Junges Schauspielhaus: Konradin Kunze spielt Musils "Törless"
Hauptrolle im Hintergrund
Der Hauptdarsteller über Schwierigkeiten, die komplizierte Innenwelt eines Pubertierenden auf die Malersaal-Bühne zu bringen.
Hamburg. Zuletzt hat er in der "Odyssee" einen smarten Hermes gespielt, im lässigen Einsatz zwischen Himmel und Erde. Göttlich aber war Konradin Kunze in seinen fast zwei Jahren am Jungen Schauspielhaus schon vorher. In insgesamt neun Produktionen des rasch gewachsenen Repertoires ist er extrem vielseitig und einprägsam dabei, in einer zehnten ("Nipple Jesus") hat er Regie geführt. Der 29-Jährige, der in Freiburg geboren wurde und über Hannover und Bremen nach Hamburg kam, ist wesentlicher Teil des Ensembles, das als Team funktioniert. Doch am Jungen Schauspielhaus gilt es als Ehrensache, dass vergangener Ruhm nichts zählt und jede neue Produktion eine neue Herausforderung sein sollte.
Deshalb wurde Konradin Kunze jetzt wieder vom Olymp heruntergeholt: Er spielt in Kristo Sagors Inszenierung, die am Freitag Premiere im Malersaal hatte (Kritik folgt am Montag), Robert Musils "Törleß". Eine offenbar gewöhnungsbedürftige Rolle: "Ich habe lange mit der Figur gekämpft", sagt Kunze. "Über den Schluss habe ich den Anfang erschlossen und mich langsam in die Figur hineingezogen. Der Törleß ist zwar eine Hauptrolle, aber oft steht er nur dabei und guckt zu."
Das wiederum liegt in der Natur der Sache. Musils Text beschreibt den Prozess einer Identitätssuche, die sich vor allem im Kopf der Titelfigur abspielt: Die rigide Außenwelt des Alltags in einem k.u.k.-Elite-Internat kommt meist als Spiegelung in der Innenwelt der Titelfigur vor. Diese doppelte Hermetik erzeugte eine besonders intime Probensituation: "Wir haben erst mal versucht, ,die vierte Wand' nicht aufzumachen, sondern den Kontakt zum Publikum vorsichtig zu suchen", erzählt Kunze.
Erstaunlich genug, dass sich Musils psychologische Studie überhaupt auf die Bühne übertragen lässt. "Die Stückfassung von Thomas Birkmeir klammert vieles aus und spitzt die Konflikte mehr zu", verrät Kunze. Törleß ist in dem Vierpersonenstück zugleich Betroffener und Beobachter der Machtspiele im Internat, die den Schüler Basini zum erpressbaren Opfer der sadistischen Mitschüler Reiting und Beineberg, aber auch des zögerlichen Törleß machen. "Reiting und Beineberg überprüfen ihr Weltbild am Opfer, Törleß hat kein Weltbild, er sucht nach Sinn in seinem Leben. Er ist oft passiv, doch mit steigendem Selbstbewusstsein agiert er eigenständiger." Für Kunze ist Musils Text trotz der gut 100 Jahre alten Sprache und der fremden Umgebung, die in der Inszenierung durch Anachronismen im Bühnenbild und Kostüm relativiert wird, aktuell und Jugendlichen von heute auch verständlich: "Die Pubertät ist eine schreckliche Zeit, die jeder durchlebt. Und die Konflikte sind immer die gleichen: der Umgang mit Autorität sowie die Fragen, wer ich bin und wohin ich will."




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