Kunsthalle - das "Schwarze Quadrat" und seine Nachfolger
Selbstfindung im Nichts
Ein Bild, das keines sein soll, hat 1915 unseren Blick verändert. Die Kunsthalle zeigt, was die revolutionäre Idee bis heute anstiftet.
Hamburg. Selten hat eine Hamburger Ausstellung schon im Vorfeld so viel internationale Beachtung hervorgerufen. Und das, obwohl die Schau in der Hamburger Kunsthalle buchstäblich um das Nichts kreist. Besser: um ein Bild, das vor 92 Jahren "die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien" suchte und das bis heute seine rätselhafte Kraft entfaltet. "Das schwarze Quadrat" (das wir hier als Hintergrund für diesen Artikel zweckentfremden), gemalt 1915 von Kasimir Malewitsch, ist mehr ein Energiefeld als ein Gemälde. Zumindest stand das in der Absicht des russischen Künstlers, der erklärte: "Das schwarze Quadrat ist kein Bild, so wie der Schalter kein Strom ist."
Wie revolutionär seine Idee war, macht die Ausstellung "Das schwarze Quadrat. Hommage an Malewitsch" im Eingangsraum deutlich. Hier hat Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner mit Historiengemälden des 19. Jahrhunderts die opulente "Petersburger Hängung" praktiziert. Der Kontrast zum folgenden Rundgang könnte nicht schärfer sein. Rund 100 Gemälde, Zeichnungen, Installationen, Skulpturen und Videofilme von fast 50 Künstlern gruppieren sich um das schwarze Quadrat. Darunter zahlreiche Werke von Malewitsch und seinen Zeitgenossen wie El Lissitzky oder Olga Rosanowa. Den großen Anteil aber haben ebenso berühmte Gegenwartskünstler. Richard Serras waghalsige Stahlskulpturen sind zu sehen, Carl Andres minimalistische Bodenarbeiten, die kühlgleißenden Wandobjekte von Donald Judd oder die mit hoher Suggestionskraft ausgestatteten Kompositionen von Imi Knoebel.
Es ist aus unterschiedlichsten Gründen kaum noch möglich, Werke von Malewitsch auszuleihen. Anlass aber zur Berichterstattung - von Paris über Mailand bis nach New York - gab nicht die Schau als Ganzes, sondern der Beitrag von Gregor Schneider: Auf dem Plateau vor der Galerie der Gegenwart konnte der 37-jährige Künstler den schwarzen Kubus realisieren. Mit 14 Meter Höhe ein Gigant, thront die fragil wirkende, stoffumspannte Skulptur. Eigentlich hätte sie als "Cube Venice" bereits zur Biennale in Venedig 2005 zu sehen sein sollen. Dann plante der Hamburger Bahnhof in Berlin die Installation des Kunstwerks - aber jedes Mal erhielt Gregor Schneider eine Absage - weil der schwarze Kubus nicht nur ans schwarze Quadrat erinnert, sondern an die muslimische Kaaba in Mekka. Man wähnte sich in Terrorgefahr. Für die Kaaba, den wichtigsten Wallfahrtsort der Muslime, besteht indes kein Abbildungsverbot.
"Es geht hier um die Freiheit der Kunst", erklärt Gaßner. Und schließlich transportiert der "Cube Hamburg 2007" als Bau der Leere sowohl die arabische Vorstellung eines Ortes der Selbstverwandlung wie auch die spirituelle Dimension des schwarzen Quadrates. "Ich aber verwandelte mich in die Nullform und kam jenseits der Null bei -1 heraus", schrieb Malewitsch in seinem Manifest 1915.
Gregor Schneider, der mit dem "Cube Hamburg" den dunklen Innenraum nach außen stülpt, ist von der friedlichen Wirkung seines Werks überzeugt: "Der Cube dokumentiert kulturelle Verbindung. Er ist Dialog."




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