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Kultur & Live

Dreharbeiten: In Stralsund werden die Flüchtlingsdramen in Szene gesetzt

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff"

Das ZDF erinnert in einem Zweiteiler an die größte deutsche Schiffskatastrophe. Im Januar 2008 ist der Film zu sehen.

Stralsund. Für die Russen ist der U-Boot-Kommandant Alexander Iwanowitsch Marinesko heute noch ein Held. Sie haben gerade einen Film über ihn gedreht. Titel: "Der Erste nach Gott".

Marinesko war der Mann, der die MS "Wilhelm Gustloff" versenkte. Am 30. Januar 1945, kurz nachdem das umfunktionierte KdF-Schiff mit 8800 Flüchtlingen und 1500 Wehrmachtsoldaten an Bord aus Gotenhafen ausgelaufen war. Die Torpedos schlugen im Bug, unter dem E-Deck und im Maschinenraum ein, um 22.15 Uhr war das Schiff in der eisigen Ostsee verschwunden. Mit ihm mehr als 9000 Menschen, fast ausnahmslos Frauen und Kinder.

Es war die größte Schiffskatastrophe der Marinegeschichte. Von ganz anderer Dimension als die "Titanic"-Tragödie. Dass man sich die öffentliche Erinnerung daran lange versagte, hatte politische Gründe. Denn die "Gustloff"-Katastrophe war eine Katastrophe aus dem Dritten Reich. "Hausgemacht", sozusagen.

Ufa-Produzent Norbert Sauer ist denn auch fest davon überzeugt, dass es vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen wäre, einen Film über den Untergang der "Gustloff" zu machen. Auch Klaus Bassiner weiß, dass das Thema "politisch brisant" ist. Bassiner ist der zuständige Redakteur beim ZDF, für den die Ufa den Zweiteiler "Hafen der Hoffnung - Die letzte Fahrt der ,Wilhelm Gustloff'" produziert. Deutsche nicht (nur) als Täter, sondern (auch) als Opfer zu zeigen, sagt Bassiner, sei eben bis vor Kurzem ein Tabu gewesen. Inzwischen hat sich sein Sender erzählerisch mit dem Feuersturm in Dresden befasst, die ARD mit der großen Flucht aus Ostpreußen. Vor allem aber ist 2002 die "Gustloff"-Novelle "Im Krebsgang" von Günter Grass erschienen. Ein Buch, das sich millionenfach verkaufte. Die Zeit schien reif für den Film.

Zurzeit wird in Stralsund gedreht. Kai Wiesinger, der einen der vier (!) Kapitäne spielt, die das Schiff damals in den Untergang steuerten - und zwar den, der versuchte zu verhindern, dass man Positionslichter setzte -, spürt eine besondere Verantwortung, "weil es um Menschen geht, die das wirklich erlebt haben". Anja Knauer stimmt ihm zu. Sie spielt die Hochschwangere, die ihr Baby im Rettungsboot entbindet - eine Episode, die auch Grass in seiner Novelle aufgegriffen hat.

Ist das nicht melodramatisch? Nein, Norbert Sauer schwört, dass man aus dem "Gustloff"-Stoff keine "Schmonzette" machen wird. Dafür bürge das Drehbuch von Rainer Berg, und dafür werde auch der Regisseur sorgen. Joseph Vilsmaier. Der Mann, der 1993 "Stalingrad" verfilmte und 2006 den Auschwitz-Film "Der letzte Zug" ins Kino brachte.

Heinz Schön, den das ZDF als Berater zuzog, erhofft sich von Vilsmaier einen "an die Nieren gehenden Film". Schön hat den Untergang der "Wilhelm Gustloff" gemeinsam mit 1251 anderen überlebt. Er war 17, als er als Zahlmeister-Assistent an Bord kam, er hat Ende der 50er-Jahre bereits Frank Wisbar beraten, als der den Film "Nacht fiel über Gotenhafen" drehte. Und Schön hat 1982 sein Buch "Die ,Gustloff'-Katastrophe. Erinnerungen eines Überlebenden" vorgelegt, aus dem Grass geschöpft hat. Heinz Schön, sagt Norbert Sauer, sei so etwas wie der Lordsiegelbewahrer der "Gustloff"-Geschichte. Schön selbst, inzwischen 80 Jahre alt, sagt, es gehe darum zu zeigen, was der Krieg den Menschen antue.

Gedreht wird nach Stralsund noch in Peenemünde, Hamburg (30. März bis 5. April), Leipzig, Berlin, Köln und auf Malta. Um Malta kommt man wegen der Unterwasserszenen nicht herum, die vielen deutschen Drehorte erklären sich aus dem System der Filmförderung: Jedes Land, das Geld zu dem 10-Millionen-Euro-Projekt zuschießt, will in Form von Drehtagen auch etwas zurückhaben.

Im Hafen von Stralsund hat man die Schiffswand der "Gustloff" nachgebaut. Auf Pontons errichtet, liegt sie am Kai vertäut. Es gebe Filme, meint Lothar Holler, die "so loseiern", und Filme, "wo die Kameraleute grundsätzlich in die Richtung schwenken, in die man nicht gebaut hat"! Holler ist zuversichtlich, dass beides beim "Gustloff"-Projekt nicht passieren wird. Als Szenenbildner ist er der Mann, der für die Authentizität zuständig ist. Holler hat ein paar Rostpötte an den Kai verholt, historische Rettungsboote in der Türkei aufgespürt, vom Leibchen bis zu den Wollstrümpfen zentnerweise Kleidungsstücke aus den 40er-Jahren zusammengesammelt. Und Kinderwagen en gros. In der Schlusseinstellung von Teil eins wird man sie am Kai stehen sehen - Symbol für die Hoffnung der vermeintlich Geretteten und Zeichen für den kommenden Untergang zugleich.

 

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