Der mexikanische Regisseur hat in seinem Film drei Geschichten auf vier Kontinenten verwoben. Großes Kino, bei dem die Handlung wichtiger ist als das Star-Aufgebot.
Hamburg. Warum verstehen die Menschen einander nicht? Was haben wir überhaupt mit Leuten zu tun, die weit von uns entfernt leben? Das sind Fragen, die über die Tagesaktualität hinausreichen und schon ins Politisch-Philosophische gehen. Ein Film sucht jetzt nach Antworten. "Babel" erzählt gleich vier Geschichten, die auf drei Kontinenten spielen und doch alle kunstvoll miteinander verflochten sind. Der mexikanische Regisseur Alejandro Gonzalez Iñarritu ("21 Gramm", "Amores Perros") hat sich auf eine poetisch-bildgewaltige Sinnsuche begeben und Stars wie Cate Blanchett und Brad Pitt neben marokkanischen Laien spielen lassen. In Cannes gewann der Mexikaner dafür den Preis für die beste Regie.
Zur Person: Alejandro Gonzalez Iñarritu
Kleine Ursachen haben in den Filmen des Regisseurs oft eine große Wirkung. In diesem Fall ist es ein Schuss, der die Ereignisse ins Rollen bringt. Zwei marokkanische Jungs schießen aus Übermut mit einem Gewehr ihres Vaters auf einen weit entfernten Bus - und verletzen die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett) schwer. Sie wollte Urlaub machen, um Eheprobleme zu bewältigen. Jetzt ist ihr Mann Richard (Brad Pitt) verzweifelt. Sie sind weit vom nächsten Krankenhaus entfernt. Nur einen Tierarzt können sie auftreiben.
In ihrem Haus in San Diego kümmert sich derweil Kinderfrau Amelia (Adrianna Brazza) um den Sohn und die Tochter des Paares. Weil die Eltern nicht wie erwartet zurückkehren, nimmt sie die Kinder mit zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko.
In Tokio sieht die taubstumme und verzweifelt nach Liebe suchende Chieko (Rinko Kikuchi) in den Nachrichten Meldungen vom angeblichen Attentat auf US-Touristen in Nordafrika. Ihr Vater hatte einst seinem marokkanischen Jagdbegleiter ein Gewehr geschenkt . . .
Anstrengend, erinnert sich der Regisseur, seien die Dreharbeiten gewesen. "Es hat fast ein Jahr gedauert. Jedes Mal wurden verschiedene Kulturen miteinander konfrontiert, auch die Crew kam aus der ganzen Welt. Das Wetter war gegen uns, es war sehr heiß in Marokko und Mexiko. Und mit Laiendarstellern zu arbeiten, deren Sprache man nicht spricht, macht es sogar noch komplizierter." So musste Cate Blanchett von einer Szene 70 Einstellungen drehen, weil die alte Marokkanerin, die mit ihr agierte, nicht verstanden hatte, was Iñarritu von ihr wollte. "Wenn man ihr schon 25-mal erklärt hat, was sie tun soll, sie aber am Ende der Einstellung doch wieder in die Kamera lächelt, möchte man sich am liebsten umbringen. Aber diese sehr bescheidenen Leute hatten noch nie eine Kamera gesehen." Die Kommunikationsprobleme der Handlungsebene fanden sozusagen hinter der Kamera ihre Fortsetzung.
Iñarritu wollte einen Film über Vorurteile machen und konfrontierte deshalb verschiedene Kulturen miteinander. "Niemand ist mehr oder weniger als irgendjemand anderes. Ich wollte diese prominenten Darsteller in ein menschliches Mosaik hineinmischen, damit sie als Menschen und nicht als Prominente wahrgenommen werden." Tatsächlich überrascht gerade Brad Pitt in diesem Mosaik mit einer reifen Darstellung.
Der Film erzählt auch von Grenzen. In der in Mexiko spielenden Episode werden die Kinderfrau, ihr Sohn und die Kinder vor der Einreise in die USA von Grenzbeamten schikaniert. Eine Erfahrung, die der Regisseur am eigenen Leibe gemacht hat. "Ich weiß, wovon ich rede, denn ich muss alle sechs Monate nach Tijuana reisen, um mein Visum zu verlängern. Die Grenzbeamten lassen dich schuldig fühlen. Sie mustern dich genau, schieben Spiegel unter das Auto. Dabei sind wir nicht im Krieg und auch keine Terroristen. Es ist jedes Mal eine Erniedrigung."
Eigentlich ging es ihm gar nicht so sehr um die physischen Grenzen, weil die, wie er sagt, doch irgendwann niedergerissen werden. Iñarritu klagt: "Die Grenzen sind in uns. Die Welt ist von Ideologien verdorben worden, die in den Menschen Mauern aufgebaut haben. Egal, ob Religionen, Regierungen oder Rassen. Wenn die Hierarchien wachsen, beginnst du, die Anderen anders zu sehen, anstatt die Gemeinsamkeiten zu finden."
Dazu braucht man ein offenes Visier. Mit ganz genauen, aber abstrakten Vorstellungen war der Regisseur zunächst in die Dreharbeiten gegangen. "Aber dann ist man mit der konkreten Welt und Umständen konfrontiert, die man sich nie hätte ausdenken können. Man lässt sich inspirieren von Landschaften, Gemeinschaften, Gesichtern. Ich wollte diesem Film ein dokumentarisches Gefühl geben. Und im Schnitt muss man die Steine wieder umdrehen. Erst dann findet man heraus, was man alles mitgebracht hat. Es ist sehr lebendig."
Und doch hatte Iñarritu der "New York Times" gesagt, für diesen Film Werbung zu machen sei "selbstmörderisch". Die Leute sind neugierig, wollen viel von ihm wissen. Zu viel, findet er. "Man muss für alles Begründungen finden, auch wenn es gar keine Antworten gibt." Wenn man immer wieder darüber rede, nehme er der Sache auch ihre Magie, hadert er. "Ich fühle mich wie ein Zauberer, der seine Tricks erklären soll." Die Sorge sollte man ihm nehmen. Die Magie von "Babel" wirkt. Und er hat sich alles andere als entzaubert. So sieht großes Kino aus.














