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Kultur & Live

Laeiszhalle

Ein kraftvoller und völlig ungesüßter Mendelssohn

HAMBURG. Es war ein Abend voller geglückter Überraschungen in der Laeiszhalle, obwohl das Programm des NDR-Sinfonieorchesters Standards angekündigt hatte. Mit seinem Chefdirigenten Christoph von Dohnanyi eröffnete es mit Györgi Ligetis "Lontano" - eine minimalistische Klangbastelei zum Einüben des großstadtlärmverstopften Gehörs auf feine und feinste Veränderungen einander überlagernder Klangflächen und melodischer Strukturen.

Dann aber Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-Moll. Der junge Violinstar Vadim Repin, der sich aus Nowosibirsk auf die Podien der großen Konzertsäle der Welt katapultiert hat, ging es kraftvoll und völlig ungesüßt an - mit dem über die volle Länge ausgenutzten Bogen und einer intensiven, komprimierten und vor Spannung vibrierenden Tongebung spielte er jede einzelne Note aus, suchte selbst im langsamen Satz das Drama der Romantik und nicht ihren Zuckerguss.

Diese eher an Beethovenscher Schroffheit und Bachscher Konsequenz und Strenge orientierte Auffassung war anfangs gewöhnungsbedürftig. Für das Orchester offenbar, dem im Eingangssatz die großen Linien zunächst wegbröckelten, sodass das geistige Band um die Teile sich nicht schloss. Das änderte sich aber bald. Im zweiten und dritten Satz

Ein überzeugendes Programm für die Konzertreise nach New York

führte Christoph von Dohnanyi seine Sinfoniker zu einer ähnlich unprätenziösen und zwingenden Dichte und selbstbewussten Gefühlsstärke, wie sie auch Repin durchhielt. Dem allerdings auch der begeisterte Applaus keine Zugabe entlockte.

Ähnlich näherte sich von Dohnanyi Mahlers erster Sinfonie in ihrer viersätzigen Fassung von 1910. Er wählte vom tastenden Anfang an durchweg langsame Tempi, die Mahlers "Titanen" zunächst als müden Riesen vorführten. Ein risikoreiches Experiment, denn damit fällt das Tempo als vordergründige Klammer der vielfältig verwobenen Motivlinien aus. Andererseits wird ein tiefer Blick ins Räderwerk von Mahlers Komposition möglich, über den andere Dirigenten mit viel Drive gern hinweghuschen. Im einleitenden Satz knackte es denn anfangs auch kräftig im Gebälk, fanden die sinfonischen Bausteine nicht recht zueinander, es fehlte noch an innerer Spannung.

Ein guillotinenhaft schneidender Fanfarenstoß gegen Ende des ersten Satzes wurde zum Wecksignal (Weltklasse die Blechsektion des Orchesters!) - von da an lief plötzlich alles und immer besser zusammen, die Sinfoniker fanden zu einem hochkonzentrierten Spiel. So kam auch die Stärke von Dohnanyis Sichtweise auf Mahler zur Geltung - die Betonung und das Ausspielen des zweifelnden Suchens im harmonischen Raum, der romantischen Sehnsucht nach Heimat, der zeitgleich immer wieder misstraut wird, bis hin zum überwältigenden Schlagwerk- und Blechgewitter des Finales. Standing Ovations, Bravorufe - mit diesem Programm werden die Sinfoniker bei ihrer Konzertreise nach New York, die Ende kommender Woche beginnt, überzeugende Botschafter für Hamburg und die Elbphilharmonie sein.hjf

 

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