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Kultur & Live

Architekturdebatte: Die Meinung des Hamburger Oberbaudirektors

Der Domplatz - die vertane Chance

Jörn Walter nimmt Stellung zum Abendblatt-Beitrag des Architekten Jörg Friedrich.

ABENDBLATT: Jörg Friedrich diagnostiziert ein "verklemmtes Verhältnis von Politik zur Architektur". Widersprechen Sie?

JÖRN WALTER: Das kann man nicht sagen. Zumal sich einige politisch sehr exponierte Persönlichkeiten für die Architektur und für die Moderne an diesem Standort ausgesprochen haben.

ABENDBLATT: Friedrich sieht in der Stadt keine Chance für zeitgenössische Architektur mit repräsentativem Anspruch. Hat er nicht recht?

WALTER: Man kann aus der Domplatz-Diskussion diesen Schluss ziehen. Trotzdem werde ich die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir für solch prominente Orte auch Lösungen finden, die so exponiert sind, wie diese Orte es erfordern.

ABENDBLATT: Bedauern Sie, dass das Projekt von Auer + Weber nicht realisiert wird?

WALTER: Ich finde das schon schade. Die Bibliothek wäre an diesem herausgehobenen und zentralen Ort ein echtes Zeichen für den Stellenwert von Bildung und Wissenschaft in Hamburg gewesen. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass dieser Entwurf sehr viel dazu hätte beitragen können, die Innenstadt mit dem Kontorhausviertel und der HafenCity gut zu verknüpfen.

ABENDBLATT: Woraus resultiert die breite Front der Ablehnung gegenüber diesem Projekt?

WALTER: Ich weiß gar nicht, ob die Front wirklich so breit war oder ob sie nicht in Wahrheit von den Medien herbeigeredet und -geschrieben worden ist. Das sage ich offen, zumal ich auch ganz andere Stimmen gehört habe.

ABENDBLATT: Dass es zahlreiche Kritiker gab, werden Sie sicher nicht bestreiten.

WALTER: Das Problem bei Architekturdiskussionen ist ja, dass sich zunächst vor allem die Gegner äußern. Mit der Meinungsäußerung von Friedrich dreht sich das ja gerade um. In dem Moment, in dem eine andere Entscheidung gefallen ist, melden sich auf einmal die, die dafür sind. Ich freue mich zwar darüber, meine aber, dass das schon zu einem früheren Zeitpunkt hätte geschehen sollen.

ABENDBLATT: Ist der Verzicht auf die Domplatz-Bebauung nicht eine vertane Chance enormen Ausmaßes?

WALTER: Ja, ich persönlich empfinde das so.

ABENDBLATT: Friedrich fragt: "Ist die Architekturfeindlichkeit in Hamburg möglicherweise dem politischen Mittelmaß, dem kleinsten gemeinsamen Nenner, geschuldet?" Was meinen Sie dazu?

WALTER: Nein, so würde ich das nicht sehen. Wir haben uns ja in Hamburg mit vielen anderen Projekten durchaus der Zukunft zugewandt. Natürlich ist das ein ständiges Werben, aber ein so generelles Urteil würde ich für Hamburg nicht gelten lassen.

ABENDBLATT: Halten Sie die Hamburger in Sachen Architektur für zu konservativ?

WALTER: Natürlich gibt es auch in dieser Stadt eine Strömung, die sich sehr stark an der Vergangenheit orientiert.

ABENDBLATT: Eine Sehnsucht nach Historismus?

WALTER: Nein, so etwas dominiert glücklicherweise in Hamburg dann doch nicht, übrigens anders als in anderen deutschen Städten. Ich bin auch froh, dass sich Hamburg in den 80er-Jahren nicht so sehr der Postmoderne angeschlossen, sondern im Kern eine moderat-aufgeschlossene Haltung bewahrt hat. Vielleicht fehlt ein bisschen der Mut, an der einen oder anderen Stelle ein echtes Zeichen in Richtung Zukunft zu setzen.

ABENDBLATT: Die Kultursenatorin meint, die Domplatz-Bebauung solle man nun künftigen Generationen überlassen. Legen Sie diese Aufgabe jetzt auch für Ihre Nach-Nachfolger zu den Akten?

WALTER: Das sehe ich nicht so. Ich denke, dass sich die Aufgabe Domplatz in nicht allzu ferner Zukunft wieder stellen wird. Außerdem muss man noch einmal ganz deutlich sagen, dass dieses Projekt nicht an der Architektur gescheitert ist, sondern an der Kostenfrage.

 

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