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Kultur & Live

Kontroverse: Der Streit um Kulturgut hat viele Facetten

Nofretete ist keine Beutekunst

Warum auf viele Kunstwerke in Europas Museen Ansprüche erhoben werden.

Hamburg. Ginge es nach dem türkischen Innenministerium, müsste der Pergamonaltar möglichst bald zurück in seine heute türkische Heimat transportiert werden. Auch auf zahlreiche andere Kunstwerke, die sich heute in europäischen Museen befinden, erheben die Ursprungsländer Anspruch: So gibt es ein Ersuchen der mexikanischen Regierung an Österreich, die Federkrone des Montezuma, die im Völkerkundemuseum Wien gezeigt wird, zurückzuführen.

Andererseits erhebt die Bundesrepublik selbst Anspruch auf den Schatz des Priamos und Tausende weiterer Kunstwerke, die am Ende des Zweiten Weltkriegs von den Trophäenkommissionen der Roten Armee in die Sowjetunion verbracht worden sind.

Schon seit Jahren fordert Zahi Hawass, der umstrittene Chef der Ägyptischen Altertumsverwaltung, die Rückgabe der weltbekannten Büste der Nofretete, der Gattin des Pharaos Echnaton, die sich seit 1913 in Berlin befindet und als eines der weltweit berühmtesten und populärsten Kunstwerke gilt. Neu ist jedoch, dass sich eine Hamburger Initiative, die in der Werkstatt 3 in Ottensen ansässige "Cultur Cooperation", mit einer Kampagne dafür einsetzt, dass Nofretete befristet nach Ägypten ausgeliehen wird. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) lehnte postwendend ab. Er teile die Meinung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die einen Transport der ebenso schönen wie fragilen Pharaonin schon aus konservatorischen Gründen ablehnt. Auch Dietrich Wildung, der Direktor des Ägyptischen Museums in Berlin, sagte Nein.

Auf die Frage, ob es in dieser Sache ein Zusammenwirken zwischen Hawass und der Cultur Cooperation gebe, antwortet Geschäftsführerin Anja Kuhr: "Aber nein, wir sind eine Nichtregierungsorganisation und nicht der verlängerte Arm der ägyptischen Altertumsverwaltung. Unsere Kampagne steht im Kontext zu dem EU-Projekt ,Kultur und Entwicklung', in dem wir uns umfangreich mit dem Thema Schutz und Austausch von Kulturgütern beschäftigen."

Dass es dabei um hoch emotionale Fragen geht, bewies Zahi Hawass, der auf die ablehnende Haltung des Berliner Museums mit einem ägyptischen Leihboykott reagierte. Künftig werde sein Land keine altägyptischen Kunstgegenstände mehr an Deutschland ausleihen, sagte der Chef der Kairoer Altertumsbehörde barsch - und fügte hinzu, man müsse außerdem die "wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland überdenken".

Das sieht Museumsdirektor Dietrich Wildung eher gelassen. Im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur sagte der Chef des Berliner Ägyptischen Museums, ein Leihboykott aus Ägypten würde gegenüber dem jetzigen Status "keine wesentlichen Veränderungen" bringen. Schließlich lebe Deutschland seit der letzten Leihgabe aus Ägypten im Jahr 1985 auch ohne solche Objekte "durchaus komfortabel und repräsentativ". Außerdem gebe es bis heute keine offizielle Anfrage zur Nofretete-Ausleihe von ägyptischer Seite. Es sei daher "Nonsens", die wertvolle Büste aus eigener Initiative auf Reisen zu schicken.

Während die Rechtslage bei Nofretete, die 1913 das Land am Nil mit offizieller Genehmigung verlassen hat, einigermaßen klar zu sein scheint, gibt es in zahlreichen europäischen Museen Kunstwerke, deren Provenienz (Herkunftsgeschichte) keineswegs geklärt oder offenkundig fragwürdig ist. Abgesehen von der Problematik der aus jüdischem Besitz geraubten Objekte (Raubkunst) betrifft das vor allem Werke, die im Zuge der Kolonialgeschichte oder als Kriegsbeute an ihren heutigen Standort gelangt sind.

Auch wenn eine juristische Handhabe oft nicht mehr gegeben ist, bleiben moralische Fragen. Bei der Beutekunst liegen die Dinge aber anders; hier gibt es mit der Haager Landkriegsordnung von 1907 völkerrechtlich eindeutige Regeln: Dort wird das Verbot der Wegnahme von Kulturgütern in kriegerischen Auseinandersetzungen eindeutig festgeschrieben.

Aber neben der Rechtslage stellt sich auch die Frage, was für die Erhaltung der Kunstwerke förderlich oder schädlich ist. In vielen Fällen hätten Werke, die in früheren Jahrhunderten nach Europa gekommen sind, in ihren Ursprungsländern gar nicht erhalten werden können. Das betrifft auch den Berliner Pergamonaltar.

"Wir sind nicht fühllos dagegen gewesen, was es heißt, die Reste eine großen Denkmals seinem Mutterboden zu entreißen zu uns hin, wo wir ihnen das Licht und die Umgebung nie wieder bieten können, in die hinein sie geschaffen wurden und in denen sie einst voll wirkten", schrieb Alexander Conze, der Direktor der Skulpturensammlung der Königlichen Museen zu Berlin, als die Teile des ausgegrabenen Pergamonaltars 1879 nach Berlin transportiert wurden.

Er fügte aber hinzu: "Aber wir haben sie der immer vollständigeren Zerstörung entrissen."

 

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