Literaturhaus: Der Dichter Björn Kuhligk gab einen Lyrik-Workshop für Jugendliche
Wo Gedanken wilder wuchern
Hamburg. "Der Mensch zerfällt in zwei Teile", hat Kurt Tucholsky einmal festgestellt. "In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: Man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab."
Jeaninne, 16, tut es, wenn ihr die Schulstunden langweilig werden. "Da reicht die Zeit nicht für längere Texte." Jana, 18, tut es, um ihre Gefühle zu verarbeiten. "Es kommt so über mich." Nico, 18, hatte "vom vielen Nichtstun das Gefühl, sich verwirklichen zu müssen". Für Christoph, 18, ist es eine "Möglichkeit für mich zu sein", und Lisa, 17, greift nach dem Bleistift, "wenn sich wieder so ein Druck aufgebaut hat". "Dann schreib ich ein Gedicht", sagt sie, "dann ist es wieder gut."
Die Beweggründe haben eines gemeinsam: Wer "Lyrik absondert", taucht erst einmal ab. In die Sprache, in die Einsamkeit, manchmal, vielleicht, auch ein bisschen ins Kauzige. Spannend wird es beim Auftauchen. Seinen Sonntag beim Lyrik-Workshop für Jugendliche im Literaturhaus zu verbringen, kann auch bedeuten, äußerliche Eigenwilligkeit zu demonstrieren. Ein gerade volljähriger Teilnehmer trägt eine Art Zirkusdirektoren-Jackett, ein anderer eine gestreifte Pyjamahose. Nicht jeder ist gekämmt - wo Gedanken wilder wuchern, darf man das ruhig sehen. Die Mädchen, die sich für den zweitägigen Lehrgang des Berliner Lyrikers Björn Kuhligk angemeldet haben, verströmen Schulsprecherinnen-Charme, haben lange Haare, in der Regel blond, eine hennagefärbt, eine mit Kopftuch, alle hübsch. Der Raum dagegen ist nüchtern: Schmucklose Wände umrahmen zusammengeschobene Tische, nur das rote Linoleum scheint sich zaghaft dagegen aufzulehnen. Ein bisschen ist es wie in der Schule, mit dem Unterschied, dass hier alle freiwillig sitzen. Leistungskurs Lyrik.
Zum strengen Lehrer allerdings taugt Björn Kuhligk, der vier Gedichtbände geschrieben und die Anthologie "Lyrik von Jetzt" herausgegeben hat, auf den ersten Blick nicht. In seinem Ringelpulli wirkt der 31-Jährige nicht dramatisch älter als seine Kursteilnehmer, natürlich wird er geduzt. "Antippen" will er, sagt Kuhligk, "Denkprozesse anregen", inhaltlich könne man ja ohnehin nicht so viel weiterhelfen. "Aber so ein Workshop kann helfen loszuwerden, was man in der Schule mitbekommen hat."
Laut lesen hilft. Jan ist der Erste. Aus seiner verwitterten Kladde trägt er Handschriftliches vor, Liebespoesie über Sommerzimmer und die "Melodie der Melancholie", das eigentlich alle "sehr schön" finden, bloß über die Verwendung des Wortes "kotzen" entspinnt sich eine höfliche Diskussion. "Zu hart", findet Nico, "das passt nicht ins Bild". "Das musste aber sein", erklärt Jan, und Christoph mit den blonden Engelslocken pflichtet ihm bei: "Es gibt nichts Vergleichbares zu ,kotzen'. So vom Gefühl her."
Gelesen wird in zwei Runden. Neun Teilnehmer, je zwei mitgebrachte Gedichte und ein spontan entworfenes Haiku, dazwischen sanfte Kritik und sehr viel Stille. Gefühle brauchen Raum, und Kuhligk gewährt ihn. Seine Arbeiten kennt hier übrigens keiner, was sicher schade, vor allem aber symptomatisch ist für den Stellenwert zeitgenössischer Lyrik: Viele schreiben sie, wenige lesen sie. Auch Kuhligk arbeitet nebenbei in einem Brotberuf, ist nicht nur Lyriker, sondern auch Buchhändler. Im Workshop gibt er nur selten konkrete Änderungsvorgaben, fragt lieber nach, beschreibt, schlägt Umwege vor.
Den Jugendlichen scheint diese behutsame Anleitung zu entsprechen, nur Nico findet es "unglaublich eklig, ein Gedicht zu zerlegen". Zum zweiten und zugleich letzten Workshop-Teil am nächsten Sonntag muss er das auch nicht. Großstadtverse sind gewünscht, die bei Gefallen im Sommer auf über 5000 Plakaten deutschlandweit die Innenstädte schmücken sollen. Eine Jury entscheidet über die Ergebnisse. Die Hausaufgabe lautet also: Dichten. Schreiben. Abtauchen. Oder, wie Tucholsky so hübsch selbstironisch bemerkte: gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzen. Und dann, aus vollem Herzen: Lyrik absondern.




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