Musikfernsehen: Aus der Zeit vor MTV und Viva
"Liebe Freunde, heute zu Gast . . ."
Eine Dokumentation erinnert an die "Rockpalast"-Nächte, die von 1977 bis 1986 live aus der Essener Grugahalle übertragen wurden.
Doku: German Television Proudly Presents . . . 23.15 Uhr WDR
Die Eurovision-Hymne bereitete Gänsehaut, damals am 23. Juli 1977, als Albrecht Metzger feierlich verkündete: "German Television Proudly Presents . . . Liebe Freunde, heute zu Gast bei uns im Rockpalast" der Blueser Rory Gallagher, die Band Little Feat und Roger McGuinns Thunderbyrds. Fünf Stunden Musik im Fernsehen, live aus der Essener Grugahalle!
Ob jüngere Menschen, aufgewachsen mit iPod und Tauschbörsen, diese Sensation nachvollziehen können? Man war damals noch weit entfernt von Musiksendern, DVD-Editionen oder Internet-Downloads. Das Konzept der WDR-Mitarbeiter Peter Rüchel und Christian Wagner, drei Konzerte in voller Länge live und ungeschönt zu zeigen traf ins Herz der Rockfans. ",Tagesschau', Wetterkarte, das Wort zum Sonntag, Rockpalast und dann Ende offen", erinnert sich Peter Rüchel. "Für viele Menschen draußen im Lande war dies der Anlass, sich ab 22.20 Uhr zu Partys zusammenzufinden, wenn man nicht schon schlaftrunken oder sonst wie trunken war. Man genoss die Rocknacht in einer für das Fernsehen untypischen Art und Weise, nämlich nicht so isoliert wie sonst."
Der große Fernseher der Eltern wurde beschlagnahmt, die eigene Stereoanlage für den Simultanton aus dem Radio angeschlossen, drumherum Getränkekisten und Matratzen gestapelt. Eine völlig neue Regie und Kameraführung ließ Fernsehen wie live empfinden.
Die legendären Rockpalast-Partys entstanden europaweit - dank der Eurovision waren teilweise bis zu zwölf Länder angeschlossen. 20 Millionen Menschen sahen zu. Diese "geile Zeit", dieses "Adrenalin pur", dieser "Bestandteil des Erwachsenwerdens", ist den Fans bis heute unvergessen. Ebenso der Musikjournalist Alan Bangs, der mit Albrecht Metzger das Spektakel moderierte. Die Dabeigewesenen erinnern sich in der Dokumentation von Florian Mielke und Lothar Schröder an "eine Zeit, die ihrem Leben eine Richtung gegeben hat".
Aber nicht nur den Fans, auch den Musikgruppen, die auftraten: Little Feat, Mothers Finest und Mitch Ryder bestätigen in der Doku, dass der Rockpalast ihnen zum absoluten Durchbruch verholfen hat. Das Konzept damals, bislang in Europa unbekannte Gruppen vorzustellen, war zwar ein Wagnis, wurde von den Fans aber dankbar angenommen. Und das gilt bis heute: Nachdem das Clipfernsehen von MTV, Formel1 und Viva den Rockpalast 1986 von der Mattscheibe verdrängt hat, ist der WDR seit 1995 wieder regelmäßig mit Konzerten und Festivals dabei, sonntags am späten Abend. Heute angesagte Gruppen wie Die Ärzte, Beatsteaks, H-Blockx, Revolverheld oder Wir sind Helden erzählen in der Doku, wie sie mit dem Rockpalast groß geworden sind und sich langsam vor die Kameras der Hauptbühne gearbeitet haben.
"Rockmusik ist ein Lebensmittel", hat Peter Rüchel einst gesagt. Inzwischen pensioniert, verantwortet er die DVD-Edition des Rockpalasts. Seinen Platz beim WDR hat 2003 Peter Sommer eingenommen. Auch der heute 49-Jährige war damals dabei, als es hieß: "German Television Proudly Presents . . . ".




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