Buch der Woche ausgewählt von der Redaktion
Es klingt kokett, wenn Josef Haslinger zu Beginn seines Buches "Phi Phi Island" schreibt: "ich habe die zufallsbekanntschaft mit einer abenteuergeschichte gemacht." Denn der Wiener Autor ("Opernball") spricht vom Tsunami, der am 26. Dezember 2004 rund um den Indischen Ozean mehr als 200 000 Menschen das Leben kostete. Haslinger, seine Ehefrau Edith und die Zwillinge Sophie und Elias, die damals kurz vor dem Abitur standen, waren als Touristen im vermeintlichen Urlaubsparadies Phi Phi Island vor der thailändischen Küste und haben die apokalyptische Flut mit viel Glück überlebt: "wir waren zu viert gekommen und sind zu viert wieder abgereist."
Haslinger hat eine existenzielle Situation selbst erlebt, die er sich bis dahin nur als Fiktion hätte vorstellen können - eben als Abenteuergeschichte. Er wollte zunächst nicht über seine Erlebnisse schreiben, glaubte auch, es nicht zu können oder zu dürfen. Doch er musste es schließlich, weil dies sein Weg war, das Gesehene aufzuarbeiten und über das Ereignis, das sein Leben erschüttert hat, hinwegzukommen.
Es ist eine geschickte Montagetechnik, mit der Haslinger sich den eigenen Erinnerungen nähert. Anfangs gibt es zum Teil oberflächliche Passagen à la Reiseführer, Reisefeuilleton oder Urlaubsprospekt, doch der Text wird dichter und wechselt zwischen unmittelbaren Eindrücken der Katastrophe und der Nachbetrachtung. Gemeinsam mit seiner Ehefrau ist Haslinger ein knappes Jahr nach dem Tsunami zurückgekehrt, um den Ort zu besuchen und Menschen nach ihren Erinnerungen an die Katastrophe zu befragen. Diese zweite Reise ist Recherche, aber auch Konfrontation mit den eigenen Ängsten. Haslinger beschreibt eindringlich, wie schwer es für ihn war, wieder nach Phi Phi Island zu kommen und dass es ihm zeitweise wie eine erneute Herausforderung des Todes vorkam.
Haslinger erzählt nüchtern, wie er die Katastrophe erlebt hat, und er lässt auch andere sprechen: von Augenblicken der Todeserwartung und vom Überlebenswillen, von den Erinnerungen an zeitlupenhafte Bilder und scheinbar unwichtige Details, vom Ausgeliefertsein der Überlebenden, die im kurzzeitigen Chaos danach kaum mehr als ihr nacktes Leben hatten. Haslinger zeigt in den besten Momenten, dass Worte oft anschaulicher sind als die vielen TV-Bilder, von denen wir damals überflutet wurden. Im Text werden Todesängste von Menschen spürbar, die in einem reißenden, ständig steigenden, trüben Strom um ihr Leben kämpften und dabei immer die Sorge um das Schicksal ihrer Nächsten im Bewusstsein hatten.
Erst gegen Ende des Buches verrät Haslinger en passant, warum er seinen Text konsequent kleingeschrieben hat. Scharfkantige Trümmerteile haben im Wasser einige Sehnen der linken Hand durchtrennt. Seither kann Haslinger auf der Tastatur nicht mehr ohne Weiteres die Umschalttaste für Großbuchstaben bedienen.














