigt die Machtlosigkeit der Tochter auf, deren Puppe als Symbol emotionaler Schwäche von der eigenen Mutter verbrannt wird, und porträtiert zugleich die Ohnmacht der linientreuen Eltern gegenüber einem Staat, der Individualität für gefährlich hält.

Dabei gelingt es der Autorin - bei aller Reflektion über Mutterschaftsideologien - kein Buch über den Sozialismus zu schreiben, sondern über familiäre, zwischenmenschliche Konflikte und Verstrickungen, die trotz konkreter politischer Hintergründe eben auch eine emotionale Allgemeingültigkeit besitzen - und trotz aller Kälte eine ganz eigene Poesie und, auch das, sogar eine Komik.

  • Carmen-Francesca Banciu: Das Lied der traurigen Mutter. Rotbuch, 220 S., 19,90 Euro .