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Kultur & Live

Ganz Privat: Jürgen von der Lippe gastiert nächste Woche im St.-Pauli-Theater

"Ich habe das Dienstleistungsgen"

Der Entertainer und Fernsehstar über Karriere, Kirche, Kochen, Erinnerungen an die Kindheit - und sein sehr spezielles Verhältnis zu dunklem Brot mit Ölsardinen.

Hamburg. Sein Markenzeichen sind groß gemusterte Hemden. Die trägt er aber nur auf der Bühne. Was macht den Privatmann Jürgen von der Lippe aus? Der Entertainer und Showmaster kommt mit einer Mischung aus Standup, Liedern und Parodien ins St.-Pauli-Theater. Im Abendblatt-Interview erzählt er über seine Kindheit, über Leidenschaften und Abneigungen.

ABENDBLATT: Worauf könnten Sie in Ihrem Leben am allerwenigsten verzichten?

JÜRGEN VON DER LIPPE: Auf die Bühne!

ABENDBLATT: Die ist für Sie auch ein Heilmittel, wenn Sie traurig sind . . .

VON DER LIPPE: Wenn man gerade einen Schicksalsschlag erlitten hat, dann vergisst man auf der Bühne das eigene Ungemach. Wenn es mir schlecht geht, ob psychisch oder physisch, dann hilft die Bühne immer. Ich habe schon mit 40 Fieber großartige Vorstellungen abgeliefert.

ABENDBLATT: Welches menschliche Schicksal hat Sie in letzter Zeit besonders berührt?

VON DER LIPPE: Grundsätzlich möchte ich eigentlich nicht über Schicksale von Menschen sprechen, die ich nur aus zweiter Hand kenne. Aber nehmen wir mal Jan Ullrich. Ich finde es tragisch. Mich stört, dass in dieser Doping-Debatte viel Heuchelei mit am Werk ist. Spitzensportler wissen, dass ihnen nur sehr wenig Zeit bleibt, um ganz oben mitzumischen. Ich würde über Jan Ullrich nicht urteilen wollen.

ABENDBLATT: Welche Mitgift Ihrer Eltern schätzen Sie besonders?

VON DER LIPPE: Ich habe Dienstleistungsgene geerbt! Meine Mutter war Köchin, mein Vater war Barkeeper. Als Kind war meine Mutter für mich alleinige Ansprechpartnerin, denn mein Vater hat die ganze Nacht gearbeitet und schlief bis vier Uhr nachmittags. Um sechs verließ er das Haus, um zur Arbeit zu gehen. Den hab ich wenig erlebt. Aber als ich 15, 16 war und ein paar Freunde einlud, da lag ich natürlich mit einem Vater, der mixen konnte, ganz weit vorne. Mit Dienstleistungsgen meine ich das Grundbedürfnis, es Leuten nett zu machen und dabei selber viel Freude zu haben: Das habe ich von den Eltern geerbt und das finde ich wirklich schön.

ABENDBLATT: Ihre Mutter hat Sie auch fürs Kochen begeistern können.

VON DER LIPPE: So wie sie das Ragout fin machte, das hab ich übernommen. Oder die Plätzchen meiner Mutter! Das sind ganz normale Mürbekekse, das ist für mich aber das Leckerste, was es gibt: Aber irgendwann fing ich an, meiner Mutter was beizubringen. Weil ich vom dritten Semester an Deutsch für Ausländer unterrichtete und mit meinen Studenten auch kulinarischen Umgang pflegte. In Aachen, wo ich zunächst studiert habe, gab es einen holländischen Händler, der für die indonesischen Studenten Gewürze verkaufte. Ich war sicher einer der ersten deutschen Hobby-Köche, die mit diesem Zeug in Berührung kamen.

ABENDBLATT: Gab es einen Wendepunkt in Ihrem Leben, als die Weichen gestellt wurden für alles, was danach folgte?

VON DER LIPPE: Nein, komischerweise nicht. Als ich in der Schule Theater spielte - wir machten drei Vorstellungen vor je ca. 600 Leuten - und ich auf der Bühne plötzlich nicht mehr aufgeregt war, sondern das nur noch genoss und merkte, dass das Publikum mich mochte, das hätte mich auf die Idee bringen können, dass da meine berufliche Zukunft liegt. Hat es aber nicht.

ABENDBLATT: Warum?

VON DER LIPPE: Das hatte mit meinem Vater zu tun, der mich nicht Geige lernen ließ, aus Angst, ich könnte wie er in einem Nacht-Beruf landen. Er muss diesen Aspekt wohl doch gehasst haben. Ich habe Philosophie und Germanistik studiert, weil ich eigentlich Journalist werden wollte.

ABENDBLATT: Kurze Zeit wollten Sie auch Priester werden.

VON DER LIPPE: Ja, das teile ich mit den Kollegen Elstner, Gottschalk und Jauch. Offensichtlich gibt es da eine große Schnittmenge zwischen den Berufen des Entertainers und des Pfarrers. Beide wollen das Geld der Leute, beide wollen Aufmerksamkeit. Bei mir hatte es aber wohl damit zu tun, dass mich, als ich Messdiener war, der Kaplan überzeugte, der die Jugendarbeit machte.

ABENDBLATT: Was bedeutet Ihnen heute Glauben?

VON DER LIPPE: Ich nenne mich einen heiteren Agnostiker. Das ist kein Atheist, der die Existenz eines höheren Wesens leugnet. Sondern der Agnostiker sagt: Ich weiß es nicht! Man kann die Existenz oder Nicht-Existenz von Gott nicht beweisen. Ich glaube weder an ein Leben nach dem Tode noch an eine höhere Macht, ich habe aber keine Schwierigkeiten mit der Vorstellung.

ABENDBLATT: Sie halten sich gern in Kirchen auf.

VON DER LIPPE: Natürlich. Das hat aber was mit Nostalgie zu tun. Und vor allem mit einer Stimmung, der ich mich gern hingebe. Je älter ich werde, desto lieber nähere ich mich Dingen, die mir in der Kindheit etwas bedeutet haben.

ABENDBLATT: An welchen Orten tanken Sie noch auf? Vielleicht auch, um sich neuen Stoff für die Bühne auszudenken?

VON DER LIPPE: Dreiviertel des Jahres bin ich auf Reisen. Es gibt Hotelzimmer, die eine Magie entwickeln. Ich war vor Kurzem in einem wirklich schönen Hotelzimmer mit Blick auf den Rhein. Ich jogge gern mit einer ganz bestimmten Jazzmusik auf dem Walkman - das würde man Dancefloor-Jazz nennen. Es gibt sicher Leute, die sagen: Fahrstuhl-Mucke. Aber es ist eine Art Musik, die grooved und trotzdem nicht seicht ist. Dabei kann ich auch arbeiten.

ABENDBLATT: Gibt es einen Song, an den Sie eine besondere Erinnerung verknüpfen?

VON DER LIPPE: Ich erinnere mich sehr gut an "Glaube mir" von Wolfgang Sauer, das war noch 'ne 78er-Platte. Dann, 1956, "Heimweh" von Freddy. Da war ich acht. Dann gab's "Revolver-Jim aus Texas" vom Cornel Trio. Die Revolverschüsse - das war im Grunde schon das Comedy-Element in der Musik. Ansonsten bin ich von meinem Musikgeschmack her ein Softie. Ich würde mich auch als Schnulzier bezeichnen. Die ganz großen Erinnerungen habe ich immer an Balladen. Das erste Stück, das mir von den Beatles richtig gefiel, war "Taste Of Honey". Bei den Stones "Time Is On My Side" - also die Schieber, deren Qualität man an ihrer Länge bemaß, also "House Of The Rising Sun" von den Animals hatte mehr als sieben Minuten. Da lohnt es sich natürlich mal aufzufordern. Klammer-Blues.

ABENDBLATT: Gibt es ein tägliches Ritual, auf das Sie nicht verzichten möchten?

VON DER LIPPE: Aufstehen ist was Schönes! Ich muss ja um 20 Uhr den Höhepunkt meiner Leistungskraft haben, da macht es wenig Sinn, wenn ich um sechs aufstehe. Ich stehe um halb zehn auf. Normalerweise fangen meine Tage mit ein bisschen Sport an. Dann duschen, frühstücken - und dann gehts an die Arbeit. Meistens schreiben.

ABENDBLATT: Wo wir gerade beim Aufstehen waren - wofür würden Sie denn mitten in der Nacht aufstehen?

VON DER LIPPE: Mittlerweile wohl für kaum noch etwas. Aber wenn es mich überwältigt, dann mache ich mir nachts gern ein dunkles Brot mit Ölsardinen. Die können auch gern scharf sein.

ABENDBLATT: Welche Eigenschaft mögen Sie an anderen Menschen besonders?

VON DER LIPPE: Ich mag Freundlichkeit, Humor, Bildung. Aber in erster Linie mag ich Charme. Und was ich besonders schätze: Die Bereitschaft, sich von der eigenen Meinung zu verabschieden, wenn jemand anders mit guten Argumenten kommt.

ABENDBLATT: Wenn Sie eine "Untat" in Ihrem Leben rückgängig machen könnten, welche wäre das?

VON DER LIPPE: Es gibt natürlich eine Menge Sachen, die ich gern rückgängig machen würde. Die ich Ihnen aber nicht unbedingt erzählen würde.

ABENDBLATT: Mit welchen Marotten können Sie Ihre Umgebung zum Rasen bringen?

VON DER LIPPE: Ich bin schon launisch. Wenn man zwei Monate unterwegs und das Publikum nicht ganz so anspringt wie am Abend vorher, dann gerät man in die Versuchung, zu sagen: die sind aber auch heute . . ! Wobei man ganz genau weiß, dass die natürlich nicht blöd sind. Das sind Menschen, die haben genauso viel bezahlt wie die am Abend vorher, die haben Anrecht auf eine Spitzenleistung. Wenn man anfängt, auf die Kunden sauer zu werden, das ist immer ein Zeichen, dass es körperlich jetzt ein bisschen bergab geht.

ABENDBLATT: Was Sie zunächst gar nicht gemerkt haben?

VON DER LIPPE: Das ist der Nachteil dieses Berufes: Man merkt nicht, wie sehr das einen schlaucht, weil es ja so viel Spaß macht. Trotzdem ist es eine enorme Energieleistung, Abend für Abend zweieinhalb Stunden alles rauszuhauen, was man hat. Wenn dann so ein Abschnitt vorbei ist, dann geht man und haut zwölf Fernsehsendungen in sechs Tagen raus, das macht die Akkus auch nicht gerade voll.

ABENDBLATT: Was bedeutet Ihnen Geld? Sie haben mal gesagt, Sie seien sparsam - außer bei Büchern.

VON DER LIPPE: Ja. Aber auch beim Essen nicht. Bücher, Musik, Essen und Trinken - da gucke ich nicht auf den Pfennig. Und auch nicht, wenn meine Frau etwas haben möchte. Natürlich ist es eine gewisse Beruhigung, dass ich mittlerweile einen Sparstrumpf habe für die Tage, wo ich möglicherweise nicht mehr so gefragt bin, womit ich mich eigentlich nicht auseinandersetzen möchte, denn meine Wunschvorstellung ist ja, auf der Bühne zu sterben. Da ist Jopi Heesters schon unser aller Vorbild.

ABENDBLATT: Von welcher Kultursparte haben Sie definitiv am wenigsten Ahnung?

VON DER LIPPE: Ich würde sagen: Ausdruckstanz und Synchronschwimmen. Auch Opern haben sich mir zur Gänze noch nicht erschlossen. Ich habe es versucht, aber es haut nicht hin. Ballett genauso.

ABENDBLATT: Muss ja nicht.

VON DER LIPPE: Ich wunder mich immer, wenn Leute von der Oper schwärmen. Wenn ich gerade sterbe, hätte ich nicht das Bedürfnis, eine schwere Partie zu singen.

ABENDBLATT: Von wem kam Ihr schönstes Lob?

VON DER LIPPE: Ich glaube, das ist eine sehr intime Frage.

  • Alles was ich liebe: Jürgen von der Lippe im St.-Pauli-Theater: 22.-26. März, Karten (14,20 bis 39,50 Euro) unter 040/47 11 06 66.

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