Ausstellung: Erstmals nach über 60 Jahren sind Kostbarkeiten zu sehen, die die Sowjets nach dem Krieg an sich brachten
Der Merowinger-Schatz - Moskau zeigt Beute aus Berlin
Bis vor zehn Jahren bestritten die Russen noch, deutsche Kunstwerke zu besitzen. Dass sie jetzt die Preziosen der großen fränkischen Herrscher hervorholten, zeugt von neuem Pragmatismus. Über weitere Projekte wird bereits verhandelt.
Hamburg. Die Dame ist eine lebende Legende, nicht nur aufgrund ihrer 85 Jahre. Ihren schillernden Ruf verdankt Irina Antonowa, die Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, weniger der Kompetenz als namhafte russische Kunsthistorikerin, sondern weit mehr dem Umstand, dass sie eine wichtige, vielleicht sogar die eigentliche Schlüsselfigur im Streit um die sogenannte Beutekunst ist. Das Wort hört sie nicht gern, und sie selbst würde es auch nie in den Mund nehmen, die elegante alte Dame spricht vielmehr von "kriegsbedingt in die Sowjetunion verbrachten Kunstwerken". Jetzt war sie Gastgeberin, als im Puschkin-Museum die Ausstellung "Die Merowinger. Europa ohne Grenzen" eröffnet wurde. Sie zeigt erstmals seit mehr als sechs Jahrzehnten hochkarätige Kunstwerke, die aus Deutschland stammen und für die deutsche und westeuropäische Geschichte von enormer Bedeutung sind.
Was da im "Weißen Saal" des Moskauer Puschkin-Museums zu sehen ist, wirft ein neues Licht auf die dunkle Umbruchszeit zwischen Spätantike und frühem Mittelalter. Zu sehen sind fein gearbeitete, mit geheimnisvollen Symbolen verzierte Anhänger aus Gold, Armreifen und Ringe von bemerkenswerter handwerklicher Qualität, eine silberne Schwertscheide, die mit der Figur eines Werwolfs geschmückt ist, vier goldene Halsringe eines pommerschen Fürsten, die es auf ein Gesamtgewicht von 1,4 Kilo bringen - insgesamt 700 Kostbarkeiten aus dem fünften bis achten nachchristlichen Jahrhundert. Sie stammen aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte, und ginge es nach Prof. Wilfried Menghin, dem Direktor des zu den Staatlichen Museen zu Berlin gehörenden Hauses, müssten sie auch möglichst bald wieder dorthin zurückkehren.
So direkt wird es der Berliner Museumsdirektor seiner Moskauer Kollegin nicht gesagt haben, und das wäre auch kaum nötig, denn jeder kennt hier die Haltung des anderen. Die deutsche Seite - von den betroffenen Museumsleuten bis zur Kanzlerin und dem eigens zur Ausstellungseröffnung nach Moskau angereisten Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) - beruft sich auf die Haager Landkriegsordnung, die Beutenahme von Kulturgut im Krieg völkerrechtlich verbietet. Nach russischer Rechtsauffassung handelt es sich dagegen um eine legitime Kompensation für jene russischen Kulturgüter, die von der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs zerstört worden sind. Trotz des Vetos des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin verabschiedete die Staatsduma 1998 ein Gesetz, in dem die Beutekunst zum russischen Staatseigentum erklärt wird. Damit ist eigentlich jeder Kompromiss verbaut.
Irina Antonowa, von der der Dresdner Museumschef Martin Rothe behauptet, niemand trage den Leninorden am Chanelkostüm dekorativer als sie, gilt geradezu als Verkörperung der harten russischen Position. Sie selbst gehörte zwar nicht, wie mitunter behauptet wird, einer jener "Trophäenkommissionen" an, die 1945 deutsche Museen, Schlösser und Depots systematisch nach Kunstwerken durchsuchten und diese dann in die Sowjetunion verbrachten. Aber als junge Kunsthistorikerin war sie dabei, als im Moskauer Puschkin-Museum die deutsche Beutekunst waggonweise angeliefert wurde.
Über das, was sich in den Depots im Keller des geschichtsträchtigen Hauses an der Moskauer Ulitza Wolchonka befindet, hat sie jahrzehntelang geschwiegen. Auch wenn sie heute das Vorhandensein von "kriegsbedingt in die Sowjetunion verbrachten Kunstwerken" nicht mehr leugnet, gewährt sie deutschen Museumsmitarbeitern nur in äußerst beschränktem Umfang Einblicke in ihre Depots.
Die Schätze der Merowinger, die jetzt zum spektakulärsten Moskauer Ausstellungsereignis des Jahres werden dürften, waren schon vor Beginn des Bombenkriegs vom Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte in drei großen Holzkisten in den Flakturm am Zoo gebracht worden. Hinter meterdicken Betonwänden lagerten dort unermessliche Kunstwerke aus verschiedenen Museen: Teile des Pergamonaltars, Gemälde, vorkolumbianischer Schmuck, antike Plastiken. Am 7. Mai 1945 rollte eine "Trophäenkommission" mit schweren Lastwagen an, packte die Kunstwerke ein und transportierte sie nach Moskau.
Jahrzehntelang drang nichts mehr über den Verbleib der Merowinger-Sammlung an die Öffentlichkeit. Das änderte sich erst mit dem Untergang des Kommunismus, Anfang der 1990er-Jahre bekannte sich Russland dazu, in großem Umfang Kulturgüter aus Deutschland abtransportiert zu haben. Dieselbe Irina Antonowa, die bis dahin jeden Besitz deutscher Kunstwerke weit von sich gewiesen hatte, sorgte 1996 für eine Sensation, als sie im Antikensaal ihres Museums den von Heinrich Schliemann entdeckten "Schatz des Priamos" präsentierte, von dem Experten jahrzehntelang geglaubt hatten, er sei eingeschmolzen worden oder auf andere Weise verloren gegangen.
Dass auch die jetzige Ausstellung als Sensation bezeichnet wird, liegt nicht nur am kunst- und kulturgeschichtlichen Rang der Objekte, sondern auch an der deutsch-russischen Kooperation, die ungeachtet der gegensätzlichen Rechtsposition zustande kam: Vorbereitet wurde die Schau von deutschen und russischen Experten, der Katalog ist deutsch-russisch, und das Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte steuerte 200 Leihgaben bei. "Wir haben das ganz bewusst getan, um zu zeigen, dass die Sammlung zusammengehört", sagte Museumsdirektor Prof. Wilfried Menghin gestern dem Abendblatt. "Wir sind pragmatisch damit umgegangen, denn wichtig ist vor allem, dass die Objekte, die 60 Jahre nicht zu sehen waren, jetzt wieder gezeigt werden und in den Kreislauf der Wissenschaft zurückkehren."
Die Zusammenarbeit sei am Anfang sehr gut gewesen, habe sich aber in letzter Zeit etwas schwieriger gestaltet, meint Menghin, der dennoch optimistisch ist, weitere Projekte mit den russischen Kollegen realisieren zu können. "Wir planen in zwei Jahren eine große Ausstellung mit Objekten aus der Bronzezeit, die etwa nach dem gleichen Modell ablaufen wird wie die jetzige Schau", sagt der Berliner Museumsdirektor, der gleichwohl von widersprüchlichen Gefühlen erfüllt ist, wenn er die Kunstwerke in Moskau betrachtet, die eigentlich Eigentum seines Hauses sind.
Für die Bronzezeit-Ausstellung im Jahr 2009 hält Irina Antonowa einen besonderen Knüller in ihrem Geheimdepot bereit: Dann soll erstmals wieder der Goldschatz aus Eberswalde zu sehen sein, bei dem es sich um den größten vorgeschichtlichen Goldfund handelt, der jemals in Deutschland entdeckt wurde.
So erfreulich die Kooperation zwischen den deutschen und russischen Museen auch ist, sie bleibt auf das russische Territorium beschränkt. Würden die Beutekunstobjekte zu Ausstellungen in die Bundesrepublik gebracht, müssten die Behörden sie sofort beschlagnahmen - denn hier gilt nicht der Duma-Beschluss, sondern deutsches Recht.




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