Medienkonsum: "Löwenzahn" oder Zeichentrick - was Eltern lernen müssen
Sieht mein Kind richtig fern?
Eltern sind verunsichert, sagt Medienpädagoge Aufenanger. Nicht sie, sondern die Kinder haben die Fernbedienung in der Hand.
ABENDBLATT: Der Fotograf Wolfram Hahn hat Kinder vor dem Fernseher fotografiert und sagt, sie säßen da wie erstarrt. Wie wirken die Bilder auf Sie?
STEFAN AUFENANGER: So sieht sicherlich ein Teil der Kinder beim Fernsehen aus. Erwachsene übrigens ebenso. Aber viele Kinder verhalten sich auch ganz anders. Zum Beispiel bei den Teletubbies: Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Drittel der Kinder dabei aufspringt, mitmacht, mitsingt. Fernsehen ist nicht allein ein Zustand reglosen Davorsitzens. Dabei wird auch gespielt, telefoniert, gebügelt.
ABENDBLATT: Lernen Kinder erst ab einem bestimmten Alter, zwischen Fernsehwelt und Realität zu unterscheiden?
AUFENANGER: Nicht automatisch. Es gibt Kinder im Alter von fünf oder sechs Jahren, die nicht erkennen können, dass die Figuren in Zeichentrickfilmen gemalt sind; für sie sind die real. Vor einigen Jahren erklärte mir ein Kind, warum "Tom und Jerry" nur montags kommt: "Weil Tom am Ende immer ins Krankenhaus muss und erst nach ein paar Tagen wieder geheilt ist." Zwei- bis Dreijährige wurden gefragt: "Was passiert, wenn du ein Wasserglas umdrehst?", und sie wussten, dass das Wasser dann rausfließt. Wenn man ein Wasserglas auf dem Bildschirm zeigte und sie fragte: "Was passiert, wenn ich den Fernseher umdrehe?", glaubten sie, das Wasser müsste dann aus dem Fernseher herausfließen.
ABENDBLATT: Man muss also dem Kind erklären, dass Szenen im Fernsehen gespielt sind?
AUFENANGER: Ja. Die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion fällt ja sogar manchen Erwachsenen schwer. Viele Leute sind zum Drehort der "Schwarzwaldklinik" gepilgert oder haben dem Schauspieler Wussow geschrieben, um ihre Krankheiten behandeln zu lassen.
ABENDBLATT: Die traditionelle Pädagogik wollte Kinder am liebsten vor den Medien beschützen. Als Medienpädagoge setzen Sie dagegen auf Medienkompetenz. Was ist ein medienkompetentes Kind?
AUFENANGER: Ein medienkompetentes Kind weiß: Fernsehen ist Fiktion. Auch wenn es manchmal beängstigend wirkt - es wird von Menschen "gemacht". Außerdem ist wichtig, dass das Kind Werbung vom Programm unterscheiden lernt. Wenn man mit Kindern selbst Werbespots erfindet oder dreht, durchschauen sie sehr schnell, was damit beabsichtigt wird. In höheren Altersstufen wird die Kompetenz auch um medienethische Fragen erweitert, zum Beispiel: Werden Männer und Frauen in einer Sendung auf bestimmte Rollen festgelegt? Wird Gewalt gezeigt, die die Menschenwürde verletzt?
ABENDBLATT: Nach der KIM-Studie 2006 (siehe Kasten unten) haben 32 Prozent der Sechs- bis Dreizehnjährigen einen eigenen Fernseher, schon Drei- bis Sechsjährige sehen im Schnitt mehr als eine Stunde lang fern. Was ist wichtiger: die Fernseh-Dauer oder die Qualität der Sendungen?
AUFENANGER: Eltern wollen immer gerne wissen: "Wie lange darf mein Kind fernsehen?" Aber für wichtiger halte ich die Frage: Was gucken die Kinder? Und das ist, wie viele Studien zeigen, sehr von der sozialen Herkunft abhängig. Kinder aus sozial benachteiligten Familien gucken überwiegend Privatsender und dort fast ausschließlich unterhaltungsorientierte Programme wie Zeichentrickfilme. Kinder aus besser gestellten Familien gucken das zwar auch mal, aber darüber hinaus "Löwenzahn", "Die Sendung mit der Maus" oder andere anspruchsvollere Programme, und sie profitieren auch davon. Das heißt nicht, sie sollten nur pädagogisch wertvolle Sendungen sehen dürfen. Kinder haben auch ein Recht auf Unterhaltung. Aber das Verhältnis sollte ausgewogen sein.
ABENDBLATT: Wachsen Kinder in bildungsfernen Milieus mit den falschen Sendungen auf?
AUFENANGER: Besonders problematisch finde ich, dass es für Kinder in diesen Milieus überhaupt keine klare Trennung zwischen Erwachsenen- und Kinderfernsehen gibt. Die Kinder gucken alles mit, was die Erwachsenen auch gucken. Und da wissen wir aus Untersuchungen, dass die Kinder bei Gewaltdarstellungen in Nachrichtensendungen oder bei Konflikten in Reality-Shows geängstigt werden. Manche Eltern lassen es sogar zu, dass die Kinder pornografische Sendungen mit anschauen. Es gibt in vielen unterprivilegierten Familien keine Sensibilität dafür, dass Kinder noch anders fernsehen als Erwachsene und dass sie deshalb einen Schutzraum mit bestimmten kindgerechten Sendungen brauchen.
ABENDBLATT: Welche Kindersendungen finden Sie denn empfehlenswert und sinnvoll?
AUFENANGER: Ki.Ka ist für Kinder von acht bis zehn Jahren ein gutes Angebot, das auch viele Eltern gern wahrnehmen. Eine gute Orientierung für Eltern und Kinder bietet www.flimmo.de (siehe Kasten unten).
ABENDBLATT: Die heutigen Eltern wurden selbst schon fernseh-sozialisiert. Trotzdem sind viele verunsichert: Ist Fernsehen nicht eine Ersatzwelt? Sollte mein Kind lieber draußen spielen? Was antworten Sie diesen Eltern?
AUFENANGER: Ich erinnere sie an ihre eigene Medien-Biografie: Was haben Sie als Kind gern gesehen? Wovon sind Sie besonders angeregt worden? Die Verunsicherung heute kommt vielfach durch die öffentliche Diskussion bei uns: "Fernsehen ist schädlich", "Kinder bekommen Leistungsschwächen", "schafft den Fernseher ab". Das verunsichert Eltern, weil sie wissen, wie gern sie selber fernsehen. Wir haben heute "hilflose Eltern", die sich häufig vor Entscheidungen drücken. Bei Elternabenden werde ich oft gefragt: "Was soll ich machen? Mein Kind will dauernd fernsehen und schaltet einfach nicht aus, wenn ich es verlange." Dann frage ich: "Wer hat bei Ihnen zu Hause eigentlich die Autorität?" Eltern sind heute viel sensibler gegenüber Kindern, aber auch viel nachgiebiger und inkonsequenter.
ABENDBLATT: Der Kriminalitäts-Experte Christian Pfeiffer sagt: Fernseher in Kinderzimmern verführen dazu, dass Kinder zu lange allein und Sendungen mit jugendgefährdendem Inhalt sehen. Er sieht gerade bei Jungen die Gefahr der Medienverwahrlosung mit sinkenden Leistungen in der Schule und auffälligem Verhalten. Stimmen Sie ihm zu?
AUFENANGER: Wir wissen seit Langem, dass Kinder mit einem eigenen Fernseher länger schauen und auch Sendungen, die für ihr Alter nicht geeignet sind. Die Schlussfolgerung, die Pfeiffer daraus zieht, nämlich die heutige "Leistungskrise der Jungen", schiebt meiner Meinung nach das Problem allein auf die Medien. Das ist mir ein bisschen zu einfach. Jungen merken, dass es in unserer Gesellschaft kein klares Bild von Männlichkeit mehr gibt, dass sie in der Schule oft weniger Leistung als Mädchen bringen, dass ihnen Perspektiven fehlen. Die Neigung, die Zeit lieber allein mit Medien totzuschlagen, halte ich für eine Flucht. Das ist nicht die Ursache, sondern die Folge einer Krise der Männlichkeit.
ABENDBLATT: Wenn ein Kind viel allein fernsieht oder allein im Internet surft - braucht dann das Kind mehr Medienkompetenz oder die Eltern?
AUFENANGER: Beide. Aber das ist vielen Eltern noch nicht klar. Das Kind muss wissen: Was mache ich, wenn ich im Internet nach persönlichen Daten gefragt werde, wenn mich jemand im Chatroom sexuell anmacht, wenn ich auf eine Erotikseite stoße? Viele Eltern wissen gar nicht, was ein Handy alles kann. Kinder sind oft besser über die Möglichkeiten der neuen Medien im Bilde.
ABENDBLATT: Worauf sollten Eltern achten?
AUFENANGER: Erstens: Gibt es eine Balance zwischen dem Medienkonsum des Kindes und anderen Freizeitaktivitäten? Das heißt, in Gesprächen herauszufinden: Warum sitzt mein Kind überwiegend vor dem Fernseher oder dem Computer, warum geht es nicht raus und tut etwas anderes? Zweitens: Eltern sollten sich kritisch, aber konstruktiv mit dem Medienkonsum ihrer Kinder beschäftigen. Was machen sie am Computer, was gucken sie im Fernsehen? Es ist wichtig, neugierig und nicht gleich mit dem "Problem"-Blick zu fragen. Sie sollten gemeinsam mit den Kindern deren Fernsehsendungen ansehen und Internetseiten besuchen. Eltern müssen die Medien selbst besser durchschauen. Das kann ihnen niemand abnehmen.
ABENDBLATT: Wie kann die Schule Medienkompetenz fördern?
AUFENANGER: Sie kann Medien überhaupt als wichtiges Thema der Lebenswelt von Kindern aufnehmen. Fernsehen und auch Computerspiele sollten nicht pauschal verdammt, sondern in den Unterricht einbezogen werden. Die Schule kann eine Reflektion über Medien, Programme und ihre Funktion in Gang setzen. Meine Erfahrung ist: Wenn man mit Kindern ernsthaft darüber diskutiert, sind sie selbst sehr kritisch gegenüber den Medien und auch dem eigenen Medienkonsum. Sie haben ein Bewusstsein darüber.
ABENDBLATT: Im Unterricht wird stundenlang über altägyptische Kunst gesprochen, aber selten lernen Kinder, wie man filmt, schneidet, Werbespots plant.
AUFENANGER: Ich glaube, das ist ein typisch deutsches Problem. 90 Prozent der Lehrer benutzen zu Hause Computer, sind aber in der Schule sehr, sehr medienkritisch und haben große Vorbehalte, neue Medien im Unterricht einzusetzen. Das unterscheidet sie von vielen Kollegen in England, Skandinavien oder den Niederlanden. Die PISA-Gewinner sind Länder, in denen der Medieneinsatz an Schulen Alltag ist. Bei uns kommt das auch in der Lehrerausbildung noch zu kurz.



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