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Kultur & Live

Konzertreise: Das NDR-Sinfonieorchester und Christoph von Dohnanyi in New York

"Macht nur absolut Erstklassiges!"

Wie der Chefdirigent mit einer Delegation Kulturschaffender Hamburg als Musikstadt in Manhattan präsentieren möchte. Das NDR-Sinfonieorchester ist mit seinem Chefdirigenten Christoph von Dohnányi nach New York geflogen.

New York. Das NDR-Sinfonieorchester ist mit seinem Chefdirigenten Christoph von Dohnanyi nach New York geflogen, wo es heute und morgen Abend in der Carnegie Hall konzertieren und am Mittwoch bei den Vereinten Nationen zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge spielen wird.

Das Abendblatt sprach mit von Dohnanyi über die Bedeutung solcher Reisen, über die Elbphilharmonie und wie sie Hamburg verändern wird, über die Perspektiven des Orchesters und die großen Umwälzungen, die das Internet auch für den klassischen Musikbetrieb bringen kann.

ABENDBLATT: Herr von Dohnanyi, was liegt beim NDR-Sinfonieorchester auf den Notenpulten, wenn Sie in New York auftreten?

CHRISTOPH VON DOHNÁNYI: Die Erste Brahms und Mahler Eins (die Symphonien, d. Red.), was riskant ist, weil das auch in New York sehr viel gespielt wird. Ligeti, Mendelssohn, Schnittke - wir spielen Werke Hamburger oder mit Hamburg verbundener Komponisten. Und für die Uno gibt's dann Beethoven.

ABENDBLATT: Was bedeuten solche Reisen für das Orchester?

DOHNÁNYI: Die Reisen sind wichtig, weil das Orchester weiß: In Carnegie musst du erstklassig spielen. Da spielen die größten Orchester der Welt. Vor uns war der Bayerische Rundfunk dort, dann das Gewandhaus-Orchester - wir müssen uns da erstklassig präsentieren. Diese Herausforderung ist für die innere Disziplin, für Ehrgeiz und Präsenz eines Orchesters unendlich wichtig.

ABENDBLATT: Das NDR-Sinfonieorchester wird ja Hausorchester der kommenden Elbphilharmonie. Und Sie werden wohl das Eröffnungskonzert dort dirigieren. Wie bewerten Sie die Entscheidung Hamburgs, diesen Akzent für die Musik zu setzen?

DOHNÁNYI: Sehr gut, gerade wegen der Mentalität der Hamburger, so etwas immer sehr skeptisch anzugehen. Ich war ja in der Bürgerschaftssitzung, als darüber diskutiert wurde. Dort wurde ich gefragt: Herr von Dohnanyi, besteht ein Bedürfnis nach diesem Institut? Und meine Antwort: Bestand ein Bedürfnis nach der Neunten Sinfonie von Beethoven? Bedürfnisse werden in der Kultur eben sehr oft durch die Tat geschaffen. Es ist eine Riesenchance. In Los Angeles kriegen sie inzwischen in der neuen Musikhalle sogar mit einem Kammerkonzert zeitgenössischer Musik 1400 bis 1800 Zuhörer.

ABENDBLATT: Im Gefolge Ihrer Konzerte reisen Hamburgs Bürgermeister, die Kultursenatorin, der künftige Philharmonie-Intendant Lieben-Seutter, das Architekten-Team Herzog/de Meuron, NDR-Intendant Jobst Plog und NDR-Orchesterchef Rolf Beck an, um das neue Konzerthaus vor US-Journalisten zu präsentieren.

DOHNÁNYI: Ich bin auf die jetzige Verwaltung der Stadt sehr stolz, dass sie das Philharmonie-Projekt in dieser Zeit durchgesetzt hat. Diese Halle wird die Kulturstadt Hamburg verändern. Wir gehen auf etwas ganz Großes zu.

ABENDBLATT: Was raten Sie, wenn es um die Programmatik der Halle geht?

DOHNÁNYI: Macht nur absolut Erstklassiges! Keine mittelmäßigen sinfonischen Konzerte, keine mittelmäßigen Rock- und Pop-Konzerte, keine mittelmäßigen Barockkonzerte. Holt das Beste vom Besten. Dann werden wir sehen: Die neue Halle bringt auch neues Publikum. Und Christoph Lieben-Seutter ist ein Mann mit unglaublichem Instinkt dafür, wie Dinge machbar sind. Ganz ruhig, wahnsinnig musikbegeistert und kenntnisreich. Allein die Neugier nach der Elbphilharmonie wird den Besuch in den ersten eineinhalb Jahren sichern. Wenn bis dahin Gutes geboten wird, wird sich der Besuch steigern.

ABENDBLATT: Wird Hamburg mit diesem Haus automatisch zur Weltkultur-Metropole? Oder gibt es da noch mehr zu tun?

DOHNÁNYI: Noch einiges. Hamburg hat ja traditionell eine eher betrachtende Beziehung zur Kultur. Kultur gehört dazu, aber man hat keine Bibliothek, die einen herausfordert - man hat die Bücher, die einem gefallen. Man hatte vielleicht nicht die große Leidenschaft für Kultur, man hat sich Kultur immer "geleistet". So ist das auch in der Musik. Trotzdem: Große Künstler haben hier ihre Heimat gefunden.

ABENDBLATT: Wo steht das NDR-Sinfonieorchester heute?

DOHNÁNYI: Das NDR-Sinfonieorchester ist ein absolut erstklassiges Sinfonieorchester. Und wir sind dabei, das immer noch weiter aufzubauen.

ABENDBLATT: Zum Beispiel?

DOHNÁNYI: Ganz wesentlich wird es sein, neue Stellen erstklassig zu besetzen - wir haben einige Vakanzen auf wichtigen Positionen. Weiter geht es darum, das Instrumentarium zu verbessern, und schließlich hoffen wir, dass wir mit der neuen Elbphilharmonie auch einen zuverlässig verfügbaren Probenraum haben werden, in dem wir unseren Orchesterklang verfeinern und weiterentwickeln können.

ABENDBLATT: Wie wollen Sie das Profil des Orchesters schärfen?

DOHNÁNYI: Arbeiten, arbeiten, arbeiten - Sie müssen ein großes Repertoire aus dem 18., 19. und beginnenden 20. Jahrhundert als Basis haben. Sie können ein Orchester nicht international etablieren, wenn Sie die Contemporary Musiczur Grundlage nehmen. Und wenn wir hier die Elbphilharmonie haben - und das ist für die Stadt à la longueein Riesenglück - müssen die hamburgischen Orchester, die dort Musik machen, in die Lage versetzt werden, programmatisch, aber auch instrumental anzubieten, was international angeboten wird.

ABENDBLATT: Was meinen Sie in diesem Zusammenhang mit "instrumental"?

DOHNÁNYI: Das Instrumentarium. Als ich neulich in Los Angeles dirigiert habe, sprach ich mit dem Konzertmeister, den ich aus Cleveland kannte. Ich sagte: "Mensch, Sie haben aber ein schönes Instrument." Und er: "Ja, das ist die Milstein-Stradivari." Da kommt ein Millionär, ein Lederfabrikant, will etwas für das Orchester tun - so läuft das da. In San Diego hat einer sogar 100 Millionen gegeben. Und hier fragt man: Besteht überhaupt ein Bedürfnis? Dabei spielen wir gegen Orchester an, die in der 1. Violine zehn große Italiener spielen. Da hat Hamburg geschlafen - der WDR, der Bayerische Rundfunk, die Berliner Philharmoniker zum Beispiel, die haben da voll zugegriffen. Inzwischen kostet eine Stradivari mehr als drei Millionen, und die Nächsten, die da zugreifen, sind die Amerikaner und die Chinesen.

ABENDBLATT: Müssen sich nicht auch unsere Hamburger Programmgepflogenheiten ändern?

DOHNÁNYI: Wir sind in einem Übergang - die Menschen, die sich für Musik von Widmann, Rihm und Schnittke entscheiden, wollen dabei nicht unbedingt noch eine Dvorak-Sinfonie hören. Es müsste eine andere Programmatik geben: Mischprogramme, klassisch-romantische und moderne Programme. Sie würden für jedes ein Publikum finden.

ABENDBLATT: Und wie wollen Sie das Publikum überreden, sich der Moderne zu öffnen?

DOHNÁNYI: Da gibt es große Voreingenommenheit. Ich sage dann: Wenn ihr im Sommer in den Wald geht, und die Vögel zwitschern und singen und der Wald rauscht, dann finden die Leute das herrlich - dabei haben sie dort nicht einen Moment von Tonalität erlebt! Unsere Musikerziehung beruht auf dem "Nachsingen"-Können. Und dann laufen die Menschen zwanzigmal in die "Tosca", bis sie da mitsingen können. Das ist unser Problem.

ABENDBLATT: Wollen Sie die Menschen umerziehen?

DOHNÁNYI: In der Kunst will man nicht erzogen werden. Wenn's die Kinder merken, dass sie erzogen werden, ist es schon aus. Erziehung ist hier eine Frage von unmerklichem Beeinflussen auf Öffnung des Geistes. Am liebsten wäre mir: hören und dann diskutieren. Die Menschen sind zu schnell dabei, es sich bequem zu machen. Sie müssen neugierig werden, die Ohren öffnen, wir müssen das Verständnis für das Neue fördern. Am besten durch Zuhören und nicht durch besserwissende Erklärungen.

ABENDBLATT: Und der Musikunterricht?

DOHNÁNYI: Schule bedeutet alles, wenn Sie Lust an Kultur, an Musik fördern, jungen Menschen unerwartete Dinge anbieten und ihre Neugier herausfordern wollen.

ABENDBLATT: Schwierige Sache, ab und an ist ja zu hören: Die klassische Musik hat eine Krise.

DOHNÁNYI: Die klassische Musik hat keine Krise, Mozart hat keine Krise. Wir haben vielleicht eine Krise, die Gesellschaft hat eine Krise. Unsere Musik ist museal. Ich habe nichts dagegen, aber dann müssen wir die Tore dort weit öffnen. Wir müssen uns bewegen und neue Wege finden, um das, was wir tun, zu den Menschen zu bringen. Die BBC hat ein Experiment gemacht und ein Beethoven-Sinfoniekonzert zum Downloaden ins Internet gestellt - 1,4 Millionen Mal wurde das abgerufen! Das Bedürfnis ist riesig.

ABENDBLATT: Werden wir künftig also die NDR-Konzerte downloaden können?

DOHNÁNYI: Das wäre wichtig. In Amerika sagt man: If you cannot change it, join it - wenn du's nicht ändern kannst, mach das Beste draus. Beethoven hätte nichts dagegen gehabt, wenn 1,4 Millionen Zuhörer seine Musik auf diese Weise kennengelernt hätten.

 

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