Politische Ikonografie: Was der Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke im Warburg-Haus wiederbelebt hat
Das unbewusste Bildgedächtnis der Menschheit
Die Wahrheit hinter den Bildern: wie eine alte kunsthistorische Methode im Warburg-Haus für die Gegenwart fruchtbar gemacht wird.
Hamburg. Ein oberflächlicher Betrachter wird den fünf Alben kaum mehr als flüchtige Aufmerksamkeit widmen. Gewiss, viele interessante Bilder aus der NS-Zeit, doch letztlich nur ein privates Erinnerungsstück, nicht unbedingt von allgemeinem Interesse. Für Martin Warnke dagegen sind die betagten Bände mit den kommentarlos eingeklebten Bildern ein Schatz. "Ein glücklicher Zufall, dass sie bei uns gelandet sind", sagt der Hamburger Kunsthistoriker, der die Alben von der Besitzerin geschenkt bekam, weil diese ahnte, dass sie erhaltenswert seien. "Das ist eine Art Bildertagebuch, das die Erlebniswelt eines deutschen Mädchens über einen längeren Zeitraum anschaulich macht. Besonders daran ist, dass es keine privaten Dokumente sind, die zusammengetragen wurden, sondern Fotos und andere Fundstücke aus Zeitungen."
Was diesen Nachlass für Martin Warnke so besonders macht, sind nicht nur die vielen unbekannten Fotos. Es ist auch nicht allein das persönliche Erleben von Geschichte in Bildern, die dokumentieren, wie sich eine junge Frau vom bejubelten Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und Italien hatte verführen lassen, bevor sie den mörderischen Charakter des Regimes nach und nach erkannte. Für den Kunsthistoriker steckt noch mehr in diesen Bänden, nämlich das kollektiv Unterbewusste, das sich im Privaten verbirgt.
Auch Martin Warnke ist ein Bildersammler, der oft in Zeitungen und Zeitschriften fündig wird. Doch es ist nicht sein persönlicher Blick, der die Auswahl bestimmt. Warnke sucht stattdessen nach Belegen für eine versteckte Grammatik, die unserer Bildsprache immer wiederkehrende Formen gibt. Das ist eine Arbeit, die nie endet, und Martin Warnke ist auch vier Jahre nach seiner Emeritierung ein vielbeschäftigter Wissenschaftler: Er schreibt weiter fleißig Bücher und Artikel, wird oft zu Vorträgen eingeladen und betreut noch 15 Doktoranden. Vor allem aber kümmert er sich um sein größtes Werk, das Warburg-Haus in der Heilwigstraße. Warnke hat diesen Ort, aus dem Aby Warburgs Kulturwissenschaftliche Bibliothek 1933 von den Nationalsozialisten vertrieben worden war, wieder zum Leben erweckt. Als er 1990 den mit drei Millionen D-Mark dotierten Leibniz-Preis erhielt, investierte er das Geld komplett in die Rekonstruktion der nach England evakuierten Warburg-Bibliothek - woraufhin die Stadt die Kosten für die Sanierung des Backsteinbaus übernahm und Mäzene eine Stiftung ausstatteten, deren Zinserträge den laufenden Betrieb des Hauses sichern.
"Der Betrieb kostet die Stadt keinen Pfennig", sagt Warnke und erzählt en passantvon den vielen internationalen Gästen, die sich hier fast die Klinke in die Hand geben. Das Warburg-Haus hat großes Renommee; ebenso wie Martin Warnke, der im November 2006 für sein Lebenswerk den mit 100 000 Euro dotierten Gerda-Henkel-Preis erhalten hat und den wissenschaftlichen Anspruch der Einrichtung repräsentiert. Dieses ist besonders wirkungsvoll, wenn er Gäste durch den ovalen Bibliotheksraum führt, der dem zerstörten Original nachempfunden wurde und dessen Regale schon wieder sehr gut bestückt sind. Warnkes eigentliches Arbeitsfeld aber ist ein nüchterner kleiner Raum einige Treppen weiter oben. Dort befindet sich das Herzstück des Hauses, die Forschungsstelle für politische Ikonografie, die über die Methode das Werk des Gründers Aby Warburg (1866-1929) fortsetzt.
Es war nicht weniger als ein Bildgedächtnis der Menschheit, das Warburg zu erforschen und zu sammeln begonnen hatte. "Er hat kosmologisch gedacht, wir beschränken uns auf die politische Ikonografie", sagt Warnke. Dennoch umfasst der Bildindex, der im Warburg-Haus zusammengetragen wurde, schon etwa 400 000 Karten - ein reicher Fundus, der kaum im öffentlichen Bewusstsein ist. "So sind Archive eben: Sie warten, bis jemand kommt, den es interessiert", sagt Warnke lakonisch. Der Index, eine Art Gliederung der Sammelgebiete, ist auf der Homepage www.warburg-haus.de einsehbar, 10 000 Bilder sind bereits digitalisiert, und an einem Bilderhandbuch wird gearbeitet.
Die Grundidee der Ikonografie fasst Warnke kurz zusammen: "Das Denken funktioniert im Wesentlichen über Bilder. Wenn etwas mitgeteilt werden soll, muss es sinnliche Zeichen dafür geben." Einher mit der unmittelbaren Überzeugungskraft, der Anschaulichkeit im wahrsten Sinne des Wortes, geht die Möglichkeit der subtilen Beeinflussung. "Bilder können Vorstellungen, Vorurteile, ideologische Einflüsse und Wirkungsabsichten enthalten, die nicht ohne Weiteres verbalisierbar sind, aber wirksam werden. Überdies gibt es das, was die Werbung soziale Erinnerung genannt hat: soziale Formeln, die sich im kollektiven Bewusstsein festsetzen und abgerufen werden."
Hier setzt die politische Ikonografie ein, die wirkungsmächtige Bildmotive bis hinein in die heutige Zeitungslandschaft verfolgt. "In unserem Bildindex ist auch einiges vom Abendblatt", sagt Warnke.
Insbesondere die Selbstdarstellung von Herrschaft ist Gegenstand der Untersuchung. Der Herrscher als römischer Gott, als Künstlergenie, als Musiker - allesamt Motive, die einen Imagegewinn versprechen und sich über lange Zeiträume bis in unsere Zeit nachweisen lassen. So taucht George W. Bush in einer Karikatur als Jupiter auf, Hitler wurde zum genialen Maler stilisiert, Bill Clinton spielte öffentlich Saxofon.
Doch die Aufklärungsarbeit der Kunsthistoriker kann der Flut der Bilder nicht mehr folgen. Kino, Fernsehen und Internet sind praktisch nicht mehr erfassbar. Deshalb fordert Warnke: "Wir müssen uns, wenn wir relevant bleiben wollen, mit den wichtigsten visuellen Medien der Gegenwart beschäftigen. Es fehlt an der Analyse der visuellen Strategien, die dort inszeniert werden."





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