Fremdenhass: Zwei Rechtsradikale machten einen dunkelhäutigen Briten in Brandenburg zum Krüppel
Noel Martin will sein Leiden selbst beenden - am 23. Juli
Er ist vom Hals abwärts gelähmt, hat "Würde und Gefühle" verloren, schreibt er in seinem Buch. Wie zum Hohn würden die Täter von seinem Freitod noch profitieren.
Potsdam. "Ich fühle nichts. Wenn du nichts fühlen kannst, kannst du die Welt nicht berühren. Und wenn du sie nicht berühren kannst, bist du kein Teil von ihr. Du kannst nur zusehen, wie die Welt an dir vorbeizieht."
Noel Martin ist abgekämpft vom Zuschauen. Am 23. Juli wird er sich vom Leben verabschieden. An seinem 48. Geburtstag. Im Zürcher "Sterbehaus" von Dignitas. Er wird 15 Gramm in Wasser aufgelöstes Natrium-Pentobarbital zu sich nehmen, wenige Minuten später einschlafen, und irgendwann wird das Mittel sein Atemzentrum lähmen.
Was Sandro R. und Mario P. am 23. Juli machen werden, weiß man nicht. Vielleicht sind die beiden jungen Männer dann an der Ostsee, vielleicht aber auch zu Hause im brandenburgischen Mahlow. Bei ihren Familien. Vielleicht schrauben sie ein bisschen an den Autos herum. An Noel Martin werden sie nicht groß denken. Wie hat Mario P. flapsig gesagt? "Passiert ist passiert."
Passiert ist es vor elf Jahren. Am 16. Juni 1996, kurz nach 23 Uhr, pöbelten Sandro R. und Mario P. am Bahnhof von Mahlow Noel Martin und seine Kollegen an. Martin war gerade aus der Telefonzelle getreten, nachdem er seine Frau Jacqueline in Birmingham angerufen hatte. "Nigger!" Die drei Briten beschlossen, den Vorfall zu ignorieren und einfach wegzufahren. Sie stiegen in Martins Jaguar. Kurz hinter dem Ortsausgang wurden sie von einem VW-Golf bedrängt. Dann gab es einen Knall, der Jaguar kam von der Straße ab und krachte in einen Baum.
Wie die Kriminalpolizei später feststellte, hatte Sandro R. aus dem fahrenden Auto heraus einen sechs Kilo schweren Feldstein auf den Jaguar geschleudert. "Eine spontane Handlung", wie sein Kumpel Mario später erklärte. "Wir wollten denen einen Schrecken einjagen."
Sandro R. war damals 17 Jahre alt, Mario P. 24. Im Urteil des Richters war von "offener Ausländerfeindlichkeit", "hoher krimineller Energie" und "extrem negativem Verhalten" nach der Tat die Rede: Mario P. hatte den Haftraum des Potsdamer Landgerichts mit der Parole "Juden und Nigger an die Wand" beschmiert. Sandro R. wurde zu fünf und Mario P. zu acht Jahren Haft verurteilt.
Noel Martin sagt: "Das Opfer bekam lebenslänglich. Lebenslänglich im Rollstuhl."
Seinen Tod hatte Martin schon für den 23. Juli 2006 angekündigt. Zehn Jahre hatte er sich nach dem Unfall gegeben, einen Pakt mit seiner Frau Jacqueline geschlossen: "Wenn sich mein körperlicher Zustand in dieser Zeit nicht verbessert - und die Ärzte haben mir nur eine Chance von eins zu einer Million gegeben -, dann werde ich wohl um Sterbehilfe bitten."
Noel Martins Zustand hat sich nicht gebessert. Er ist vom Hals an abwärts gelähmt. Braucht Pflege rund um die Uhr. Das, sagt er, sei kein Leben mehr. Erst recht nicht nach dem Krebstod seiner Frau im April 2000. "Es ist lediglich ein Existieren. Und jeder Tag ist ein Tag voller Leiden."
Martin hat seinen Freitod um ein Jahr verschoben, um über das, was ihm in Deutschland widerfahren ist, doch noch ein Buch zu machen. Das liegt jetzt vor: "Nenn es: mein Leben". Robin Vandenberg Herrnfeld hat diese Autobiografie aufgezeichnet, der Karlsruher von Loeper Literaturverlag hat sie herausgebracht, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck und Noel Martins Sohn Negus haben das Buch vergangene Woche in Potsdam vorgestellt. Bei der Bekämpfung des Fremdenhasses seien "weitere Anstrengungen" nötig, hat Platzeck gesagt.
Sein Vorgänger Manfred Stolpe hat die Existenz sogenannter "national befreiter Zonen" in dem von ihm regierten Bundesland stets geleugnet. Der Bahnhofsplatz von Mahlow ist eine gewesen. Aber auch der damalige Bürgermeister, Werner la Haine, hat sich nach dem Verbrechen unbelehrbar gezeigt ("Es gibt keine Neonazis in Mahlow!") und ist in seiner Wut auf die Journalisten losgegangen. Das waren für ihn "Schmierfinken!", die ihm und den anderen 900 Mahlowern "das Wort im Munde umgedreht" hätten.
Wer anschließend hörte, wie unreflektiert der Bürgermeister seine Gemeinde anpries - "Nicht zuletzt hat die attraktive Lage dazu beigetragen, dass viele Neu-Mahlower hier heimisch wurden und interessante Impulse in das Gemeindeleben einbringen" -, dem standen die Haare zu Berge.
Dass Menschen anderer Hautfarbe in Mahlow nicht sicher waren, haben Noel Martin und seine beiden Kollegen nicht gewusst. Sie haben dort ein paar Wochen gearbeitet, Häuser verputzt und waren eigentlich schon auf dem Sprung zur nächsten Baustelle in Halle. Niemand hat Noel Martin und seine Kollegen Arthur und Michael vor dem Bahnhofsplatz gewarnt. Einem gefährlichen Ort, den sogar die braven Mahlower Bürger nach Einbruch der Dunkelheit lieber mieden, weil dort die rechte Dorfjugend gern die Sau rausließ . . .
Noel Martin ist seit dem Anschlag auf sein Leben zweimal in Deutschland gewesen ist. Einmal sogar in Mahlow, wo man auf Initiative der Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg am fünften Jahrestag des Verbrechens eine Kundgebung veranstaltete. Mit Gottesdienst und Schweigeminute am Noel-Martin-Mahnmal, das die Mahlower zwei Tage zuvor geschwind noch errichtet hatten. Als Noel Martin dort die Tränen kamen, sind die Mahlower sichtlich bestürzt gewesen.
Die Buchvorstellung hat Martin versäumt. Für eine Reise nach Deutschland ging es ihm gesundheitlich zu schlecht. Martin hat stattdessen eine Videobotschaft geschickt. Darin hieß es: "Ich habe meine Würde verloren, meinen Stolz und meine Gefühle." Und: "Thank you. Bye."
Noch zwölf Sonntage bis zum 23. Juli. Die Sonntage, heißt es im Buch, seien besonders schlimm. An manchen Sonntagen rufe niemand an, dann werde die Einsamkeit unerträglich.
Sollte Noel Martin seine Ankündigung wirklich wahr machen - und nichts spricht dafür, dass man ihn noch davon abhalten könnte -, wird sich die unerträgliche Situation einstellen, dass die Täter vom Freitod ihres Opfers auch noch profitieren. Das Gericht hat Sandro R. und Mario P. zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 500 000 Mark und einer monatlichen Rente von 1000 Mark verurteilt. Von diesen Zahlungen wären sie dann befreit.
Von Schuld und Sühne haben Mario P. und Sandro R. bis heute nichts verstanden. Keiner von beiden hat sich jemals bei Noel Martin entschuldigt, Mario P. hat nur irgendwann seinen Anwalt schreiben lassen, er hoffe, Martin werde wieder "ein normales Leben führen können". Das war ein Hohn.
Wie sein Leben heute aussieht, hat Noel Martin in seinem Buch quälend genau beschrieben. Die täglichen entwürdigenden Torturen im Badezimmer, die Abhängigkeiten, das Wundliegen, die Depression. Dem Verbrechen und seinen dramatischen Folgen ist allerdings nur das letzte Drittel der Autobiografie gewidmet. Vorher geht es um die Kindheit in Jamaika, um die Hungerjahre in England, die überforderten Eltern, die ständigen Diskriminierungen in der Schule und durch die Polizei. Das Glück kam erst mit Jacqueline. Und es war vorbei, als Sandro R. den Arm hob, um den Stein zu werfen. "Nenne das Beste aus deiner Vergangenheit", heißt es am Ende des Buches unsentimental, "und nenne das dein Leben."




Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




