Vertriebene Sänger, verfemte Komponisten:
Aus dem Theater gebrüllt
Fritz Busch galt als "am wenigsten deutsch unter den deutschen Dirigenten". Er verbot seinen Musikern, im Opernhaus das Hakenkreuz zu tragen, und entschloss sich 1934 zur Emigration.
Er war hochgewachsen, blond, fast massig gebaut. Vom Typus her entsprach Fritz Busch ganz und gar den Nazi-Vorstellungen vom Arier. Aber er war, wie der ungarische Dirigent Antal Dorati, Buschs Mitarbeiter in Dresden, sagte, "der am wenigsten deutsche unter den deutschen Dirigenten". Nicht ohne Grund reiste Arturo Toscanini in den späten 20er-Jahren nach Dresden, um den Verdi-Dirigenten Busch zu erleben. Später sagte er in Glyndebourne, er könne Verdi nicht besser dirigieren als sein deutscher Kollege, der sich 1948 durch eine grandiose "Otello"-Aufführung auch in die Annalen der Metropolitan Opera einschrieb.
Der am 13. März 1890 in Siegen geborene Sohn eines Instrumentenbauers - Bruder des Geigers Adolf Busch - begann 1906 mit dem Studium bei dem berühmten Brahmsdirigenten Fritz Steinbach in Köln. Nach zwei Jahren als Kurkapellmeister in Bad Pyrmont (1910 bis 1912) wurde er Musikdirektor in Aachen. Als Freiwilliger diente er im Ersten Weltkrieg. 1918 wurde Busch Generalmusikdirektor an der Stuttgarter Oper. Dort dirigierte er 1921 die Uraufführungen von Hindemiths "Mörder, Hoffnung der Frauen" und "Das Nusch-Nuschi", ein Spiel für burmanische Marionetten. 1922 übernahm er die Leitung der Dresdner Staatsoper. Zwischen 1922 und 1932 hat er dort 69 der insgesamt 113 Erstaufführungen und Neueinstudierungen vorbereitet und dirigiert. Erneut machte er mit Uraufführungen von sich reden: von Strauss' "Capriccio", (1924), Ferruccio Busonis "Doktor Faustus" (1925), Paul Hindemiths "Cardillac" (1926) und Strauss' "Die ägyptische Helena" (1928).
1924 dirigierte er die erste Bayreuther Nachkriegsvorstellung von "Die Meistersinger von Nürnberg". 1932 brachte er in Berlin, zusammen mit Carl Ebert als Regisseur, Verdis "Ein Maskenball" heraus - Großdatum der von ihm initiierten deutschen Verdi-Renaissance.
Den Nazis zeigte er von Anfang an die kalte Schulter, gerade den sächsischen, die ihm seinen "Verkehr mit Juden", die Beschäftigung jüdischer und ausländischer Sänger und ein zu hohes Gehalt vorwarfen. Immer wieder sah er sich, wie Grete Busch in ihren Erinnerungen berichtet, drohenden Pressionen ausgesetzt, er solle Mitglied der Hitlerpartei werden. Als er im März 1933 von einer Gastspielreise nach Dresden zurückfuhr - entgegen den dringenden Warnungen des Pianisten Rudolf Serkin -, weigerte er sich, sich während der Bahnreise an den Tisch Manfred von Killingers zu setzen: Er sah an der Uniform des neuen sächsischen Ministerpräsidenten das Hakenkreuz, das im Opernhaus zu tragen er seinen Musikern verboten hatte.
Am 7. März 1933 wird das Nazi-Emblem in der Dresdner Oper getragen: Rund 50 Angehörige des "Kampfbundes für deutsche Kultur" und der SA besetzten das Haus. Der Schauspieler Alexis Posse, NS-Sympathisant, ergreift die Macht im Theater und erklärt Busch für abgesetzt. Busch dirigiert dennoch, weil so rasch kein Ersatz zu beschaffen ist und wird aus dem Theater gebrüllt. Karl Böhm tritt die Nachfolge in Dresden an. Hermann Görings Scheinentschuldigungen - "planloses Vorgehen einer lokalen Stelle" - und seine wiederholten Versuche, Busch mit einer wichtigen Position an Berlin zu binden, scheitern an Intrigen anderer Nazigrößen und wohl auch am Widerstand des Umworbenen. Er wird zusammen mit Carl Ebert zu einem Gastspiel ans Teatro Colon nach Buenos Aires entsandt.
Nach Europa zurückgekehrt, entschließt er sich 1934 zur Emigration, übernimmt die musikalische Leitung der neu gegründeten Glyndebourne Opera Company und sorgt mit Carl Ebert für vielgerühmte Aufführungen von Mozarts drei Da-Ponte Opern - Sternstunden auch der Schallplatte. 1936 wird er argentinischer Staatsbürger, fünf Jahre später folgt er Erich Kleiber als Direktor des Teatro Colon in Buenos Aires. Seit 1945 arbeitet er vorwiegend an der Metropolitan Opera in New York.
Am 14. September 1951 starb Fritz Busch in London. im März 1990 ernannte ihn die Dresdner Staatsoper posthum zum Ehrenmitglied. Ein Lebensmotto des Aufrechten: "Es ist noch wichtiger, sich anständig zu benehmen, als gute Musik zu machen."
\* Der Musikjournalist Jürgen Kesting ist Stimmexperte und Initiator der Ausstellung "Verstummte Stimmen".





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