Carol von Rautenkranz erklärt, warum die Probleme seines Labels symptomatisch sind für die Lage der Musikbranche.

Hamburg. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die viel kräftiger strahlen als die großen. Zwar wurde 2002 der Umzug der Plattenfirma Universal Music von Hamburg nach Berlin kollektiv bejammert. Doch letztlich ist dieses Großunternehmen ein Global Player, der an der Spree ebenso wirken kann wie an der Elbe. Weitaus prägender für die lokale Musikszene der Hansestadt war und ist das kleine Label L'Age d'Or, das seit seiner Gründung im Jahr 1988 Heimat der viel zitierten "Hamburger Schule" ist. Bands der Anfangsjahre wie Huah! und Die Regierung, später Die Sterne und Tocotronic etablierten eine Aura zwischen coolem Understatement und intellektuellem Sex-Appeal, die Fans aus dem gesamten Bundesgebiet zu Besuchern - und Bewohnern - Hamburgs machte. Eine Sogwirkung, die keine Armada von Stadtmarketingspezialisten mit noch so ausgetüfftelter Promotion hinkriegen würde.

Doch dieses "Goldene Zeitalter", wie die Plattenfirma übersetzt heißt, ist (fast) Geschichte. Die Lado Musik GmbH um Gründungsmitglied und Chef Carol von Rautenkranz ist nur knapp der Insolvenz entgangen. Eine Krise, die eng verzahnt ist mit den Entwicklungen in der Musikbranche. Auch jüngere Hamburger Labels haben zu kämpfen. Grand Hotel von Cleef hat die Gewinne von Erfolgsbands wie Tomte und Kettcar in Newcomer wie Pale investiert, die sich aber als nicht rentabel erwiesen. Tapete Records lebt weniger von CD-Verkäufen, sondern mehr von Promotion und Tour-Booking für die Bands.

"Wir haben das Label als Musikbegeisterte angefangen - nicht unbedingt mit dem Ziel, ein Wirtschaftsunternehmen daraus zu machen", erzählt von Rautenkranz von den Anfängen. Tatsächlich blieb der kommerzielle Erfolg zunächst aus. Nach drei Jahren hatten sein Mitstreiter Pascal Fuhlsbrügge und er erst einmal 100 000 Mark minus auf dem Konto. Hilfe holten sich die Überzeugungstäter bei den Großen, von denen sie ja eigentlich unabhängig agieren wollten, "indie(pendent)" eben.

"Wir waren gezwungen, unseren ersten Labeldeal mit der Polydor-Abteilung ,Progressive' zu machen, damals geleitet von Tim Renner, dem späteren Chef von Universal Music." Ein einfaches Prinzip: Der liquide Major unterstützte die kleine Firma für drei Jahre auf der Vermarktungsebene, sponserte Büro und Produktion. Dafür sicherte sie sich das Erstoptionsrecht auf erfolgreiche Acts. "Das ist so, als würde eine große Arzneimittelfirma einen kleinen Entwickler unterstützen", erklärt von Rautenkranz.

Das Finanzpolster schuf die Basis, um langfristige Aufbauarbeit zu leisten, zum Beispiel neue Gruppen zu akquirieren und das Sublabel Ladomat für elektronische Musik zu gründen. Aushängeschilder wie Die Sterne und Tocotronic erhielten zudem über Einzelverträge mit Sony und Motor Music PR-Rückendeckung. "Beide Bands kamen von ein paar Tausend verkauften Tonträgern auf 60 000 plus X, was für damalige Verhältnisse für deutschsprachige Indie-Bands sehr erfolgreich war." Ein Domino-Effekt: hoher Plattenverkauf, mehr Fans bei Auftritten, wieder neue Käufer.

Doch selbst Dauerbrenner wie Tocotronic blieben nicht davon verschont, dass der Markt in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent eingebrochen ist. Zwar eröffnete L'Age d'Or vor drei Jahren einen Downloadshop im Internet, um online keine Kunden zu verlieren. Doch die Indie-Fans seien eher Menschen, die - wenn überhaupt - physisch greifbare Alben kaufen. "Hinzu kam, dass die Deals mit den Majors wegen der Fusionen in der Branche schwieriger wurden." Derzeit sind rund 75 Prozent des Geschäfts in den Händen der vier Multis Universal Music, Sony BMG, EMI und Warner Music. Die übrigen 25 Prozent decken die "Indies" ab.

Neben diesen Entwicklungen kam das Label ins Schlingern, weil es den Vertrieb gewechselt hatte. "Wir haben viele Retouren bekommen. Das heißt, wir mussten Ware zurücknehmen, die wir vor drei Jahren eigentlich schon verkauft hatten." Konsequenz: "Aus eigener Kraft, ohne Deals, waren wir nicht mehr fähig, den Cash-Flow so hoch zu halten, dass wir unsere laufenden Rechnungen zahlen konnten. Da haben wir uns verkalkuliert."

Mithilfe eines Vergleichs konnte die Insolvenz abgewendet werden. Die Gläubiger - Bands, Presswerke, Lieferanten, Grafiker, Studios, Druckereien und Promotionfirmen - erhalten nun nach und nach 25 Prozent der Schulden zurück. Doch die Firma musste sich vom Zugpferd Tocotronic trennen. Und auch für das 2006 noch recht erfolgreich gestartete Sublabel Lado - für englischsprachige Bands wie The Robocop Kraus - fehlte der Atem. Von Rautenkranz musste sechs Mitarbeiter entlassen und zog als unbezahlter Geschäftsführer vom Altonaer Büro in kleinere Räume am Hauptbahnhof. "Die Lado Musik GmbH ist von seiner Struktur her fast aufgelöst." Das Lager wurde aus-, die Rechte teils an die Bands zurückverkauft. Künftig möchte von Rautenkranz sich auf sein Projekt Golden Gate Management konzentrieren, bei dem er vor allem Produzenten betreut. "Ich möchte wieder Label-Aktivitäten starten", so der Musik-Manager. Aber das Kapital dazu fehlt.

Von Rautenkranz sieht auch die Stadt in der Pflicht, ansässige Labels zu unterstützen. Die musikalische Vielfalt sei ein Pfund, mit dem Hamburg noch nicht genug wuchere. Geholfen wäre hiesigen Plattenfirmen mit einem Promotionbüro, das etwa Briefmarken für die Bemusterung der Presse mit CDs bezahlt. Allein Lado gab 20 000 Euro jährlich für Porto aus. In Wien würde die Förderung der sogenannten Kreativ-Industrie zeigen, dass jeder investierte Euro drei Euro Umsatz bringe. Hinzu kommt, wie von Rautenkranz betont, der Image-Gewinn: "Auf jeder Platte, die von uns kommt, steht Hamburg drauf, das ist Werbung für die Stadt." Eine nicht zu verachtende Leuchtkraft.