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Kultur & Live

Poetische Familienchronik

Wie können wir die Erinnerungen unserer Eltern und Großeltern als Teil unserer eigenen Geschichte begreifen? Welche Bilder kennen wir aus Erzählungen und von Fotos? Und was verraten uns die Bruchstücke über unsere Familie, über Prägendes, Verdrängtes, letztlich über unsere eigene Identität?

Die junge Hamburger Illustratorin Line Hoven hat ihrer Herkunft nachgespürt und diese Eindrücke zu einem hochpoetischen Comicband verdichtet. In "Liebe schaut weg" schildert die Tochter einer Amerikanerin und eines Deutschen Schlüsselmomente, die von der Kriegsgeneration ihrer Großeltern bis zur eigenen Kindheit führen. Der Konflikt von Opa Erich Hoven zum Beispiel, der als Hitlerjunge ein Radio zusammenschraubt und daraus auf einmal ein Stück des jüdischen Komponisten Mendelssohn hört. Wie er schwärmerisch, von Noten umhüllt, die Musik genießt, dann aber mit angsterfülltem Blick das Gerät ausschaltet, erzählt Hoven mit einer reduzierten, eindringlichen Bildsprache.

Die ruhige, leicht melancholische Kraft dieses 96 Seiten starken Comic-Romans liegt unter anderem in der Technik begründet. Hoven kratzte ihre Motive in Schabekarton. Ein aufwendiges Verfahren, mit dem sie starke Schwarz-Weiß-Kontraste erzeugte, die den einzelnen Panels eine lineare Strenge, aber auch eine gewisse Zeitlosigkeit verleihen.

Drei Jahre investierte die freischaffende Illustratorin in ihr erstes Buch, das als Diplomarbeit an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften entstand. Am kommenden Dienstag präsentiert Hoven ihr Werk im Literaturhaus. Zudem wird sie auf dem Hamburger Comic-Festival vertreten sein, das vom 6. bis 9. Dezember stattfindet - mit dem Kulturhaus 73 im Schanzenviertel als Zentrum.

Was an Hovens "Graphic Novel", dieser in den USA bereits populäreren Form des Erwachsenencomics, zudem fasziniert, ist die Art und Weise, wie sie bewusst Erinnerungslücken aufzeigt. So scheinen einige Seiten wie aus einem Fotoalbum. Doch das Bild, bei dem Opa Hoven seine Frau Irmgard im Sommerlager der Hitlerjugend kennenlernte, fehlt. Auch kulturelle Unterschiede werden subtil sichtbar gemacht. Etwa, wenn Hovens Eltern ihre Vermählung planen, aber die Familien beim Kennenlernen in ihren Rahmen verharren, sich jenseits höflichen Small-Talks kaum annähern können.

Was bleibt, ist die Frage, die sich Line Hoven in ihrem Comic als Kind selbst stellt, nämlich die nach der eigenen Heimat.

  • Line Hoven: Liebe schaut weg. Reprodukt, 96 S.; 14 Euro . Präsentation mit Laudatio von Andreas Platthaus: 27.11., 18 Uhr, Literaturhaus Hamburg

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