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Kultur & Live

Festakt: Berliner Ehrenbürgerwürde an Wolf Biermann verliehen

"Wo kein Stuhl war, saßen Sie am bequemsten"

Im Roten Rathaus am Alexanderplatz wurde der leidenschaftlich unbequeme Liedermacher und Dichter zum 115. Ehren-Berliner.

Berlin. Große Augenblicke gibt es in der Politik nicht so oft, aber gestern konnte man in Berlin einen erleben. Bei dem mit größter Spannung erwarteten Festakt anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Liedermacher Wolf Biermann im großen Festsaal des Roten Rathauses am Alexanderplatz. Darum hatte es ja im Vorfeld unschöne Querelen gegeben, und noch am Morgen selbst hatte der Siebzigjährige seinen Standpunkt trotzig bekräftigt: Die von Klaus Wowereit in Berlin gebildete Koalition aus SPD und PDS, so Biermann im ZDF, sei "schlimmer als ein Verbrechen - sie ist ein Fehler". Damit hatte der hochgebildete Biermann zwar "nur" Napoleons Außenminister Talleyrand zitiert, aber das hatte zu dem Zeitpunkt erstens niemand begriffen, und zweitens wollten sich offenbar alle partout noch ein bisschen aufregen.

Wie würde der Regierende Bürgermeister auf diesen vermeintlichen Affront reagieren? Das war die Frage, die man sich in der Stadt stellte.

Kurz nach drei war sie beantwortet. Wowereit leitete seine Laudatio mit der zutreffenden Bemerkung ein, es hänge "eine merkwürdige Erwartungshaltung" über dem Ereignis, machte dann ein paar Schlenker nach dem Motto, vor einer so hohen Auszeichnung sei Respekt geboten, und kam dann zum Punkt: Berlin habe eine demokratisch gewählte und legitimierte Regierung, und diese Regierung als verbrecherisch zu bezeichnen, das gehe zu weit. "Deshalb", so Wowereit weiter, "möchte ich das zurückweisen - Wolf Biermann wird es verkraften."

Wowereit ist dann auf dem Casus nicht länger herumgeritten, sondern hat das getan, was ein Laudator tun muss. Er hat dem zu Ehrenden Respekt erwiesen. Gewichtig, geistreich, warmherzig und ohne die Mätzchen, die er sich sonst zuweilen nicht verkneifen kann.

Berlins Regierender Bürgermeister hat Wolf Biermann einen großen Künstler genannt. Einen leidenschaftlichen Humanisten, der gezeigt habe, dass die Fackel der Aufklärung auch den Nebel einer Diktatur durchdringen könne. Einen Kommunisten, der das Bündnis mit der Wahrheit gesucht habe, aber nicht das Bündnis mit der Partei. Wolf Biermann, so Wowereit, habe um den Preis der eigenen Tragödie den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung beschleunigt. Er sei das Lehrbeispiel dafür gewesen, "wie unerbittlich die SED einem Menschen nachsetzte". Das DDR-Regime habe Biermann isoliert, verleumdet, totgeschwiegen. Und trotzdem: "Wo kein Stuhl war, da saßen Sie am bequemsten!"

Während Wowereit das sagte, bissen die Abgesandten der PDS die Zähne zusammen. Zum Beispiel Wirtschaftssenator Harald Wolf, für den das Rathaus-Protokoll einen Platz in der ersten Reihe reserviert hatte. Gleich neben Biermanns Frau Pamela. Oder Ex-Kultursenator Thomas Flierl, der sich das Ganze wohl auch weniger unvergnüglich vorgestellt hatte. Überhaupt war es für die PDS, die es sich immer so entschieden verbittet, als "SED-Nachfolgepartei" bezeichnet zu werden (und die doch nichts anderes ist, wie ihr erbitterter Widerstand in dieser Sache bewiesen hat) gestern ein ganz schwarzer Tag. Und Biermann selbst? Dem hat es in seiner Dankesrede gefallen, noch einmal zu sagen, Klaus Wowereit liege nun mal "mit der PDS im Bett". Leider! Andererseits, hat er listig hinzugefügt, müsse ein Heuchler ja kein kompletter Lump sein. Ein Heuchler heuchele ja nur, weil er immerhin die Wahrheit kenne. Das sei das Gute daran! Deswegen müsse man sich hier nicht gleich um den Hals fallen, aber: "Was Sie gesagt haben, hat mir gefallen."

Wolf Biermann hat gestern erwartungsgemäß auch vielen Freunden von damals gedankt. Politischen Mitkämpfern wie Robert Havemann, Schriftstellern wie Rainer Kunze, Schauspielerkollegen wie Eva-Maria Hagen und Manfred Krug, ja, sogar dem Mann, der ihm immer die Briketts in seine Wohnung geschleppt hat. "Chausseestraße 131", die Biermann besang, als er verboten war. Zwölf Jahre lang. Bis sie ihn ausbürgerten. Nach dem legendären Köln-Konzert im November '76. "Wie ein Sterben" sei diese Ausbürgerung gewesen, hat Wolf Biermann gestern gesagt, und in diesem berührenden Augenblick hätte man sehr gerne gewusst, was gerade in den Wolfs und Flierls vor sich ging.

Ein kleines Lehrstück für Realpolitik hat Wolf Biermann die Aufregung um seine Ernennung zum 115. Ehrenbürger der Stadt Berlin genannt. Und hinzugefügt, dass er der Stadt "nicht viel, sondern fast alles" verdanke. Und er hat gesagt, warum er nach seiner Ausbürgerung nach Hamburg gezogen ist: "Weil ich nicht auf die Mauer starren wollte, hinter meine Freunde festsaßen." Diese Mauer schien Wolf Biermann damals für die Ewigkeit gebaut: "Ich wusste noch am Ende der DDR, dass die DDR länger hält als ich."

Das, so Biermann an diesem leuchtenden Frühlingstag, sei bestimmt der schönste Irrtum seines Lebens gewesen.

 

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